Christoph Hein, Preisträger 2008

Foto Christoph HeinChristoph Hein wurde 1944 in Schlesien geboren, wuchs nach der Vertreibung in einer Kleinstadt bei Leipzig auf. Als Pfarrerssohn war ihm der Besuch des Gymnasiums in der DDR verwehrt, so dass er ein Gymnasium in Westberlin besuchte, aber seinen ostdeutschen Wohnsitz behielt und nach dem Mauerbau in der DDR lebte.
1964 konnte Hein das Abitur auf einer Abendschule ablegen. Allerlei Gelegenheitsarbeiten schloss sich 1967-71 ein Studium der Philosophie und Logik in Leipzig und Ostberlin an, ab 1974 war er als Autor an der Volksbühne unter Benno Besson tätig. Ab Mitte der 70er Jahre wurden in der DDR und ab 1980 in der BRD Stücke von Hein inszeniert. Mit Werken wie „Schlötel oder Was soll’s“, „Cromwell“ oder „Lassalle“ machte er sich zuerst als Dramatiker einen Namen, bevor 1982 seine Novelle „Der fremde Freund“ (1983 als „Drachenblut“ in der BRD) ihn als Prosaautor vorstellte.
Von der Mitte der 80er Jahre bis heute erschienen in regelmäßigen Abständen seine viel beachteten Romane, u. a. „Der Tangospieler“ (1989), „Das Napoleon-Spiel“ (1993), „Willenbrock“ (2000) und der umfangreiche Künstlerroman „Frau Paula Trousseau“ (2007) über Leben und Arbeiten einer Malerin in der DDR und in der Nachwendezeit. Nebenher veröffentlichte Christoph Hein mehrere Bände mit Erzählungen. Auch seine Tätigkeit für die Bühne setzte sich kontinuierlich fort.
Die Gesellschaftsbezogenheit seines Schreibens dokumentiert sich in mehreren Essaybänden, in denen Christoph Hein zu politischen und kulturellen Themen Stellung bezogen und eindringende Schriftstellerporträts publiziert hat. Bis 2006 gehörte er zu den Herausgebern der Wochenzeitung „Freitag“.

 

Aus Martin Krumbholz’ Laudatio

Sie wissen vielleicht, dass Christoph Hein sich selbst am liebsten als Humoristen, am zweitliebsten aber als Chronisten, und zwar, er ist nun einmal ein Pfarrerssohn und muss das partout verleugnen, als „Chronisten ohne Botschaft“ bezeichnet. […] Ich vermute indessen, dass Hein mit dem Begriff „Chronist“ noch etwas anderes meint: nämlich die Neigung, sich hinter Erzählmasken beinahe unsichtbar zu machen. Wenn Sie die Romane „Horns Ende“ und „Landnahme“ nebeneinander halten – beide beschäftigen sich mit der Frühzeit, der Gründungsgeschichte der DDR –, sehen Sie diese formale Gemeinsamkeit, dass beide Romane mehrere und einander widersprechende Erzähler haben. Und beide handeln von moralischer Schuld; natürlich ist Hein ein Moralist, vielleicht ein Moralist ohne positive Moral. Christoph Hein war 45 Jahre alt, als die DDR an ihr rühmliches Ende kam (ein bisschen rühmlich zumindest aus der Perspektive der Regimekritiker, zu denen er gehörte). Und es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Prosawerk Kontinuitäten gibt über den Systemwechsel hinaus; damit meine ich jetzt nicht ästhetische Kontinuitäten, sondern inhaltliche, politische. Hein ist gewiss nicht ein unerbittlicher Kritiker des einen Systems, weil er ein feuriger Anhänger des anderen wäre, soviel ist sicher.“

 

Auszug aus Christoph Heins Dankrede

Fünfzig Jahre war Hasenclever alt, als er, in einem französischen Lager interniert, Selbstmord beging. Er war einer der wichtigsten Dramatiker und Lyriker des deutschen Expressionismus, seine Stücke wurden nach dem ersten Weltkrieg von vielen Bühnen aufgeführt. Dann wechselte die Mode, die expressionistischen Stücke verschwanden von den Spielplänen und Walter Hasenclever schrieb nun sehr erfolgreiche Unterhaltungskomödien. Mit Hitlers Machtantritt war auch diese Zeit für ihn beendet, er musste emigrieren. Als die Franzosen ihm keinen Schutz mehr boten, sondern den Wünschen und dem Druck des 3. Reiches nachgaben und ihn wie viele andere deutsche Antifaschisten festsetzten, um ihn auszuliefern, floh er nochmals, emigrierte er in den Tod.
Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft wehrt sich gegen diese Auslöschung, setzt Zeichen gegen dieses Vergessen. Das ist umso verdienstvoller und ehrenwerter, als es nicht nur ein Signal gegen die Zeitmode ist, sondern auch Widerstand gegen einen Sieg von Hitler bedeutet, ein Widerstehen gegen die Barbarei, gegen den Versuch einer Auslöschung, die das 3. Deutsche Reich an der deutschen Kultur und den Künstlern mit nachhaltigem Erfolg vornahm.

 

Preise (in Auswahl)

1982 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR
1989 Lessingpreis der DDR
1990 Erich-Fried-Preis
1992 Berliner Literaturpreis
1994 Peter-Huchel-Preis
1998 Peter-Weiss-Preis
2004 Schiller-Gedächtnispreis

 

Werke (in Auswahl)

Cromwell und andere Stücke,1981
Der fremde Freund, 1982, DDR, u. d. T. Drachenblut, 1983, BRD
Horns Ende, 1985
Öffentlich arbeiten, 1987
Passage, 1988
Der Tangospieler, 1989
Die Ritter der Tafelrunde, 1989
Als Kind habe ich Stalin gesehen, 1990
Das Napoleon-Spiel, 1993
Exekution eines Kalbes und andere Erzählungen, 1994
Die Mauern von Jerichow, 1996
Von allem Anfang an, 1997
Willenbrock, 2000
Landnahme, 2004
Frau Paula Trousseau, 2007
Weiskerns Nachlass, 2011
Vor der Zeit: Korrekturen. Erzählungen, 2013
Glückskind mit Vater, 2016

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