Wissenswertes zu Hasenclever (2015)

Hasenclever im „Kindler“ vor 50 Jahren

Was konnte man vor 50 Jahren in der einschlägigen Literatur über Hasenclever erfahren? Ein neugieriger Blick in die Ausgabe des Jahres 1965 des Kindler Literatur- Lexikons zeigt es schnell: Nur drei seiner Werke werden dort mit Besprechungen und Beurteilungen angeführt. Zum „Sohn“ schreibt Manfred Kluge: „Die starke Wirkung […] ging gerade von jenen typischexpressionistischen Exaltationen aus, die wenig später am Expressionismus kritisiert wurden“.Die Tragödie „Antigone“ wird von Wulf Piper mit anderen Werken dieses antiken Stoffes verglichen: „Hasenclevers Manifest hat nichts von der Wucht und der Geschlossenheit der griechischen Tragödie. Das Stück zeigt Anklänge an Georg Kaiser […], ohne diesem aber an dichterischer Ausdruckskraft gleichzukommen.“ Auch „Ein besserer Herr“ kommt bei demselben Autor nicht ohne ein „Ja, aber…“ davon: „Das Stück ist ein amüsanter und kolportagehafter Schwank mit treffsicherer Situationskomik, für eine Boulevardkomödie allerdings im Ton nicht leicht genug.“
Wie gut, dass im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts Hasenclevers Werk weitgehend „gerettet“ wurde.

Hasenclever in Enzyklopädien der Nachkriegszeit

Zehn Jahre nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe des „Kindler“ mutet dieser Artikel aus „Mayers Enzyklopädie“ (1976) heute fast historisch an – nicht nur, weil man für die Aussprache des Familiennamens noch Lautschrifthinweise bot.
Das Bild, das man 36 Jahre nach seinem Tod von Hasenclever zeichnete, hob stark die expressionistischen Werke und die Beschäftigung mit dem mystischen Werk (Swedenborgs) hervor, verzichtete aber völlig auf die Erwähnung Hasenclevers als Autor spritziger Gesellschaftskomödien mit satirischem Einschlag und oft französischem Esprit. Der fast abwesend wirkende Mensch auf dem Foto tut ein übriges.
Erstaunlich gering ist der vier Jahre nach dem „Kindler“ erschienene Informationsumfang im „Großen Brockhaus.“ von 1969. Hier werden aber wenigstens einige Komödien und interessanterweise „Die Rechtlosen“ erwähnt.

 

Der Jude Hasenclever

Für Aachen, das zum vierten Mal an diesen Kulturtagen teilnahm, beteiligte sich die Walter-Hasenclever-Gesellschaft am 26. Februar mit einem Vortrag: Walter Hasenclever. Aus einem Schriftstellerleben, verfasst, mit Bildmaterial gestützt und ausgeführt von Doris und Jürgen Lauer, in der Aula des Einhard-Gymnasiums.
Es war interessant festzuhalten, wie oft den Vortragenden in diesem Zusammenhang die Frage gestellt wurde: Gehört Walter Hasenclever, nach der Terminologie der Nürnberger Rassengesetze als Vierteljude eingestuft (sein Großvater Alfred Reiss war jüdischer Abstammung), überhaupt zum Thema der Jüdischen Kulturtage? Er war doch evangelisch getauft und konfirmiert, war fast sein Leben lang mit der buddhistischen Geisteshaltung verbunden, mit der er sich intensiv beschäftigt hatte, wie er sich mit der Mystik und Theosophie Swedenborgs und auch mit der jüdischen Philosophie Henri Bergsons auseinandergesetzt hatte.
Doch schon die Fragestellung, ob Hasenclever ein „richtiger“ Jude gewesen sei, folgt ungewollt dem Nazijargon in dessen unwissenschaftlichem Rassenmerkmal-Konstrukt, das mit dem Begriff „Rasse“ willkürlich kulturelle, ethisch-moralische und charakterliche Kategorien verband. Insofern ist gerade Hasenclevers Schicksal ein gutes Anschauungsbeispiel für die Stigmatisierung durch Bezeichnungen wie „Kulturjude“ oder „Geistesjude“, „Gesinnungsjude“ oder „Literaturhebräer“, aus dem Wörterbuch des Nazi-Ungeistes entnommen, wann immer sie Werthaltungen oder kulturelle Leistungen bekämpften –ob es sich um Juden nach ethnischer oder religiöser Zuordnung handelte oder nicht. In seinem letzten satirischen Theaterstück „Konflikt in Assyrien“ lässt Hasenclever denn auch den faschistischen Staatskanzler Haman dementsprechend sagen: „Wer ein Jude ist, bestimmen wir!“.
Die Vortragenden zeichneten Hasenclevers Weg nach vom schwärmerischen Lyriker über den Wegbereiter des literarischen Expressionismus, den politischen Dichter, den Pazifisten und geistigen Weltverbesserer, den Komödienautor mit Augenzwinkern und den Satiriker, schließlich den gesellschaftlich prominenten Weltmann und den getriebenen Exilierten, den Rechtlosen. Um nicht nur sein Werk zu vernichten, wie in der Bücherverbrennung 1933, sondern auch seine Person, wurde in der von den Nazis bestimmten Medienöffentlichkeit der Name Hasenclevers mit „der Jude Hasenclever“ verbunden. Weitere Angaben erübrigten sich, denn die Konsequenzen waren damit vorgezeichnet.
Hasenclever griff den Nazi-Ungeist satirisch an, in seiner bitterer Komödie „Konflikt in Assyrien“, in der er seherische Andeutungen zur „Endlösung der Judenfrage“ machte.
Der Identifikation mit den Verfolgten und Bedrohten gab er nicht nur in diesem Stück Ausdruck. In einem Brief vom Oktober 1938 an George Strauss, einen britischen Labor-Abgeordneten, bekannte er sich zu seiner jüdischen Herkunft, die leider nur 25prozentig gelte.
Am 27. September 1938 wurde von der Behörde des Reichsführer SS dem Außenministerium mitgeteilt, dass Walter Hasenclever die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war:
Betrifft: Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des Juden Walter Hasenclever, geboren am 8. 7.1890 in Aachen. Bezug: Ohne.
Entsprechend lakonisch kommentierte die Nazipresse seinen Tod (den sie mit dem Walter Benjamins verwechselte, Jud ist Jud): „Mit seinem Tode hat er nun selbst symbolisch einen Schlussstrich unter eine unwiderruflich vergangene Zeit gezogen.“

Doppelter Gedenktag für die Hasenclever-Gesellschaft
125. Geburtstag und 75. Todesjahr Hasenclevers

Das „Geburtstagsgeschenk“
Der Zeitungsbericht zur Gedenkveranstaltung vom 9. Juli 2015 widmete dem Anliegen der Walter-Hasenclever-Gesellschaft erfreulich viel Raum. Das eigentliche „Geburtstagsgeschenk“ für die Gesellschaft aber blieb unberücksichtigt, und daher sei es an dieser Stelle ergänzend erwähnt. Gregor Ackermann hatte für den Vorstand der WHG einige seiner wiederentdeckten Hasenclever-Texte aus deutschen Zeitungen zwischen den Jahren 1910 und 1930 zum Geburtstag als Lesetexte vorbereitet. Stephanie Wolff-Rohé rezitierte das Gedicht „Californische Nacht“, das am 7. August 1930 im „Berliner Tageblatt“ erschienen war –entgegen der bisherigen Annahme, nach 1921 habe Hasenclever nie
wieder einen lyrischen Text veröffentlicht – und in dem mit hoher Wahrscheinlichkeit eine amouröse Begegnung des Schriftstellers mit Greta Garbo dichterisch verarbeitet wurde.
Doris Lauer und Walter Vennen lasen frühe Texte, wie „Winter in Belgien“ von 1912 oder „Frühling am Gardasee“ von 1913, spätere des erfahrenen Paris-Kenners wie „Querschnitt durch ein Pariser Lokal“ von 1930 und Reiseberichte wie „Der Kalif lässt bitten“von 1932. Auch in seinen Feuilleton-Beiträgen ließ Hasenclever gesellschaftkritische, gegenwartspolitische oder zeitgeschichtliche Kommentare geschickt „nebenbei gesagt“ einfließen.

Von links nach rechts: Barbara Schommers, Stephanie Wolff-Rohé, Klaus Mackowiak, Doris Lauer, Walter Vennen, Jürgen Lauer, Gregor Ackermann
Hasenclever-Todestag im „Zeitzeichen“ des WDR
Am 21. Juni strahlte der WDR in seiner Reihe „Zeitzeichen“ eine Sendung über Hasenclever aus, unter der Mitwirkung von Barbara Schommers. Der Schriftsteller Hermann Kesten wurde mit seiner liebevollen Charakterisierung zitiert: „Ich schätzte seinen schnellen Witz, seinen nervösenCharme, seine reizenden Manieren, seine sprudelnden Einfälle, seinen unerwarteten Humor, seine weltmännischen Talente.“

 

Auf der Suche nach einer „festen Adresse“

Bereits bei ihrer Amtsübernahme am 10. Februar 2014 als Vorsitzende hatte Barbara Schommers den Wunsch geäußert, für die Mitglieder und den Vorstand einen festen Raum zur Verfügung zu haben, in dem vereinseigene Materialien aufbewahrt werden können und Begegnungen sowie Arbeitssitzungen zur Vorbereitung von Projekten ermöglicht werden.
Mehrere Gespräche mit dem Oberbürgermeister Marcel Philipp, mit der Kulturdezernentin Susanne Schwier und mit dem Leiter des Kulturbetriebs Olaf Müller wurden seit dieser Zeit bereits geführt. Die beiden Bauwerke, die zu einem solchen festen Standort in Frage kämen, waren das ehemalige Straßenbahn-Depot in der Talstraße und die „Barockfabrik“, das bekannte Kulturzentrum am Löhergraben.
Dass die „Barockfabrik“ eindeutig bevorzugt wird, hängt mit ihrer Geschichte zusammen. Das ehemalige Tuchwerk gehörte der Familie Reiss und somit der Familie, aus der Walter Hasenclever als Enkel von Alfred Reiss stammt.
Wie die Umbauten und die Umzüge der hier tätigen Gruppen erwarten lassen, dürfte die Realisierung eines solchen Vorhabens nicht vor Ende 2017 zu erwarten sein.
Einstweilen war der Leiter des Einhard-Gymnasiums Ralf Gablik bereit, den vorhandenen Hasenclever-Buchmaterialien in der Schule einen Übergangsstandort zu ermöglichen.

 

„Ehrenwert“ 2015

Miriam Steinig, Mitorganisatorin des Infostandes der WHG am 27. September: „Kennen Sie Walter Hasenclever?“ fragten wir Besucher des Tags der Vereine an unserem Informationsstand auf dem Münsterplatz vor Walter Vennens Buchhandlung „Schmetz am Dom“.
In vielfältigen Gesprächen über Hasenclever, die Aufgaben der Gesellschaft und die Preisträger wurden viele Kontakte gepflegt und neue gewonnen. Ein besonderer Dank gilt Frau Münch und Herrn Lorenz (Bild) für engagierte Unterstützung des Vorstands!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.