2006

2006

Wechsel im Vorsitz der Gesellschaft

Bereits im Januar sollte eine große Veränderung auf den Vorstand der WHG zukommen.
Nach zehn Jahren Vorstandstätigkeit, davon sieben Jahren als Vorsitzender der WHG, legte Dr. Bert Kasties dieses Amt nieder.
In der Mitgliederversammlung vom 25. Januar 2006 stellte sich Prof. Dr. Jürgen Egyptien als Kandidat für dieses Amt vor:

Im Jahre 2004 war er zum Professor für Neuere deutsche Literatur an der RWTH ernannt worden.
Er ist Schriftsteller, in mehreren literarischen Gesellschaften Mitglied, Vorsitzender des
Peter-Klein-Literaturforums und hat gute regelmäßige Kontakte zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Da die regulären Vorstandswahlen erst in zwei Jahren stattfinden sollten, wurden in dieser Versammlung nur der bisherige Vorsitzende von seinem Amt entlastet und Prof. Egyptien in dieses Amt des 1. Vorsitzenden gewählt.

Der scheidende Vorsitzende richtete ein persönliches Wort an die Mitglieder, das herzlich aufgenommen und mit dem Dank der 2. Vorsitzenden Ulla Bein im Namen der Gesellschaft für seine geleistete erfolgreiche Arbeit beantwortet wurde:

Von ihrer Gründung bis zum heutigen Tag hat unsere Gesellschaft einen langen und erfolgreichen Weg zurückgelegt. Wer hätte seinerzeit im Jahre 1996, als es darum ging, die bloße Existenz des Hasenclever-Literaturpreises zu sichern, daran denken können, dass er heute zu den höchstdotierten des deutschen Sprachraums zählen und sich dank potenter Preisträger sowie der Kooperation der Deutschen Schillergesellschaft eines beachtlichen und stetig wachsenden Renommees erfreuen würde. Diesen nicht immer einfachen Weg mitgehen und mitgestalten zu dürfen hat mir große Freude bereitet, und ich bin Ihnen, den Mitgliedern der Gesellschaft, dankbar für Ihre erwiesene Unterstützung und das mir entgegengebrachte Vertrauen.“

Am Abend dieser Jahreshauptversammlung zeigte Frank Heller Diaprojektionen zum Filmdrehbuch Die Pest von Walter Hasenclever. Der Schauspieler Walter Sprungala übernahm die Lesung.

Ulla Bein scheidet aus dem Vorstand aus

Eine weitere Veränderung im Vorstand ergab sich, als Ulla Bein im Juni ihre Zelte in Aachen abbrach, und die Buchhandlung Backhaus in andere Hände kam.
Die langjährige stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft wollte in ihrem neuen Lebensumfeld Zürich natürlich nicht auf die geliebte Literatur verzichten. Wer bei dem legendären Peter Klein in die Lehre gegangen und seine wichtigste Mitarbeiterin geworden ist, kann nicht ohne Literatur leben.
Ihre festen Reihen wie Die Vorleser oder Spätlese in Zusammenarbeit mit dem Theater Aachen wie auch ihr Engagement im Peter Klein-Literaturforum waren nun Vergangenheit, aber nicht ihre Mitgliedschaft in der Walter-Hasenclever-Gesellschaft.

 

Damit die Vorstandsarbeit gewährleistet war, beschloss der Vorstand, bis zur Bestätigung der nächsten Mitgliederversammlung durch Wahl das vakante Amt des stellvertretenden Vorsitzenden durch den bisherigen Beisitzer Dr. Walter Vennen versehen zu lassen.

 

 

 

Hasenclever-Literaturpreis 2006 für Herta Müller

Foto: Bettina Flitner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herta Müller erhält die Auszeichnung für ihr Gesamtwerk, das mit großer sprachlicher Intensität und Bildhaftigkeit Fremdheit und Fremdes ästhetisch erfahrbar macht.“ (Aus der Begründung des Kuratoriums zur Verleihung des Walter-Hasenclever-Preises.)

Als am Abend des 16. September 2006 Herta Müller die literarische Auszeichnung des Hasencleverpreises entgegennahm, war sie dem literaturbegeisterten Aachener Publikum schon keine Unbekannte mehr. Sie hatte am Vormittag zur Eröffnung ihrer Ausstellung von Originalcollagen für das Buch Die blassen Herren mit den Mokkatassen einen Teil dieser Texte vorgetragen und die betreffenden Kunstwerke in einer Diaprojektion gezeigt.
Am Vormittag des nächsten Tages las sie im Rahmen der Aachener Literaturwoche in der Mulde des Ludwig Forums für Internationale Kunst aus ihren Werken.
Dass ihr persönlicher Freund– und als Securitate-Opfer auch Schicksalsgefährte– Oskar Pastior sechs Jahre zuvor ebenfalls den Hasencleverpreis erhalten hatte, war ihr bekannt.
Das Rumänien Ceausescus ist das Erfahrungsreservoir, von dem aus Herta Müller nicht nur ihre fiktiven poetischen Wirklichkeiten schafft, in denen sich nicht nur die Gefährdungsmomente der demokratischen Gesellschaften spiegeln, sondern aus deren Erfahrung heraus sie gerade dezidiert auch ihr Engagement als kritische Kommentatorin von Widersprüchen innerhalb unserer Gesellschaft legitimiert. Denn als solche tritt sie uns in den zurückliegenden Jahren immer wieder entgegen, sucht sie das Gespräch mit dem Leser, mit individuellem Eigensinn, Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit, schonungslos sich selbst gegenüber…“ (Norbert Otto Eke in der Laudatio)

Die unorthodoxen Improvisationen der virtuosen Klarinettistin Regina Pastuszyk waren weit mehr als ein üblicher ‚musikalischer Rahmen‘ im Forum.“

So sprach Grit Schorn in den AN vom 18. 9. 06 die Begeisterung vieler Zuhörer aus über die freien Improvisationen, die die Künstlerin aus dem Werk von Herta Müller inspirierten.

 

 

     Collagen-Ausstellung von Herta Müller

 

 

„Ich selbst entdeckte genug Verstörung in den oft verschlossen und rätselhaft wirkenden Bildcollagen, deren Elemente, aus Alltäglichkeiten herausgeschnitten, von ihr in eine neue, nun befremdliche Beziehung gebracht wurden. Es ist eine erste Annäherung an das, was Herta Müller den Fremden Blick nennt:  Der Fremde Blick kommt aus den vertrauten Dingen, deren Selbstverständlichkeit einem genommen wird.
Herta Müller hat sich nicht nur theoretisch mit Sprache auseinandergesetzt, sondern vor allem mit den Erfahrungen, wie Sprache und Erleben, Sprache und Gewaltausübung, Sprache und Widerstehen ihre Beziehungen gleichsam verselbstständigen und dann etwas mit uns machen.“

(Jürgen Lauer bei der Begrüßung zur offiziellen Eröffnung der Ausstellung am 16. 9. 2006)

 

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