WHG & Schule

Was sind unsere Leitsterne?

von Larissa Otten

Ein Bericht zur Wahl von Marica Bodrozic als Walter-Hasenclever- Literaturpreis-Trägerin der Stadt Aachen mit Einladung zum Gespräch mit ihr in unserer Schule am 23.11.2020

 

Walter Hasenclever wurde 1890 geboren und war Schüler unserer Schule, des Einhard-Gymnasiums, ehemals Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. 1908 erwarb er sein Abitur und ist Namensgeber des Literaturpreises der Stadt Aachen. Denn er wurde Schriftsteller, schrieb Texte nach dem Ersten Weltkrieg über die Wirkung des Völkerbundes, des UN-Vorläufers. Außerdem vertrat er in Gedichten, Dramen, Romanen und Essays Pazifismus in Europa. Aus diesem Grund spricht er auch heute zu uns. Walter Hasenclever wurde als Jude verfolgt, inhaftiert und starb 1940 in einem Lager. Heute ist der Holocaust-Tag, der Tag „der Befreiung von Auschwitz“, eines der geschichtsträchtigsten Ereignisse in Europa. Es ist wichtig daran zu erinnern, um dieses Ereignis nicht zu vergessen.

Am 06.11.19 besuchte die Q1 des Einhard-Gymnasiums eine Dialogveranstaltung mit den Friedenspreisträgern Jan und Aleida Assmann im Krönungssaal in Aachen zum Thema „Erinnerungskultur in Europa“, sie forderten, dass Erinnerung Aufklärung über die Vergangenheit bedeutet, um in die Zukunft zu schauen.

Auch Marica Bodrozic hebt das Erinnerungsgeschehen in ihrem Erzählen und in ihren Essays hervor, sie schreibt unter dem Motto „Der Europäer ist ein Mensch mit Erinnerungen“. Sie ist damit eine Botschafterin der Freiheit in Europa für unsere Zeit, ihre Lebensgeschichte zeugt davon: Sie verließ als zehnjähriges Mädchen das damalige Jugoslawien,  das heutige Kroatien. Die heute 46-jährige wuchs in Hessen auf,

lebt heute nach vielen Stationen in Berlin und hilft die Botschaft Walter Hasenclevers für die heutige Zeit zu übersetzen, indem sie in ihren Büchern die Innen-und Außenwelt miteinander verbindet.

In ihrem aktuellen Roman „Das Wasser unserer Träume“ (2016) geht es um die Frage nach der Würde des Menschen, der Entdeckung der Innen- und Außenwelten und dem Weiterdenken und Weitersprechen in neu bewusster Sensibilität. Dies weist auch auf ihre familiäre Situation hin, denn ihre Mutter war Gastarbeiterin in Deutschland. Dies zeigt den Hunger eines jeden Menschen nach Freiheit, Sinn und Nahrung, da man nur so in einem geistigen Weg das Innere entdecken kann.

Vor zwei Jahren war Robert Menasse aus Österreich/ Wien, einem Vielvölkerstaat vor dem Ersten Weltkrieg, Preisträger. Er würdigte Europa, aber war kein Europäer in der Weise wie Marica Bodrozic, die aus Mitteleuropa stammt. Kroatien übernahm zum 1.1.2020 die EU-Ratspräsidentschaft, bevor Deutschland sie im zweiten Halbjahr weiterführt. Kroatien hat durch den Eintritt in die EU im Jahre 2013 als jüngstes Mitglied einen Schub in Richtung Durchsetzung der Menschenrechte erfahren.

Georg Büchner, ein Schriftsteller des Vormärz aus Hessen, vertritt ebenfalls, wie Bodrozic, die Sozialkritik als Thema der Literatur. Beide wollen „kleine Menschen“ in den Fokus rücken und ihnen eine Sprache geben, um diesen ihre Wertschätzung zu vermitteln.

Das Werk „Sterne erben, Sterne färben“ (2007, zweite Auflage 2016) zeigt den Stern als Leitmotiv, welcher Augen als Sinne weckt und Lichtwerte weitergibt, um das Dunkle in der Welt zu entdecken. Der Sternenhimmel zeigt das gemeinsame Leben, weil jeder Mensch seinen eigenen Stern sucht und auch ein einzigartiger, wertvoller Stern ist. Darüber hinaus steht die Europafahne für Vollkommenheit und öffnet sich über die 12 Sterne hinaus für einen Zuwachs der Gemeinschaft.

Heute sind die Menschen, insbesondere die Jugendlichen, sehr mobil, und diese Mobilität weitet sich immer weiter aus, sodass sich Heimat nicht auf einen bestimmten Standort, wie ein Land oder einen Ort bezieht, sondern auf das persönliche Wohlbefinden des Menschen nach der individuellen Entscheidung, wo der Mensch am glücklichsten ist.  Die Identitätsfrage ist in der heutigen Zeit sehr wichtig, da der Fokus auf Mehrsprachigkeit liegt, sodass man viele unterschiedliche Sprachen kennen lernen kann, um mit anderen Menschen verschiedener Kulturen und Nationen aus anderen Ländern in Dialog zu treten.

So konzipieren wir die Veranstaltung in unserer Aula am Montag, den 23.11.2020, 10-12 Uhr unter dem Projekt-Titel: „Was sind unsere Leitsterne? Ein interaktives Event zwischen  Herkunft, Ankunft und Zukunft“ mit herausfordernder Energie, um sich im Leben weiter zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen. Deshalb ist Literatur nach Bodrozic nicht nur Texte lesen, sondern ein Abenteuer des Erwachens mit Augen und Ohren der Sprache.


 

Zu Ehren des ehemaligen Schülers Walter Hasenclever und der bisherigen Preisträger konnten wir mithilfe der finanziellen Unterstützung unseres VFE (Verein der Freunde und Ehemaligen) eine Galerie der Preisträger gestalten, welche nun jeden Gast im Flur unserer Schule begrüßt.

 

 

 

Vom Leben und Lesen in und für Europa – ein Roman zum Reisen: Robert Menasses „Die Hauptstadt“

Dass der berühmte und begehrte Preisträger Robert Menasse mit uns am Einhard-Gymnasium in ein Gespräch eintreten würde, versetzte uns in besondere Hochspannung. Hochkarätig seine Texte, vor allem aber unberechenbar seine Streitlust und Streitkunst in Interviews zu politisch-philosophischen Fragen auf allen medialen Kanälen. Menasse sucht als Essayist die europäische Bühne, kritisiert Demokratiedefizite und klärt Demokratieleistungen. Er erregte direkt vor unserem Treffen am 10.11.2018 durch die Ausrufung der Europäischen Republik auf 300 Theaterbühnen Europas mit 30.000 Teilnehmenden große politische Aufmerksamkeit. Ganz Aachen sprach von Menasses „Aachener Rede“ bei der Preisverleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises am Sonntag den 18.11., seine Anklage, dass wir unsere „europäischen Werte“ zum „Preis“ von Rüstungsindustrie-Arbeitsplätzen aufgegeben hätten.

Mit unserem Motto „Get into trouble, good trouble“ trafen wir bei unserem Zusammensein in der Aula vor 500 Schülerinnen und Schülern sowie Gästen sein Gewissen. Gleich zu Beginn kritisierte er den Europäischen Rat als sich abschottende „Wagenburg“ auf ihren EU-Gipfeln und beschwor die Stadt Brüssel mit 19 Bürgermeistern als Region, als Klein-Europa der Vielfalt. So wurde der dialektische Widerspruch zwischen Kritik und konstruktiver Kunst leitend für die Veranstaltung, souverän moderiert von Charlotte Rothe und Julia Jacobi. Zum ersten Mal waren die „Einhard-Symphoniker“ unter der Leitung von Frau Heuschen beteiligt. Die „Ode an die Freude“ ging über in Kakophonie, denn der erste Satz des Romans lautet: „Da läuft ein Schwein!“, welches scheinbare Ordnung in produktiv-kritischen „trouble“ verwandelt. Vier Figuren hinter den Fassaden der Europa-Gebäude wurden als Romangestalten in den Blick genommen: Leon Elsbroek gab Martin Susman seine Stimme, Rebecca Richter Fenia Xenopoulou, Vincent Simons David de Vriend und Caspar Krones Alois Erhart. Künstlerische Porträts von Franziska Görres und Photos von Hannah Reiners stellten Steven Wilden und Andreas Wessing zu einer PPP zusammen. Neben der Visualisierung des Lebens und Arbeitens für die europäische Sache in Brüssel vertiefte der musikalische Beitrag von Felicia Lehmann, unterstützt durch Frau Heuschen, die Frage, wie wir auf der Bewusstseins-Basis der Verletzungen der Menschenwürde in Kriegen eine Kraft für die Zukunft gewinnen. Immer wieder schiebt sich vor unser Auge die oberflächliche Egomanie der Bürokraten und Technokraten, die nur an sich selbst denken: Dies führte uns der Literaturkurs aus der Q 1 unter der Leitung von Herrn Herold vor Augen und griff dabei die satirische Seite Menasses auf. Gerade aber die Klasse 5a konnte in einer Unterrichtsreihe mit dem Leistungskurs 2 der Q2 ein Gegenmodell erarbeiten, das die Figur Alois Erhart aus seiner Kindheitserinnerung gewinnt: das Ballspiel mit den Regeln „Sei verlässlich“ und „Nie wieder Ballverlust, Verlust des europäischen Wertballs!“ Menasse, Sohn eines österreichischen Nationalfußballspielers, nahm den Ball an, hielt ihn fest, spielte mit.

Schließlich sprachen wir auf einer Ebene: Vincent passte Menasse seine These zu: „Romane lesen, das ist schön und gut – aber das Leben ist das Wichtige, das freie Reisen in Europa, z.B. mit dem freien Interrail-Ticket für 18jährige.“ und Menasse parierte, passte zurück: „Du hast recht – aber nütze doch die Zeit zwischen den Stationen zum Lesen von Romanen im Zug.“ Das Zusammenspiel in der Aula lief so gut, dass Menasse dem WDR-TV-Team resummierend berichtete: „Ich war berührt und beeindruckt, das war der Beweis, dass man jüngeren Menschen Europa nicht mit komplizierten Begriffen erklären muss, sie leben es und werden es sich nicht mehr nehmen lassen.“ Und so übergab der Preisträger selbst Preise an die Schülerinnen und Schüler, die bei einem Essay-Wettbewerb zur im Roman benannten EU-Skulptur „Der Traum Europa“ tolle Texte schrieben, gemeinsam mit der Bürgermeisterin Frau Hilde Scheidt und unserem Sponsor Martin Schwoll, Buchhandlung Backhaus für: Zeinab Yacouba, Sofia Sokolov, Enisa Begic, Franziska Görres, Ava Moayeri und Julia Jacobi. Ein großes Dankeschön an alle Beteiligten, auch die „active audience“!

 

WDR-Bericht über den Besuch von Robert Menasse am Einhard

Robert Menasse war am 19.11.2018 im Einhard-Gymnasium, um mit Schülerinnen und Schülern zu diskutieren. Einen Fernsehbericht über diese Veranstaltung können Sie hier abrufen.

Michael Köhlmeier erinnert sich an die Preisverleihung 2014

Herr Köhlmeier, 2014 wurden Sie in Aachen mit dem Walter-Hasenclever-Preis ausgezeichnet.Was haben Sie für Erinnerungen an diesen Tag?

Michael Köhlmeier: Das war sehr schön, ich war ganz überwältigt. Es gab im Rahmen der Verleihung eine Diskussion mit Schülern am Einhard-Gymnasium, ich war begeistert davon, wie gut die Schüler vorbereitet waren und wie feierlich die Veranstaltung gestaltet war; das hat mich sehr berührt.
Aachener Zeitung 3.11.18

Vom Kleinspielfeld nach Europa – aber FAIR PLAY

Am 22.9. war es uns eine Ehre, dass Frau Bürgermeisterin  Hilde Scheidt den „Kickoff“  des folgenden Eröffnungs-Fußballturniers auf dem schulischen Kleinspielfeld durchführte. Jetzt reichen wir, wiederum erfreulicherweise mit ihrer Hilfe, am Montag, den 19.11.2018, um 10 Uhr den goldenen Ball der Marke „Fairpay/ Teamwort Gold/ Fair play“ weiter, um mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreisträger der Stadt Aachen 2018, Robert Menasse, in unserer Aula im Einhard-Gymnasium (Robert-Schuman-Straße 4, 52066 Aachen) über Europa zu sprechen und zu fragen: Wird in Brüssel noch Fair Play gespielt? Weiß man dort noch, um welchen Ball und um welches Spiel es eigentlich geht? Aber auch direkt: Wie spielen wir mit? Spielen wir als „WIR“ mit?

Ja, die Fußball-Metapher ist für den Sohn des österreichischen Nationalspielers Hans Menasse zentral in seinem berühmten Werk „Die Hauptstadt“. Er spielt uns Bälle als Denkanstöße zu und wir wollen zupassen. Aber es wird noch viel mehr auf unserer Aula-Bühne passieren: Der Europa-Stier verwandelt sich in ein Europa-Schweinchen, sehr gesellig, sensibel, unberechenbar und nicht zu fangen.

Es erwarten uns rätselhafte Tattoos, Skulpturen und ein Schreibwettbewerb für alle Klassen. Also – kommt und macht mit! Frau Scheidt hat schöne Preise, aber es gilt das Spielmotto: Dabeisein ist alles!

 

„Spiel“ mit – unser Beitrag für Europa!

Schreibwettbewerb für alle Klassen und Stufen

Am 19.11.18 sprechen wir in der Aula mit dem diesjährigen Walter-Hasenclever-Preisträger Robert Menasse. In seinem neuesten Roman „Die Hauptstadt“ beschäftigt er sich mit der Bedeutung Europas und erwähnt auch diese Skulptur, die in den Straßen Brüssels steht.

Wie deutest du die Skulptur von Hanneke Beaumont?

→ Gib der Skulptur einen Titel und begründe deine Deutung mit Bezug auf deine Europaerfahrungen. (höchstens 1 DINA-4-Seite, getippt)