Doris Lauer: Laudatio zur Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises

Liebe Frau Erpenbeck

Sehr geehrte Gäste dieser Festversammlung

 

Der Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen wird im Jahr 2016 der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck für ihr Gesamtwerk zuerkannt.

In ihrer Begründung hebt die Jury insbesondere die gedankliche Klarheit, die stilistische Prägnanz und die musikalische Rhythmik in der Erzählkunst der Autorin hervor; ich möchte hier noch die manchmal eher zufällig wirkende, in Wahrheit aber sehr treffsicher, situationsadäquat und feinfühlig arrangierte Komposition der Texte herausstellen.

Ihre Themen findet Jenny Erpenbeck in den aktuellen Problemen unserer Zeit, Problemen, mit denen sie selbst konfrontiert ist, in die sie mehr oder weniger eng auch persönlich eingebunden war und ist.

Dabei interessiert sie insbesondere die Nahtstelle, an der bisher Gültiges aufgegeben und ein Neuanfang gewagt werden muss, der Punkt also, an dem Menschen in ihrem Innersten angerührt und erschüttert werden.

Diesem neuralgischen Punkt nähert sie sich in ihrer Prosa nach sorgfältigen Recherchen mit klarem Blick und großer Sensibilität.

 

Die oftmals mit einem solchen Umbruch verbundenen Verstörungen sind bereits Thema ihres Debutromans von 1999, der „Geschichte vom alten Kind“. Hier schildert sie auf sehr anrührende Weise, wie die Protagonistin ganz allmählich aus dem belastenden, lähmenden Außenseiterdasein, aus der dumpfen Isolation der Andersartigkeit herausgelöst und einer wenn auch noch rudimentären Kontaktbereitschaft und Kontaktfähigkeit zugeführt wird.

 

In der Sammlung von Erzählungen, die 2003 unter dem Titel „Tand“ erschien, beleuchtet Jenny Erpenbeck die Vielfalt und die Verschiedenartigkeit menschlicher Beziehungen. Sie beschreibt die Bedingungen und Bedingtheiten des Lebens, die sich durch plötzliche Einbrüche oder das monotone Dahinfließen der Zeit ergeben – und die Reaktionen, die sie in Menschen auslösen, von resignativer Hinnahme und müder Anpassung bis zu wütender und gewalttätiger Auflehnung.

In einem wunderbaren, präzisen Stil und durch ungewöhnliche, starke Bilder, die jede Nuance treffen, vermittelt die Autorin allein durch die Kraft des Erzählens Begegnungen, Veränderungen, Erinnerungen, mit denen Menschen konfrontiert sind und an denen sie wachsen oder scheitern, erstarken oder zerbrechen.

 

Dass in solchen Wandlungsprozessen auch die Sprache von gravierender Bedeutung ist, vermittelt Jenny Erpenbeck in dem Roman „Wörterbuch“ von 2005. In einem zunächst rein imitativen, später zunehmend kritischen Sprachaneignungsprozess erschließt eine Tochter sich ihre Lebenswirklichkeit und muss dabei am Beispiel des von ihr geliebten und geachteten Vaters erkennen, wie verlogen, verschleiernd, verharmlosend und gewalttätig Worte sind, wie wenig wahrheitsgetreu und vertrauenswürdig Sprache ist – und wie sehr sie den prägt, der sie lernend aufnimmt.

 

In dem Roman „Heimsuchung“ von 2007 beschreibt Jenny Erpenbeck die Geschichte eines Hauses am Märkischen See und das Schicksal seiner Bewohner von den Zwanzigerjahren bis in die Nachwendezeit. Zwölf Lebensläufe des 20. Jahrhunderts vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, die Nazizeit, den Krieg, die DDR, die Wende und Nachwende sind mit diesem Haus verbunden und konkretisieren deutsche Geschichte an Einzelfällen, denen dennoch über alle Unterschiedlichkeit der Wertvorstellungen und Hoffnungen hinweg der Wunsch gemeinsam ist, einen Ort des Wohnens und Bleibens zu schaffen.

 

Der Roman „Aller Tage Abend“ von 2012 behandelt jüdische Schicksale in Ost- und Mitteleuropa. Von den ärmlichen Lebensverhältnissen einer galizischen Kleinstadt über die mühsame Daseinsbewältigung im Wien des frühen 20. Jahrhunderts und die gefährlichen Überlebensbedingungen im stalinistischen Moskau bis zu den schwierigen Ankommensmodalitäten im Berlin der heutigen Zeit verknüpft die Autorin persönliche und familiäre Verwurzelungen mit der Kultur- und Zeitgeschichte.

Viele Leben schildert sie in diesem Reigen der Möglichkeiten, in dem nämlich nicht nur die gelebten Schicksalen dargestellt werden, sondern auch die ungelebten, die aber hätten gelebt werden können. Jenny Erpenbeck hat hier ein meisterhaft komponiertes, sprachlich mitreißendes Lebensbild eines Jahrhunderts geschaffen.

 

Und nun ist also im Jahr 2015 „Gehen, Ging, Gegangen“ erschienen, der Roman, der aufgrund seiner Aktualität die Jury in besonderem Maße bei ihrer Entscheidung für die heutige Preisverleihung beeindruckt hat.

In einem Interview mit DER ZEIT vom 8. Oktober 2015 sagt Jenny Erpenbeck zur Entstehung ihrer Bücher: „Ich habe eigentlich immer beim Mikrokosmos angefangen und bin beim Makrokosmos angekommen, ohne dass ich mich dafür entschieden hätte“. Und so verfährt sie auch bei Richard, dem Protagonisten in „Gehen, Ging, Gegangen“.

Er, der als gerade erst emeritierter Professor für klassische Philologie an der Humboldt-Universität Berlin eigentlich nun seinen Ruhestand organisieren wollte, sieht sich im Mikrokosmos seines bescheidenen, zurückgezogenen Lebens konfrontiert mit den Flüchtlingen, die er in den Straßen und auf den Plätzen von Berlin antrifft und über die in den Medien dauernd berichtet wird. Ganz Wissenschaftler, der er ist, will er mehr wissen, um besser zu verstehen. Aber wohlgemerkt: er will sich nur informieren, nicht helfen.

Im Lauf seiner diesbezüglichen Bemühungen erfährt er vieles, das ihm gänzlich neu ist, und besucht eine Reihe oftmals verstörender Örtlichkeiten. Dabei liegt das Erleben von Fremdheit und Befremdung durchaus nicht nur auf der Seite der aus ihrer Heimat in ein fremdes Land geflohenen Menschen. Auch Richard, der sich im vermeintlich sicheren Kontext seiner gewohnten Umgebung bewegt, erlebt Verunsicherung.

Und in seiner Begleitung, in seinem Kopf sozusagen, gehen mit ihm die Leserinnen und Leser, die – ebenso unwissend wie er – an seinen Erfahrungen und Überlegungen teilhaben.

Mit ihm  begegnen sie fremden Kulturen und Lebenswelten, lernen individuelle Schicksale kennen und treffen auf unbekannte Denksysteme mit völlig anderen Maßstäben. Sogar die Sprache mit ihrer mitteleuropäischen Begrifflichkeit scheint nicht mehr zu passen, um die fremde Wirklichkeit zu erfassen. Was bedeuten zum Beispiel Zeit, Grenze, Würde, Zukunft, Ziel, Recht und Weg in den so unterschiedlichen kulturellen Kontexten?

Da die bisher für ihn gültigen Kategorien nicht mehr greifen, versteht Richard, dass es auch an ihm ist, seine Urteilskriterien zu modifizieren.

Er, der anfänglich nur sehen und sich informieren wollte, gerät ins Staunen über ihm bislang unbekannte Sachverhalte und Möglichkeiten und lernt, die sich in seinem unmittelbaren Umfeld abspielenden Ereignisse in größeren Zusammenhängen zu sehen, sie in den Makrokosmos einzuordnen, den er vorher gar nicht im Blick hatte. Er ist erschüttert über die fremden Schicksale,  – und über sein eigenes Nichtwissen.  Er empfindet Scham darüber, „dass er es sich die längste Zeit seines Lebens so leicht gemacht hat „ (S. 209).

In Gesprächen mit seinen Freunden oder durch Vergleiche mit anderen historischen Situationen oder Erlebnissen seiner eigenen Vergangenheit und Gegenwart versucht er, seine Position und seine Sprache neu zu definieren, was nicht gerade erleichtert wird durch die Tatsache, dass in der Fülle seiner Begegnungen und Erfahrungen Sinnhaftes und Absurdes oft nahe beieinander liegen. Die immer wieder vorkommende Sprachübung „Gehen, Ging, Gegangen“ spiegelt das nahezu aussichtslose Bemühen, in dieser Gesellschaft und Sprache wirklich anzukommen.

 

Richard gelangt durch seine persönlichen Erfahrungen und Begegnungen und auch durch die Erkenntnis von Wirkungszusammenhängen fast zwangsläufig an den Punkt, wo er handeln muss. Zwar kann er nichts Grundlegendes ändern, die Welt nicht verbessern, die politischen Entscheidungen nicht beeinflussen, aber dort, wo er steht, kann er helfen, Leid und Ängste zu mindern. Es ist dies die Situation, die der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus generell als die dem Menschen eigene definiert. In seinem Roman „Die Pest“ weiß auch der Doktor Rieux, der unermüdlich gegen die Krankheit, das Leiden, den Tod kämpft, dass sein Einsatz nur punktuell wirkt, nur singuläre Erfolge zeitigt, dass der Tod letztendlich unausweichlich ist, aber er sieht sich mit allen Menschen in der gleichen Schicksalsgemeinschaft, der gleichen „conditio humana“, in der die richtige Haltung in aller Interesse die der Solidarität wäre. Nach dem Abklingen der Epidemie auf sein Handeln angesprochen, sagt Rieux, er habe weder ein Held noch ein Heiliger sein oder werden wollen, sondern ein Mensch.

Er ist sich dieser gemeinsamen Grundsituation offensichtlich eher bewusst als viele andere Menschen, denn er ist Arzt, Richard muss das erst lernen, denn er hatte darüber vor seinen persönlichen Erlebnissen nie nachgedacht. Er trifft Flüchtlinge, und er lernt Menschen kennen.

 

Mit diesem von der Thematik her hochaktuellen Roman gelingt es Jenny Erpenbeck in sehr eindrücklicher Weise, ihren Leserinnen und Lesern den Einbruch von schockierender Realität in die behagliche Vorstadtatmosphäre  eines gesicherten Ruhestandes zu vermitteln, da sie sie, wie schon gesagt, mit den Augen des Protagonisten schauen und seine Erfahrungs- und Denkprozesse gleichsam mit vollziehen lässt.

In sachlich ausgewogener Sprache, klarer Gedankenführung und starken Bildern vermittelt sie ohne belehrend erhobenen Zeigefinger, dass kritisches Hinschauen möglich und klare, unverstellte Sichtweisen nötig, ja sogar unerlässlich sind.

 

Walter Hasenclever hätte ein solches Hinschauen dringend gebraucht. Er hat leidvoll und bitter erfahren, was es bedeutet, verfolgt zu werden, fliehen zu müssen. „Gefangen. Rechtlos. Keinem Lande zugehörig. Ohne Schutz und Hilfe. Ausgeliefert“, schreibt er in seinem zweiten Roman „Die Rechtlosen“ (Sämtliche Werke Band IV, Mainz 1992, S.386), in dem er seine Erfahrungen im Internierungslager in Antibes verarbeitet. Und er stellt fest: „Man spürte: die Menschen litten unter ihrer Untätigkeit. Viele beschäftigten sich, so gut sie konnten. Die meisten vegetierten dahin, voll Erwartung, Sorge und Resignation. Über allen lastete die Unsicherheit ihres Schicksals“. (s. o. S. 445)

Und Walter Hasenclever fiel aus großer Höhe: er war in den zwanziger Jahren der meistgespielte Autor auf deutschen Bühnen, er reiste durch ganz Europa, er stand in persönlichem oder brieflichem Kontakt zu der intellektuellen Elite seiner Zeit.

Er musste erleben, wie ein Mensch sich fühlt

  • wenn er zum wiederholten Mal an Schaltern oder Schreibtischen vor fremden Amtsträgern steht, die sein Schicksal verwalten,
  • wenn er mit seinen verbliebenen Habseligkeiten und vielleicht einer Decke in einen Schlafsaal oder ein Zelt geschickt wird, wo drangvolle Enge auch die kleinste Privatsphäre ausschließt,
  • wenn er auf ein Klingelzeichen reagieren und beispielsweise Licht löschen oder an einer Essensausgabe anstehen muss,
  • wenn er, getrennt von den Menschen, die ihm lieb sind und um die er sich sorgt, angstvoll auf neue bedrohliche Nachrichten horcht,
  • wenn er sich den Regeln und Zwängen des Lagers in demütigender Weise ausgeliefert sieht.

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht in Artikel 1 unserer heutigen Verfassung, des Grundgesetzes, das 1949 verabschiedet wurde. Es galt also noch gar nicht, als Walter Hasenclever 1940 im Internierungslager Les Milles in Südfrankreich verzweifelte. Und es galt doch, weil dieser Artikel zu den unveräußerlichen und zeitlos gültigen Menschenrechten gehört. An seiner Missachtung ist Walter Hasenclever zerbrochen.

Er, der in seinem Leben gewiss auch viele Erfolge und Höhepunkte erleben durfte, war am Schluss einer von jenen, deren Schicksal das Leben des Protagonisten Richard durcheinander wirbelt und denen Frau Erpenbeck eine Stimme gibt – im besten Sinne des schon erwähnten Albert Camus, der, als er 1953 in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennahm, in seiner Dankesrede sein Verständnis von der Aufgabe des Schriftstellers sinngemäß so beschrieb:

Der Schriftsteller darf sich nicht in seiner Kunst isolieren; er muss sich der Tatsache bewusst sein, dass er mit den Menschen seiner Zeit eine gemeinsame Geschichte hat, dass er mit ihnen die Ereignisse, die Hoffnungen, die Ängste, das Glück, das Leid, die Freuden, die Verzweiflung, das Unglück teilt, und dass ihm dabei eine besondere Rolle zufällt. Weil er eben in besonderer Weise der Sprache mächtig ist, muss er seine Ehre darein setzen, für die zu sprechen, die sich gerade nicht äußern können.

Dabei wird der Schriftsteller per definitionem seltener auf der Seite derjenigen stehen, die die Geschichte machen, als auf der Seite derjenigen, die sie erleiden.

Für Albert Camus machen zwei Aufgaben die Größe seines Berufes aus: der Dienst an der Wahrheit und der Dienst an der Freiheit, und er erläutert das so: Das Schweigen eines unbekannten Gefangenen – sei es nun ein internierter Walter Hasenclever in Südfrankreich oder ein registrierter Osarobo im Berliner Flüchtlingsheim – , der irgendwo am anderen Ende der Welt Demütigungen ausgesetzt ist, genügt, um den Schriftsteller aus seinem heilen Künstlerdasein aufzustören und verpflichtet ihn, inmitten der Privilegien seiner Freiheit dieses Schweigen nicht vergessen zu lassen, sondern es hörbar, sichtbar, bewusst zu machen durch die Mittel seiner Kunst.

Die Noblesse der schriftstellerischen Kunst, sagt Albert Camus, zeigt sich in zwei schwer zu tragenden Verpflichtungen: der Weigerung zu lügen über das, was man weiß, und dem Widerstand gegen Unterdrückung und Demütigung.

 

Frau Erpenbeck, wir danken Ihnen für dieses Buch  –  im Namen Walter Hasenclevers

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