Ralf Rothmann, Preisträger 2010

Foto Ralf RothmannRalf Rothmann wurde am 10.5.1953 in Schleswig geboren. Angelockt vom Boom im Ruhrgebiet zog die Familie 1958 in den Oberhausener Vorort Sterkrade. Nach einem kurzen Besuch der Handelsschule begann Rothmann 1968 eine Lehre als Maurer und übte den Beruf bis 1972 aus. Dann ging Rothmann nach Essen, wo er vier Jahre als Krankenpfleger arbeitete. 1976 erfolgte der Umzug nach Berlin. In den ersten Jahren übt er zahlreiche Gelegenheitsjobs aus: Koch in einer Großküche, Drucker, Fahrer und Taxichauffeur. 1984 debütierte er mit dem Gedichtband Kratzer. Mit der 1986 erschienenen Erzählung Messers Schneide verschob sich der Schwerpunkt seines Schreibens auf die Prosa. Seither hat Rothmann mehr als ein halbes Dutzend Romane und zwei weitere Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Von ihren Schauplätzen her konzentrieren sich Rothmanns Werke auf das Ruhrgebiet und auf Berlin. In den Kohlenpott-Romanen stehen Jugendliche im Mittelpunkt, die unter kaputten Familien und kultureller Ödnis leiden. Eine Atmosphäre latenter Gewalt, die wie Mehltau über den Beziehungen von Ehepartnern, Eltern und Kindern liegt, erzeugt bei den jungen Protagonisten die Empfindung einer Perspektivlosigkeit, gegen die sie durch die Flucht in die Rockmusik und die Entdeckung des Kontinents Liebe revoltieren. In seinen Berlin-Romanen zeigt sich Rothmann als ein genauer Diagnostiker der sozialen Folgekosten der Wiedervereinigung an der Nahtstelle von Ost und West. Er erkundet die Lebensräume des neuen Prekariats und notiert in nüchternem Tonfall das Verschwinden der alternativen Kiez-Soziotope in der neoliberalen Nachwendezeit.

 

Lutz Hagestedt in seiner Laudatio:

lutz-hagestedtRalf Rothmann schildert eine Welt, in der das Soziale nicht auf schöne, allenfalls auf bitterschöne Weise zur Darstellung kommt. Gescheiterte Existenzen, Sozialfälle, trübselige Milieus, Stadtproletariat, Edelpenner: ‚Kroppzeug zu Kroppzeug’, wie es einmal heißt. Aber mit welcher Liebe und Vollkommenheit erzählt er und mit welch untrüglicher Milieukenntnis zeigt er uns die Brüche auf, die quer durch unsere Gesellschaft verlaufen, durch die sozialen Räume, die Familien, die Quartiere in den Städten, die Arbeitsverhältnisse, und mit welcher Menschenkenntnis zeigt er uns auch die inneren Brüche, die Risse durch die Person, durch die Paarbeziehung, durch das Weltbild, das man sich einmal zurechtgelegt hat. Eine scheinbar kalte, brutale Welt, völlig illusionslos, und zugleich eine warmherzige Welt, getragen von Sorge und Fürsorge.

 

Aus Ralf Rothmanns Dankrede ‚Blinde im Wald’:

preisverleihung-rothmann-02Dass einer wie Hasenclever dennoch nicht seinen Humor und seine Selbstironie verlor, dass er immer wieder die Kraft aufbrachte, sich und seine Leiden, die für uns Heutige kaum noch vorstellbar sind, nicht allzu ernst zu nehmen, und dabei doch ein mitfühlender und bis zuletzt fürsorglicher Mensch blieb, sogar noch im Gefangenenlager, zeugt von einer Größe, die einen auch deswegen so anrührt und bestärkt, weil sie Ausdruck dessen war, was immer der goldklare Gipfel jeder persönlichen Entwicklung sein wird: Innere Freiheit. Sie, die sich der lebenslangen Hingabe an die geistigen, erotischen und metaphysischen Möglichkeiten der Poesie verdankte, war sein eigentliches Haupt- und Meisterwerk, und noch der letzte, der allerletzte Schritt, den er wagte, war Ausdruck dieser Freiheit.

 

Preise (in Auswahl)

2001 Hermann-Lenz-Preis
2004 Wilhelm-Raabe-Literaturpreis
2005 Heinrich-Böll-Preis
2006 Max-Frisch-Preis

 

Werke (in Auswahl)

Kratzer, 1984
Messers Schneide, 1986
Stier, 1991
Wäldernacht, 1994
Flieh, mein Freund!, 1998
Milch und Kohle, 2000
Ein Winter unter Hirschen, 2001
Hitze, 2003
Junges Licht, 2004
Rehe am Meer, 2006
Feuer brennt nicht, 2010

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