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Stellungnahme zum Umgang mit Robert Menasse, dem Walter-Hasenclever-Literaturpreisträger 2018

Seit Tagen oder sind es bereits Wochen verfolge ich zunehmend genervt die vermeintlich aufrechte Wahrheitssuche, in Zusammenhang mit dichterischen Zitaten.
Von Anfang an hat mich die Vehemenz gestört, mit der Unverstandenes gleichsam kriminalisiert worden ist und mit der man von strittigen Sachverhalten gleich zum Angriff auf die Person Robert Menasse übergegangen ist.

Und das ist nicht nur unangemessen und peinlich, es trifft genau den Falschen.
Wer das literarische Werk Robert Menasses gelesen hat und ihn kennt, weiß, dass gerade er extrem der Wahrheit und der Konsequenz im Denken und Handeln verpflichtet ist.

Aber fangen wir bescheidener an.

Mit dem Verweis auf die Unlösbarkeit der Frage „Was ist Wahrheit?“ bereits in der Bibel, verdeutlicht uns vor 80 Jahren der philosophische Dichter Walter Hasenclever (1890-1940 ) das uralte, komplexe Problem, bzw. unsere grundfalsche Erwartung auf absolut geltende Antworten.

Die Kunst des Schriftstellers besteht nun darin, besondere Zugänge zu den größten und kleinsten Fragen zu finden und so mit Fiktion und Sprache neue Denkräume zu öffnen. Er muss mit Denken und Phantasie buchstäblich durch Mauern gehen oder sich in das Innere von Anderen plausibel hineinversetzen können.

Dieses alte Verfahren des auktorialen Erzählens, wendet zeitgenössisch der französische Schriftsteller Frederic Beigebeider eindrucksvoll in seinem Roman „Windows on the World“ neu an. Der Erzähler kann nicht am 11.9.2001 im Cafe in den Twin Twowers New York gewesen sein, aber er arbeitet sich mit den Verfahren der gedanklichen Annäherung und Vorstellungskraft in das Szenario der Katastrophe wie in die Gefühle der dort Anwesenden. Und tatsächlich gelingt Beigebeider ein großartiger Roman, der die Leser umfassend und eindringlich “ informiert „.

Und auch Robert Menasse zeigt in seinem Werk scharfes Denken, hohe Sensibilität, große Integrität, philosophische Phantasie und geradezu bildnerische Kraft und Farbe der Sprache.
Schon seit einigen Jahren ist Europa, besser der katastrophale Ist-Zustand dieser für unsere Zukunft so wichtigen Union, ein echtes Anliegen für Robert Menasse.

Dabei ist es ein kommunikatives Grundproblem Europas, dassAlle es irgendwie meinen, für selbstverständlich halten oder für überflüssig oder mal so mal so, von allem ein bisschen , wie es gerade zur Interessenslage passt.

Eine der großen, prominenten Ausnahmen ist der Schriftsteller Robert Menasse, der mittels seiner Sprachkunst, mit Rhetorik wie mit Fiktion, für Ordnung und schöpferischen Ernst, also für präzise intersubjektive Analyse gefolgt von konsequentem Handeln im Umgang mit der konkreten Utopie “ Europa “ überparteilich und unideologisch einsteht.

Literaturhistoriker wie interessierte Leser wissen, dass jeder Text zunächst aus den jeweiligen Bedingungen/Zeitumständen interpretiert werden sollte. Dabei sind wir auf Quellen angewiesen, die wir allerdings subjektiv auswählen wie auswerten.

Robert Menasse will seine Vision von Europa zunächst historisch mit der Bestandsaufnahme der Verheerungen der Zeit nach dem Weltkrieg II in Europa sowie mit der noch unmittelbaren Fassungslosigkeit angesichts der unfassbaren Verbrechen gegen jegliche Menschlichkeit mitten in Europa fundieren.
Vor diesem ( realen aber dennoch interpretierten) Hintergrund folgt nun die Frage nach den Beweggründen etc. der sog. Gründerväter unserer heutigen EU. Es ist leicht vorstellbar, dass ein Pakt ihrer Länder, die sich noch wenige Jahre zuvor im brutalsten Krieg befunden haben, ihnen, die diese Zeit erlebt und durchlittten haben, wesentlich mehr bedeutet, ganz anders präsent gewesen sein muss, als uns heute, die wir die “ Fakten “ mehr oder weniger kennen.

In diesen Zeit-Raum tritt nun gedanklich, real wie fiktiv, der Dichter Robert Menasse, versucht ihn, z.B. hinsichtlich der Absichten, Gestimmtheiten, Hoffnungen, Sorgen etc. der damals verantwortlichen Politiker auszuloten und aus der zeitlichen Distanz nachzuvollziehen.
Hierzu studiert er als Quelle deren Äußerungen und Reden. Die inzwischen scheinbar allgemein bekannte Römische Rede von Prof. Dr. Walter Hallstein lieferte geeignetes Material, welches von Robert Menasse anschließend in jeder Hinsicht legitim ausgewertet und bearbeitet worden ist. Menasse hat versucht, das für uns heutige Europäer Wesentliche herauszuarbeiten und in der kurzen Kunstform von „Zitaten“ prägnant wiederzugeben. Und das ist weder eine Lüge noch eine Fälschung, sondern eine per se legitime Interpretation.
Möglich, dass Menasse eine „Sonntagsrede“ , in der es nur darum gegangen wäre, den Wert der Neugründung gegenüber den vormaligen nationalen Beschränktheiten zu betonen, im Sinne der eigenen nachnationalen Utopie überinterpretiert hat. Aber dieses Verfahren wenden wir auch im Alltag ständig an, wenn wir Äußerungen begeistert unterstützen ohne alle Aspekte oder Widersprüche zu kennen.

Tatsächlich ist es aber viel wahrscheinlicher, aus der Erfahrung mit seiner Arbeit, die höchste Anerkennung verdient, davon auszugehen, dass es Robert Menasse gelungen ist, das geistige Klima, die Aufbruchsstimmung jener 1950ger und 60ger Jahre gerade denjenigen von uns als Vorbild vor Augen zu führen, die ein verbindliches Europa entweder für selbstverständlich oder für unnötig halten oder von allem ein bißchen…
Und gegenüberdiesem Anliegen kann es doch nicht um Kunstformen gehen, die absichtlich, unverstanden in falsche Kategorien “ Wissenschaft“, „Wahrheit“ verschoben und dort dann bekämpft werden.

Und das in dem Land, “ …das seine Dichter und Denker nie verstanden hat.“, um nocheinmal Walter Hasenclever zu zitieren. Der hat 1928 sogar einen juristischen Konflikt heraufbeschworen, als er zu vermeintlich schon, bzw. noch freigeistigen Zeiten “ den lieben Gott“ als Figur auf die Bühne gestellt hat. Dass Goethe sogar „den Teufel“ wörtlich reden lässt, scheint hingegen ebenso selbstverständlich, wie, dass ehemalige Politiker in heutigen Romanen handeln und Ihnen Ansichten und Äußerungen zugeschrieben werden ( s. Hans Joachim Schädlich: “ Ich eile Sire “ oder Daniel Kehlmann:“Tyll“ ) Und nicht zuletzt findet die Forschung immer wieder neue Erkenntnisse, Herrscher und/ oder Politiker betreffend, die unser Bild von ihnen ändern, von Karl dem Großen bis Charles De Gaulle.

Warum also diese wütende Aufregung um Robert Menasse, warum diese heftigen Abwertungen seines Werkes wie leider, das schockiert wirklich, seiner Person, unter fadenscheinigen „Vorwürfen“ ?

Der Historiker mag Hallstein völlig anders verstehen und könnte bei echtem Bedarf darüber mit Robert Menasse in freundlichen Diskurs treten…

Doch vielleicht geht es doch um die Überzeugung von Robert Menasse, dass die heutigen Nationalstaaten, den tatsächlichen Anforderungen Europas nicht gewachsen sein werden, dass Europa nicht an persönlichen Unfähigkeiten einzelner krankt sondern ein massives strukturelles Problem hat.
Und anstatt sich wie redliche Historiker oder Journalisten dies ja allenthalben durchaus tun, ernsthaft und ehrlich dieser unbequemen Frage zu stellen, schreit eine kleine aber laute Meute Menasse nieder, als sei damit das Problem gelöst: Wenn man Menasse der Lüge und der Fälschung bezichtigt, braucht man seine Warnungen insgesamt nicht mehr ernstzunehmen…

Und auch kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, weil Auschwitz im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle mehr spielt, wenn doch der Hallstein gar nicht dort geredet hat…

Fazit:

Robert Menasse ist ein höchst integrer und wichtiger Schriftsteller, der sich mit den Mitteln seiner Kunst als Zeitgenosse in das politische Geschehen einmischt. Als Mahner und Vorausdenker leistet er wertvolle Arbeit für Europa.
Verfechter anderer politischer Einschätzungen können die Ansichten, Vorschläge und Ziele von Robert Menasse kritisieren oder sogar ablehnen, aber bitte in sachlicher Debatte mit offenem Visier!

Dr. Barbara Schommers-Kretschmer

Vorsitzende der Walter-Hasenclever-Gesellschaft sowie der
Jury zum Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2018

„Die Hauptstadt“ im Theater Essen

Als deutsche Erstaufführung zeigt ab dem 5. Oktober das Theater Essen „Die Hauptstadt“ nach dem Roman von Robert Menasse in einer Bühnenfassung von Hermann Schmidt-Rahmer.

Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2018 an Robert Menasse

© Rafaela Proell/Suhrkamp Verlag

Die Jury zeichnet den in Wien lebenden Schriftsteller Robert Menasse (geb. 1954) mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen für sein Gesamtwerk aus.

Menasse stellt farbenprächtige literarische Bilder ebenso wie hinreißende Komik in die Perspektive seiner konkreten Utopie einer konsequent Währung, Wirtschaft und Politik einschließenden Europäischen Union. Nationale Interessen hingegen verhindern nicht nur eine wirklich demokratische EU, sondern schaden auch sich selbst:

„Wo Rettung verhandelt wird, wächst die Gefahr. In einem brennenden Haus verhandeln europäische Staats- und Regierungschefs hinter verschlossenen Türen, welche Summe für den Wasserschaden bereitgestellt werden könne, wenn man das Feuer löscht.“

In seinem „Manifest für die Begründung einer Europäischen Republik“ schreibt Robert Menasse die Kraft zur Veränderung der festgefahrenen Krise gerade nicht den sogenannten Pragmatikern zu, sondern den „Täumern“, den utopischen Denkern, den Philosophen und Dichtern.

„Ach die Träumer! Sie waren und sie sind die wahren Realisten, ihnen verdanken wir die schönsten Ideen und praktisch die Grundlagen des modernen Europa, die realpolitische Durchsetzung der vernünftigen, seinerzeit utopisch anmutenden Konsequenzen, die aus den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und europäischen Realpolitikern gezogen werden mussten, die den Kontinent in Schutt und Asche gelegt hatten.“

Robert Menasse verbindet die meist getrennt wahrgenommenen Bereiche Literatur/Kunst, Politik und Philosophie zu neuer Produktivität als Think Tank neuer, humanistischer, gesamteuropäischer Perspektiven.

Im aktuellen Roman „Die Hauptstadt“ entfaltet Menasse ein vielstimmiges Kaleidoskop an Figuren, die er bis ins privateste Detail ausleuchtet, mit ihren banalen oder idealistischen Wünschen, Überzeugungen und Bedürfnissen. Eine durchaus kritische Bestandsaufnahme eines vielstimmigen Europas, die gerade nicht auf pessimistische Unveränderbarkeit zielt, sondern darauf, Utopien in der Phantasie der Leser zu fördern.

Am 18. November 2018 wird Robert Menasse den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen in einem öffentlichen Festakt entgegennehmen. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

Dr. Barbara Schommers-Kretschmer

Vorsitzende der Jury des Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen

Literaturjahrbuch: Walter Hasenclever im Kontext

Dieses ‘Lesebuch‘ informiert sachlich wie unterhaltsam über den Aachener Dichter Walter Hasenclever (1890 – 1940) und seine Wirkung bis heute. Es enthält die Dokumentation der Literaturpreisverleihung an Jenny Erpenbeck und stellt Texte Walter Hasenclevers aus dem Exil in Südfrankreich vor. Von dort aus hat er als Schriftsteller versucht, über den nationalsozialistischen Wahnsinn aufzuklären und dagegen zu protestieren. Dennoch wurde er – zusammen mit Max Ernst und vielen anderen deutschen Künstlern – in Frankreich als Spion verdächtigt –weggesperrt. Dass sie für Frankreich gegen Nazideutschland kämpfen wollten, nahm man ihnen nicht ab. Das einstige Internierungslager „Les Milles“ bei Aix-en-Provence ist heute eine Gedenkstätte für diese Künstler, das Literaturjahrbuch berichtet ausführlich. Rezensiert werden auch Texte heutiger Autoren, die im Kontext Walter Hasenclever besonders wichtig sind.

Der Band ist ab 19.4.2018 in den Aachener Buchhandlungen erhältlich. Preis: 14,95 €, ISBN 978-3-922697-35-0

Saleh Bacha: A Tuareg in Berlin

touareg-in-berlinSaleh Bacha ist ein junger Flüchtling, der 2011 wegen des Bürgerkriegs aus Lybien geflohen ist. Zunächst war er in Italien, kam dann nach Deutschland, wo er zu den Besetzern des Oranienplatzes gehörte.

Jenny Erpenbeck unterstützte Saleh Bacha bei der Produktion der CD „A Touareg in Berlin„. Sie können diese CD bei folgenden Partnerbuchhandlungen der Hasenclever-Gesellschaft zum Preis von 15€ direkt erwerben:
Buchhandlung Backhaus
Buchhandlung am Markt
Buchhandlung Schmetz am Dom

Wer die CD zugeschickt haben möchte, meldet sich bitte per Mail (dr.wolff.gmbh{at}t-online.de). Der Erlös aus dem Verkauf der CD kommt Flüchtlingsprojekten zugute.

 

 

 

Besuch in der Gedenk- und Bildungsstätte Les Milles

Foto: Jürgen Lauer
Foto: Jürgen Lauer

Hasenclever nahm sich am 21. Juni 1940 im südfranzösischen Internierungslager Les Milles bei Aix-enProvence das Leben, um nach der militärischen Niederlage Frankreichs nicht der deutschen Gestapo ausgeliefert zu werden. Jürgen Lauer, der Ehrenvorsitzende der Gesellschaft, hat sich auf einer Reise vor Ort jetzt ein Bild gemacht, wie Frankreich mit dem Gedenken Hasenclevers umgeht. Sein Ergebnis: „Vorbildlich!“ Das Gelände des ehemaligen Internierungslagers ist heute die Gedenk- und Bildungsstätte Site-Mémorial Les Milles. Lauer: „In einer Halle mit umfassenden Dokumentationsmedien befinden sich zwölf Stelen bedeutender ehemaliger Insassen, darunter Walter Hasenclever. Eine etwa achtminütige Text-Bild-Dokumentation erzählt von seinem Leben und Wirken.” Und: „Auf dem Friedhof St. Pierre in Aix-en-Provence deckt eine stattliche Granitplatte sein Grab mit der eingemeißelten Inschrift ‘Walter Hasenclever – Ecrivain allemand’ (deutscher Schriftsteller).“