Oskar Pastior, Preisträger 2000

Foto Oskar PastiorOskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien geboren. Sein Vater war Zeichenlehrer. Von 1938 bis 1944 besuchte er in seiner Geburtsstadt das Gymnasium. Im Januar 1945 deportierte man den 17-jährigen in die Sowjetunion , wo er in Lagern als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde. Erst 1949 gestattete man ihm die Rückkehr nach Rumänien. Während des anschließenden dreijährigen Wehrdienstes in der rumänischen Armee holte er in Fernkursen seine Reifeprüfung nach. Danach arbeitete er als Betontechniker in einer Baufirma. Von 1955 bis 1960 studierte er
Germanistik an der Universität Bukarest und legte dort sein Staatsexamen ab. Ab 1960 war er Redakteur bei der deutschsprachigen Inlandsabteilung des Rumänischen Staatsrundfunks.
Seine ersten Lyrikveröffentlichungen erregten Aufsehen und brachten ihm zwei bedeutende rumänische Literaturpreise ein. 1968 nutzte Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in den Westen.
Er ging weiter nach München und anschließend nach West-Berlin, wo er seit 1969 als freier Schriftsteller und Übersetzer (u .a. Welimir Chlebnikow u. Tristan Tzara) lebte. Pastior war u.a. seit 1984 Mitglied der Akademie der Künste (Berlin), seit 1989 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und seit 1993 der internationalen Dichtervereinigung OULIPO, mit der er die Vorliebe für Sprachspiel und Wortartistik teilte, wobei die Grenzen zur Nonsense-Dichtung fließend sind.
Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006 während der Buchmesse in Frankfurt am Main.
Am 21. Oktober wurde ihm posthum der Georg-Büchner-Preis für 2006 verliehen.

 

Péter Esterházy: Laudatio auf Oskar Pastior

Auch Pastior lebt im Exil. Dabei denke ich nicht etwa an seinen Weg aus Hermannstadt nach Berlin, obwohl auch das als eine Verbannung betrachtet werden kann, und es wäre eine Parallele zwischen dem Namensgeber und dem Empfänger des Preises, eher denke ich an jene Selbstverbannung, die wohl die wichtigste Antriebsfeder von Pastiors Kunst ist. Pastior hat die Sprache mit Hilfe der Sprache verlassen, aus jener Sprache, die wir jeden Tag benützen, mit der wir hundert Gramm Landpastete und zwei Eintrittskarten für die Empore kaufen, mit der wir vier Laudationen halten und um Liebe flehen, aus dieser Sprache ist er hinausgesprungen – sie hat er verlassen, um das Ideal der Sprache kennen zu lernen, um in der Nähe der wirklichsten Wirklichkeit sein zu können. Pastior spricht in der Sprache von Finnegans‘ Wake und in Chlebnikows ‚Sternensprache‘. Das Wissen von Sprache zu trennen – das könnte Pastiors Zielsetzung sein.

 

Oskar Pastior: Dankesredelesung

Mein absichtsloser Weg zum Anagramm (welches ich ja dann in Rom 1983, intensiv und exzessiv nach Titelzeilen von Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel betrieb) war so gesehen die Konsequenz dessen, was buchstäblich permanent in einem fort im Anagramm die Zeit vertreibt, sie entbehrlich, ja unnötig macht, ohne echte Richtung, dadurch aber auch ein wenig endlos lang und unabsehbar – die herrliche Spielbereitschaft des Anagramms.
Wenngleich ich schon eine gewisse Prädisposition bei mir selber zu anagrammatischen Ausschweifungen und anderen Orgien der Permutation nicht leugnen möchte. Schließlich kommen Ortsveränderungen, Umzüge und Deportationen auch nicht aus heiterem Himmel.
Kann ich so etwas sagen? Darf ich vom Buchstaben im Namen wie von einem historischen Genom sprechen? Und wie ist das mit dem Dürfen und dem Sollen und dem Mögen? Wir sollten unsere Option auf die anagrammatische Anmutung und Würde des Möglichen im einleuchtenden Satzgeschehen bitte offenhalten.

 

Preise (in Auswahl)

1965 Literaturpreis der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest
1967 Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes
1969 Förderpreis zum Andreas-Gryphius-Preis
1978 Förderpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie
1983 Preis des SWF-Literaturmagazins
1990 Hugo-Ball-Preis
1993 Ernst-Meister-Preis für Lyrik
1998 Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis
2000 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2001 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik
2002 Erich-Fried-Preis
2006 Georg-Büchner-Preis

 

Werke (in Auswahl)

Fludribusch im Pflanzenheim, 1960
Offene Worte, 1964
Gedichte, 1965
Vom Sichersten ins Tausendste, 1969
Gedichtgedichte, 1973
Höricht, 1975
Fleischeslust, 1976
Der krimgotische Fächer, 1978
Wechselbalg, 1980
Sonetburger, 1983
Anagrammgedichte, 1985
Ingwer und Jedoch, 1985
Lesungen mit Tinnitus, 1986
Jalousien aufgemacht, 1987
Kopfnuß, Januskopf, 1990
Neununddreißig Gimpelstifte, 1990
Feiggehege, 1991
Vokalisen & Gimpelstifte, 1992
Eine kleine Kunstmaschine, 1994
Das Unding an sich, 1994
Das Hören des Genitivs, 1997
Der Janitscharen zehn, 1998
Standort mit Lambda, 1998
O du roher Iasmin, 2000
Villanella & Pantum, 2000
Werkausgabe
Bd. 2. „Jetzt kann man schreiben was man will!“, 2003
Bd. 3. „Minze Minze flaumiran Schpektrum“, 2004
Bd. 1. „…sage, du habest es rauschen gehört“, 2006 Gewichtete Gedichte. Chronologie der Materialien, Hombroich 2006

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