Biographisches zu Hasenclever und zur Geschichte der WHG (2016)

Seltene Gelegenheit: Hasenclever als Filmschauspieler

Nur ein halbes Jahr nach dem „Geburtstags-Vortrag“ von Klaus Mackowiak über Hasenclevers enge Verbindung zum Medium Film konnten sich die Hasenclever-Freunde auf ein
Schmankerl freuen: des Schriftstellers einzige Filmrolle, die erhalten ist. Der Stummfilm aus dem Jahre 1923 war bereits 15 Jahre zuvor vom Kaleidoskop-Filmforum gezeigt worden. Dessen Vorsitzende, Doris Talpay, lud die Aachener Cineasten im Rahmen der Reihe „Film trifft Literatur“ zu diesem Film mit dem Titel „Brüder. Zwischen Himmel und Erde“ am 17. Januar in das Suermondt-Ludwig-Museum ein. Hasenclever steht in seiner Rolle als Dachdeckergeselle zwischen zwei verfeindeten Brüdern, verfolgt aber das Geschehen auf dem Hof heimlich im eigenen Interesse, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Das düster-dramatische Geschehen wurde auf verschiedenen Saiteninstrumenten stimmungsvoll und variabel von Sasan Azodi begleitet.

 

Jenny Erpenbeck wird Preisträgerin des Jahres 2016

Am 27. Februar fiel die Entscheidung in der Jury: Die in Berlin lebende Schriftstellerin und Regisseurin Jenny Erpenbeck wird im November des Jahres mit dem Hasenclever-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie ist bereits mit ihrem letzten Roman „Gehen, ging, gegangen“ in aller Munde, in dem ein emeritierter Professor durch Hinsehen, Hingehen und Mitgehen afrikanischen Flüchtlingen eine Stimme gibt und sein eigenes Leben damit verändert.
Die Tagespresse berichtete fast ganzseitig. Einige Auszüge aus den Aachener Nachrichten / der Aachener Zeitung vom 2. März 2016:
„Gerade jetzt, wo wir allzu oft von Zahlen und Kontingenten sprechen, müssen die Menschen mit ihren individuellen Geschichten und individuellen Wünschen ein Gesicht bekommen“, sagt die Juryvorsitzende Barbara Schommers-Kretschmer. Ihr Gesamtwerk stehe für gedankliche und stilistische Konsequenz, zeitgenössische Erzählkunst, Klarheit der Sprache, musikalische Rhythmik und für ein hohes Maß an Zivilcourage. „Sie hat bisher ein hoch faszinierendes Werk vorgelegt“, erklärt der Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, Olaf Müller. Und nicht zuletzt sieht die Jury die Autorin aufgrund der Themen wie Abschied und Flucht in der Tradition Walter Hasenclevers, der 1932 zum Flüchtling wurde, als er das nationalsozialistische Deutschland verlassen musste.
In der Jahreshauptversammlung vom 29. Februar 2016 konnten die Mitglieder der Gesellschaft nach der Bekanntmachung der neuen Preisträgerin sich bereits mit Texten von Jenny Erpenbeck auseinandersetzen. Franziska Münzberglas den ersten Teil der 1999 erschienenen Erzählung „Geschichte vom alten Kind“, die seinerzeit in der ZEIT so beurteilt wurde: „Die … durchaus irritierende Erzählung gehört zum Interessantesten, was es derzeit an junger deutscher Literatur zu lesen gibt.“ Stephanie Wolff-Rohé und Doris Lauer lasen Auszüge aus dem 2015 erschienenen Erpenbeck-Roman „Gehen, ging, gegangen“.
Die Letztgenannte erklärte sich nach der Vorstandssitzung vom 15. Juni auf Anfrage der Vorsitzenden bereit, im Rahmen der Preisverleihung am 6. November die Laudatio für die Preisträgerin zu halten.

 

Hasenclever als Journalist in Frankreich

Nach der Beschäftigung mit Hasenclever als Poet einer Umbruchzeit (2005), als Satiriker (2007) und als nazidefinierterter Jude (2015) ging es dem Autorenpaar Lauer nun um die Jahre 1923 bis 1930 seiner Zeit als Korrespondent in Paris. Dies war ja für ihn nicht einfach ein Wechsel des Arbeitsfeldes. Nach dem von der deutschen Regierung wie Bevölkerung als ungerecht empfundenen Versailler Friedensvertrag und der militärischen Besetzung von Teilen Deutschlands herrschten gespannte Verhältnisse zwischen beiden Ländern, wodurch die Beschäftigung mit dem Nachbarvolk –durch Reisen, informierende Berichte und persönliche Begegnung – eher die Ausnahme als die Regel war. So wurde der Anlass als Fragestellung formuliert:
Konnte es Hasenclever gelingen, die deutschen Zeitungsleser für Frankreich zu interessieren? Die Leiterin des Deutsch-Französischen Kulturinstituts, Dr. Angelika Ivens, ließ sich gern für eine Kooperation gewinnen, und das Plakat zeigte einen auf Neugier abzielenden Titel, übersetzt: „Ein Lächeln auf Goethes Lippen zaubern“. Spaß muss sein: Der Autor konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit den Mitteln der Digitaltechnik das berühmte Goethe-Porträt in diesem Sinne zu gestalten… Um besser nachvollziehen zu können, welche Aufnahme Hasenclever mit seinen Texten bei der deutschen Leserschaft finden würde, wurde die Zuhörerschaft im Gartensaal des Institut Français mit dem Problemkomplex „Feindbilder“ konfrontiert, die im und nach dem 1. Weltkrieg vielfach die Geister beherrschten. Walter Hasenclever sollte nun aus dem kulturellen wie aus dem alltäglichen Leben im Nachbarland berichten, für das Berliner Boulevardblatt „8 Uhr-Nachrichten“. Seine Feuilleton-Artikel wurden auch von anderen deutschen Zeitungen übernommen.
Das französische Leserpublikum wurde nur gelegentlich mit seinem Namen vertraut gemacht, aber in einem dieser Momente – einem Interview mit dem französischen Redakteur Max Frantel in der Zeitschrift für Kultur „Comoedia“ –bekannte Hasenclever seine Bewunderung für die federleichte und doch ironisch spitze Eleganz der französischen Gesellschaftskomödie, die er auf die deutsche Bühne zu bringen versuchen wolle. Er schilderte das Pariser Kulturleben in seiner Vielfalt und Weltoffenheit, ohne die Berliner Variante der „Roaring Twenties“ aus dem Blick zu verlieren. Er stellte in Vergleichen die kulturellen Vorlieben beider Völker als schätzenswert dar, wie die unglaubliche Belesenheit der Franzosen und ihre Liebe zur lyrischen Gattung, und andererseits die unerreichbare Qualität des deutschen Theaters der Zeit.
Als stolzer Besitzer eines Renault bereiste er die Provinzen und schilderte seine Eindrücke in einem Land, das kennen zu lernen die Chance bot, es lieben zu lernen. Und das tat er. Viele Texte sprechen davon. Wenn er beim Besuch ehemaliger Kriegsstätten die Spuren unsäglicher und nach seiner Überzeugung sinnloser Verwüstung beschrieb, machte er keine Aufrechnungen und enthielt sich der richtenden Wertung; er sah die Soldaten und Zivilisten beider Völker als Brüder im Leid.
Doch zornig erhob sich der kompromisslose Pazifist gegen den wieder erwachenden Militarismus und Revanchismus in Deutschland. Das französische Lesepublikum wurde auf diese Haltung aufmerksam und wies Hasenclever unter den deutschen Journalisten der Zeit eine exponierte Stellung zu.
Dementsprechend modern im Denken charakterisierte ihn der „Larousse du XXe siècle“ von 1930: „Hasenclever bekennt sich zu sehr fortschrittlichen Ideen, die auch in seinem „Der politische Dichter“ darlegt sind, der klar und bündig revolutionär ist.“

 

Die „Weltbühne“, das „Blättchen“, Walter Hasenclever und Jenny Erpenbeck

Der Artikel im Brockhaus Universallexikon von 2007 nennt beide Publikationen, die legendäre „Weltbühne“ und die seit knapp 20 Jahren bestehende Online-Nachfolgepublikation, die sich nicht nur in der äußeren Erscheinung ihrer Vorgängerin verpflichtet sieht, sondern auch in der Beschränkung der Sparten und im Verzicht auf
Bildmaterial.
Walter Hasenclever mag die „Weltbühne“ nicht immer fröhlich-unverzagt aufgeblättert haben, denn der Herausgeber Siegfried Jacobsohn war in den Rezensionen seiner Stücke („Der Sohn“ 1918, „Antigone“ 1920 und „Jenseits“ 1921) mitunter ausgesprochen ruppig. Aber er kehrte der „Weltbühne“ keineswegs den Rücken, sondern brachte einige Beiträge in eigener Sache unter, vor allem in Sachen „Gotteslästerung auf der Bühne“ nach dem Wirbel um die Komödie „Ehen werden im Himmel geschlossen“ den Artikel „Evangelische Stinkbomben“ 1928); er erhielt Schützenhilfe von Kurt Hiller („Gotteslästerung“ 1930), Norbert Schiller („Premieren werden im Himmel geschlossen“ 1930) und Ludwig Marcuse („Heilige Gefühle“ 1930).Positive Kritiken erhielten seine Komödien „Ein besserer Herr“ (Hans Glenk und Arthur Eloesser 1927) „Napoleon greift ein“ (Alfred Polgar 1930) und
„Kulissen“ (Kurt Tucholsky als Peter Panter 1930). (Diese Angaben erfolgen nach dem Reprint der vollständigen Reihe in 29 Bänden im Athenäum Verlag 1978.
Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten waren die Tage der „Weltbühne“ vorbei. Die Geschichte ist bekannt: Carl von Ossietzky, wie Hasenclever ein Autor verbrannter Bücher, wurde im Konzentrationslager schwer misshandelt und sollte sich von diesen Gewalttaten nicht mehr erholen; der Friedensnobelpreisträger von 1935 laborierte bis zu seinem Tode 1938 an Tuberkulose. Nun – 2016 – kehrte Walter Hasenclever insofern in die „Weltbühne“ zurück, als er am 20. Juni 2016 (Nr. 13) in ihrem Nachfolgeorgan, der Zweiwochenschrift „Das Blättchen“, von Jürgen Lauer vorgestellt wurde.
Dr. habil. Wolfgang Schwarz, Chefredakteur des „Blättchen“ und Berliner wie Jenny Erpenbeck, erhielt von ihr die Abdruckgenehmigung eines Auszugs aus „Gehen, ging, gegangen“, der am 1. August 2016 (Nr. 16) unter dem Titel „Eine Demo –oder: Die Tücke im Detail“ veröffentlicht wurde.
Mit dem bemerkenswerten Beitrag „Der Untote im See“ von Erik Baron war ihr Roman bereits am 14. März 2016 (Nr. 6) besprochen worden. Die Hasenclever-Gesellschaft hat das Recht erworben, diesen Beitrag im kommenden Jahrbuch Nr. 10 von 2017 abzudrucken.
Als Dr. Schwarz erfuhr, dass die Laudatio zur Preisverleihung von Doris Lauer gehalten würde, sicherte er sich deren Abdruck im „Blättchen“. Sie erschien am 11. November 2016 (Ausgabe 24) im vollen Umfang.

 

Ehrenwerttag 2016

Am 25. September hatte die Gesellschaft erneut die Gelegenheit, sich am Tag der Vereine „Ehrenwert“ einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen, wieder vor der Buchhandlung „Schmetz am Dom“.

 

 

Am 28. Oktober erschien in der Aachener Tagespressse ein Artikel über die Vorbereitungen der „Erpenbeck-Tage“, mit dem Titel „Aus der deutschen Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken“. Nein, diesmal meinte Walter Vennen mit dieser Feststellung nicht Walter Hasenclever, sondern die neue Preisträgerin: „Wir ehren sie für ihr Gesamtwerk. Das zu betonen ist uns und ihr wichtig“, ergänzte Barbara Schommers-Kretschmer.

 

 

 

 

Band 9 des Jahrbuchs der Gesellschaft erschienen

Anfang Oktober erschien der 9. Band des Walter-Hasenclever-Jahrbuchs, herausgegeben von Jürgen Lauer und mit neuem Titel verlegt in der uni-edition Berlin. Die wichtigste Neuerung an dieser Reihe ist, dass sie bis auf weiteres jährlich erscheinen soll, statt wie bisher alle zwei Jahre. Zum neuen Titel stellt der Herausgeber im Editorial fest, er habe sich deshalb angeboten, „…weil es in diesen Jahrbüchern gleichzeitig um Hasenclever, diesen zu Unrecht fast vergessenen Schriftsteller der deutschen Moderne und um eine aktuell mit dem Literaturpreis ausgezeichnete schriftstellerische Persönlichkeit der Gegenwartsliteratur geht.“

 

 

 

Jenny Erpenbeck liest aus „Gehen, ging, gegangen“

Am 5. November las Jenny Erpenbeck in der „Mulde“ des Ludwig Forums für Internationale Kunst aus ihrem viel beachteten Roman „Gehen, ging, gegangen“. Ihre Auswahl der Ausschnitte war eine Kurzfassung des Wandlungsprozesses eines Professors, der nach seiner Emeritierung seine Gewohnheiten bewusst beibehalten will: „Es ist niemand mehr da, die Ordnung zu stören“ – bis hin zum traditionellen Christbaumschmücken, mit „erschreckend vertrauten“ Handgriffen, aber das bleibt eben nicht so: Nach dem zufälligen Blick auf ein Pappschild „We become visible“ von campierenden Flüchtligen auf dem Berliner Oranienplatz gerät er in den Prozess des Wahrnehmens, des Wissen-Wollens – zunächst mit seinen vertrauten Methoden als Wissenschaftler, durch Lesen und Informieren – und verändert sich mit jeder direkten Erfahrung im Umgang mit den Flüchtlingen.
Diese Veränderung geht in seiner Wahrnehmung vor, in seinen spontanen Handlungen, in seiner Bewertung der Dinge: „Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr herausgefallen sind.“ Die Antworten, die die Autorin im Schlussteil der Veranstaltung auf die vielen Fragen der Zuhörer gibt, lassen schnell erkennen: Sie hätte diesen Wandlungsprozess Richards nicht so fein nuanciert und überzeugend dargestellt, wenn sie nicht selbst ebenfalls als eine Veränderte aus dieser Geschichte herausgegangen wäre.
Doch anders als ihr Protagonist hatte sie als Autorin bereits acht Jahre vor dem eigentlichen Anlass, dieses Buch zu verfassen, über Flucht und Vertreibung geschrieben (z. B. in „Heimsuchung“ 2007), hatte 2013, also zwei Jahre vor dem ominösen „Auslöser“ der Fluchtbewegung im Sommer 2015, bereits mit den Recherchen zu diesem Roman begonnen.
Doris Lauer zeigte einen Tag später in ihrer Laudatio mit einem kurzen Zitat, wie ähnlich die Unbehaustheit der Berliner Flüchtlinge, die Jenny Erpenbeck in ihrem Roman beschreibt, der Situation Exilierter in der Hitlerzeit sein kann: Walter Hasenclever schreibt im Roman „Die Rechtlosen“ über die Internierten im Lager: „Man spürte: Die Menschen litten unter ihrer Untätigkeit. Viele beschäftigten sich, so gut sie konnten. Die meisten vegetierten dahin, voll Erwartung, Sorge und Resignation. Über allen lastete die Unsicherheit ihres Schicksals.“
Barbara Schommers geht in ihrem Buch „Philosophie und Poetologie im Werk von Walter Hasenclever“ auf diese Zeit ein, in der sein Roman „Die Rechtlosen“ entstand:
Damit werden Begriffe wie „Exil“ oder „Emigration“ zu Hilfskonstruktionen, ähnlich dem umstrittenen Epochenbegriff. Das Hauptmerkmal der Emigration ist das Unfreiwillige und das Vorläufige.“

 

Walter-Hasenclver-Preis für Jenny Erpenbeck

Wieder war die „Mulde“ des Ludwig Forums vollbesetzt, als am 6. November Jenny Erpenbeck den Preis entgegennahm. Als Veranstalter begrüßten Olaf Müller für die Stadt Aachen und Dr. Barbara Schommers für die WalterHasenclever-Gesellschaft die Gäste. Die Stadt Aachen war durch Bürgermeisterin Dr. Margrethe Schmeer vertreten, die in ihrem Grußwort .daran erinnerte, dass Jenny Erpenbeck bereits 2002 am Aachener Theater die MonteverdiOper „Orfeo“ inszeniert hatte. Sie gab ebenso einen Überblick über ihr Werk wie über Leben und Werk Hasenclevers, die Gesellschaft und die bisherigen Preisträger. Wichtig war für Frau Dr. Schmeer, hervorzuheben, dass der Impuls und die Recherchen für das Buch „Gehen, ging, gegangen“ einige Jahre vor dem seit Sommer 2015 thematisch alles überdeckenden Thema „Flüchtlinge“ datiert werden dürfen. Sie verwies auf unverkennbare Affinitäten zum letzten Lebensabschnitt Hasenclevers als Exilant und als Internierter in einem französischen Lager:
„Da erinnert doch vieles an Flüchtlingsschicksale heutzutage: verlassen, aufgegeben, ohne Perspektive. Eine nicht gewollte, aber vorhandene Parallele von Hasenclever zum aktuellen Thema unserer heutigen Preisträgerin.“
Doris Lauer vergaß in ihrer Laudatio die Feststellung der Jury nicht, dass der Preis Jenny Erpenbecks Gesamtwerk gelte. Sie charakterisierte kurz die fünf voraufgegangenen Publikationen von Romanen und Erzählungen Erpenbecks und stellte fest: In einem wunderbar präzisen Stil und durch ungewöhnliche, starke Bilder, die jede Nuance treffen, vermittelt die Autorin allein durch die Kraft des Erzählens Begegnungen, Veränderungen, Erinnerungen, mit denen Menschen konfrontiert sind, und an denen sie wachsen oder scheitern, erstarken oder zerbrechen.“
Dann nahm sie Bezug auf den Roman, der freilich den stärksten Ausschlag für die Zuerkennung des Literaturpreises gegeben hatte: „Gehen, ging, gegangen“. Für die Literaturwissenschaftlerin war es vom Erzählerischen her besonders bemerkenswert, dass die Leser das Geschehen mit den Augen des Protagonisten wahrnehmen und die sich daraus ergebenden Bewusstseinsveränderungen durch sein Denken und Handeln miterleben. „Sie vermittelt, … dass kritisches Hinschauen möglich und dass klare, unverstellte Sichtweisen nötig, ja sogar unerlässlich sind.“ Der stärkste Teil dieser Laudatio war für viele Zuhörer der Zusammenhang, den Doris Lauer zwischen diesem Werk und der Dankesrede von Albert Camus zum LiteraturNobelpreis im Jahre 1959 herstellte –ein Appell an die Verantwortung des Schriftstellers: „Der Schriftsteller … muss seine Ehre darein setzen, für diejenigen zu sprechen, die sich gerade nicht äußern können. Das Schweigen eines unbekannten Gefangenen, der irgendwo am anderen Ende der Welt Demütigungen ausgesetzt ist, genügt, um den Schriftsteller aus seinem heilen Künstlerdasein aufzustören, und verpflichtet ihn, dieses Schweigen … hörbar, sichtbar, bewusst zu machen durch die
Mittel seiner Kunst. Die Noblesse der schriftstellerischen Kunst zeigt sich … in der Weigerung, zu lügen über das, was man weiß, und im Widerstand gegen Unterdrückung und Demütigung.“

In ihrer Dankesrede bat Jenny Erpenbeck indirekt um Entschuldigung, dass diese kürzer werde, als für einen solchen Anlass vorgesehen. Sie hatte für den Wortführer der Flüchtlinge in Berlin, Bashir Zakaryau –in ihrem Roman Raschid genannt – einen Nachruf geschrieben, der im SPIEGEL (Ausgabe 44 / 2016 S. 60) erschienen war. Dass sie bei der Andeutung ihrer Trauer über den Tod dieses schwerkranken Kämpfers einen Moment warten musste, bis ihr die Stimme wieder zur Verfügung stand, war ein besonders anrührender Moment ihrer Dankesrede, die man als ein beachtliches Stück Literatur oder als philosophischen Essay aufnehmen konnte, sicherlich aber als ein Zeugnis eben
jener Mitverantwortlichkeit im Sinne von Albert Camus für die, die keine „Sichtbarkeit“ haben, so wie die Flüchtlinge am Oranienplatz.
Sie erwähnt eine Reihe von Schriftstellern der Moderne, die wie Hasenclever den Tod gesucht oder ihn in der Fremde erlitten haben: „Ja, man kann am Fremdsein sterben, an der Verzweiflung, an der Ungewissheit. Man kann an dem sterben, was man zurücklassen muss, an der verbrannten Heimat –an der Angst, die die Gegenwart besetzt hält, und auch an der Zukunft, die ausbleibt.“ Jenny Erpenbeck gestattet uns nicht, uns aus der Verantwortung zu stehlen, um mit einem Auswahlverfahren zu entscheiden, wer ein „richtiger“ und deshalb „armer“ Flüchtling ist, und wer es vielleicht nicht besser verdient hat, weil er „nur aus wirtschaftlichen Gründen“ alles verlässt: „Wenn wir die Talente, die Möglichkeiten und das Menschsein einiger verachten und vor die Hunde gehen lassen, bleibt der Fakt, dass uns die Talente, die Möglichkeiten und das Menschsein unter gewissen Umständen nichts wert sind. Das aber schlägt auf uns zurück. Die Möglichkeit, die Verachtung zu denken, ist eine Grenzöffnung. Diese Grenzöffnung kostet Menschen, die auf dem Mittelmeer treiben oder im Kühlwagen eingesperrt sind, das Leben. Uns aber kostet diese Grenzöffnung unsere Unschuld. Sie kostet uns mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Sie kostet uns uns.“

Das Neue Orchester Aachen unter Leitung von Felipe Canales verlieh der Veranstaltung eine besonders festliche Note

Mit einem eigenen Zitat entkräftet sie Vermutungen, die gelegentlich geäußert wurden: sie habe sich eines aktuellen Problemstoffes bedient, an dem sich die Medien auflagenstark abarbeiten –einer Grundfrage aus einem ihrer Bücher, das acht Jahre zuvor erschien: Wann hört der Tod, der mitten unter uns gelebt wird,endlich auf? „Wenn man angekommen ist, heißt die Flucht dann immer noch Flucht? Und wenn man auf der Flucht ist, kommt man dann jemals an?, habe ich mich schon in meinem Buch „Heimsuchung“ gefragt.“ (Anm. d. Hg.: S. 130) Zur echten Literatur gehört für sie die Beschäftigung mit Gegenwartsproblemen, der sie „literarische Form des Nachdenkens“ nennt: „Die literarische Form des Nachdenkens ist notwendig, gerade für uns, in dieser Zeit, die für keines der Probleme eine politische Lösung bereithält. Auch wir müssen suchen –so wie Hasenclever und
seine Freunde gesucht haben. Wieder ganz von vorn beginnen mit dem Nachdenken, unserer so genannten heilen Welt die Oberfläche abziehen und sezieren, was darunter ist. Sich von der Fassade, die unser Alltag heißt, nicht in die Irre führen lassen, sondern uns auch mit dem Blick auf das, was uns umgibt, den existentiellen Themen und Fragen aussetzen, die seit Jahrtausenden Erzähler und ihre Zuhörer oder Leser im gemeinsamen Nachdenken zu bewältigen versuchen.“

 

Jenny Erpenbeck am Einhard-Gymnasium

Einhard-Lehrerin Miriam Steinig, WHG-Vorsitzende Dr. Barbara Schommers, Moderator Volkan Goll, Einhard-Lehrerin Dr. Maria Behre, Jenny Erpenbeck, Moderatorin Luca Apfelbaum und Einhard-Schulleiter Ralf Gablik.

Mit einem beachtlichen Programm begrüßten die Schülerinnen und Schüler des Einhard-Gymnasiums die neue Preisträgerin. Musikalische, gestalterische, philosophische und literarische „Performances“ der Schülerschaft waren zu einem eindrucksvollen mehrstündigen Mosaik zusammengestellt worden: Auf dem „Philo-Sopha“ verfolgte der Gast Darstellungen und Überlegungen zu „Berlin, Oranienplatz“, zur „Philosophie des Platzes“, zu Deutungen des Buchcovers von „Gehen, ging, gegangen“, hörte eine international besetzte Klanglandschaft und die Erläuterungen der Autoren von Kunstobjekten zur Thematik „Flüchtlinge in Deutschland“.
Eine lebhafte und neugierig fragende Schülerschaft erhielt zu allen Fragen ausführliche und sehr persönlich gehaltene Antworten der prominenten Schriftstellerin. Kein Geringerer als der Schulleiter, Ralf Gablik, begrüßte und verabschiedete mit seinen Musikern die Preisträgerin vokal und instrumental mit Varianten des Veranstaltungsmottos „Give us a Place“: „Boat on the River“ und „Somewhere over the Rainbow“.

Antwort auf Schülerfragen:

„Warum haben Sie das Buch „Gehen, ging, gegangen“ genannt? „Ich habe sehr lange über einen Titel nachgedacht und dann etwas gemacht, was ich sonst nie mache: Ich bin tatsächlich jeden Morgen mit vier bis fünf Titelideen im Kopf aufgewacht und habe dann eine Liste aufgestellt. Zuerst habe ich mich mit meinem Mann beraten und dann auch mit meinem Sohn –er ist jetzt vierzehn. Auf einem Treffen mit Freunden habe ich die Liste ausgedruckt und gebeten, einen Titel anzukreuzen. Aber das brachte mich auch nicht weiter, denn von irgend jemand wurde schließlich jeder Titel angekreuzt.
Und dann hatte ich in einem Zug auf der Fahrt von einer Stadt zur anderen das Gefühl, dass „Gehen, ging, gegangen“ wirklich der geeignete Titel für das Buch ist, denn er macht kein Urteil, er stellt sich auf keine Seite. Es ist ja kein Buch über Flüchtlinge allein, sondern auch ein Buch darüber, wie wirleben und wie wir die Zeit erleben. Ich wollte auch keinen Titel, der mit Hautfarbe zu tun hat, weil ich finde, dass alle Menschen gleich sind. Der Titel hat mit jedem von uns zu tun, denn er bezieht sich nicht nur auf etwas, das im Leben geschieht: „Er ist von uns gegangen“, sagt man von jemand , der verstorben ist. Sicher hat er mit unruhigem, unstetem Leben der Flüchtlinge zu tun, aber nicht zuletzt auch mit Grammatik. Ich habe die ganze Zeit miterlebt, wie sich die afrikanischen Flüchtlinge mit der deutschen Grammatik herumgeplagt haben, und das unter den Umständen, in denen sie lernen mussten – mit zehn bis zwölf Menschen in einem Zimmer, über Jahre hinweg.“

Noch waren die Stellwände mit Informationen zu Leben und Werk Walter Hasenclevers und zur Preisverleihung an Jenny Erpenbeck im oberen Lichthof des Einhard-Gymnasiums zu besichtigen, da saß der Kurs Q2 LD 2 Be und seine Leiterin, Dr. Maria Behre (ganz rechts) sowie Jürgen Lauer (Mitte) wieder zusammen, um sich zum Ertrag der Erpenbeck-Veranstaltung auszutauschen und einem frei gehaltenen Vortrag mit Textbeispielen zum Thema „Walter Hasenclever und seine Gesellschafts-Satire“ des ehemaligen Einhard-Lehrers zu hören.

Mit dem Ende des Jahres 2016 endet vorläufig die „Kleine Geschichte der Walter-Hasenclever-Gesellschaft“. Die Gesellschaft wurde gegründet und ist tätig für das Ansehen von Person und Werk des Aachener Schriftstellers.

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