2015

2015

Die WHG  beteiligte sich an den Jüdischen Kulturtagen, die vom 22. Februar 2015 für einen Monat unter dem Motiv standen:

angekommen – jüdisches [er]leben

Für Aachen, das zum vierten Mal an diesen Kulturtagen teilnahm, beteiligte sich die Walter-Hasenclever-Gesellschaft am 26. Februar mit einem Vortrag:
Walter Hasenclever. Aus einem Schriftstellerleben, verfasst, von Bildmaterial begleitet und in der Aula des Einhard-Gymnasiums ausgeführt von Doris und Jürgen Lauer .

Es war interessant festzuhalten, wie oft den Vortragenden in diesem Zusammenhang die Frage gestellt wurde: Gehört Walter Hasenclever, nach der Terminologie der Nürnberger Rassengesetze als Vierteljude eingestuft (sein Großvater Alfred Reiss war jüdischer Abstammung), überhaupt zum Thema der Jüdischen Kulturtage? Er war doch evangelisch getauft und konfirmiert, war fast sein Leben lang mit der buddhistischen Geisteshaltung verbunden, mit der er sich intensiv beschäftigt hatte, wie er sich mit der Mystik und Theosophie Swedenborgs und auch mit der jüdischen Philosophie Henri Bergsons auseinandergesetzt hatte.

Doch schon die Fragestellung, ob Hasenclever ein „richtiger“ Jude gewesen sei, folgt ungewollt dem Nazijargon in dessen unwissenschaftlichem Rassenmerkmal-Konstrukt, das mit dem Begriff „Rasse“ willkürlich kulturelle, ethisch-moralische und charakterliche Kategorien verband.
Insofern ist gerade Hasenclevers Schicksal ein gutes Anschauungsbeispiel für die Stigmatisierung durch Bezeichnungen wie „Kulturjude“ oder „Geistesjude“, „Gesinnungsjude“ oder „Literaturhebräer“, aus dem Wörterbuch des Nazi-Ungeistes entnommen – wann immer sie Werthaltungen oder kulturelle Leistungen bekämpften – ob es sich um Juden nach ethnischer oder religiöser Zuordnung handelte oder nicht. In seinem letzten satirischen Theaterstück „Konflikt in Assyrien“ lässt Hasenclever denn auch den faschistischen Staatskanzler Haman dementsprechend sagen: „Wer ein Jude ist, bestimmen wir!“.

Die Vortragenden zeichneten Hasenclevers Weg nach vom schwärmerischen Lyriker über den Wegbereiter des literarischen Expressionismus, den politischen Dichter, den Pazifisten und geistigen Weltverbesserer, den Komödienautor mit Augenzwinkern und den Satiriker, schließlich den gesellschaftlich prominenten Weltmann und den getriebenen Exilierten, den Rechtlosen.

Um nicht nur sein Werk zu vernichten, wie in der Bücherverbrennung 1933, sondern auch seine Person, wurde in der von den Nazis bestimmten Medienöffentlichkeit der Name Hasenclevers mit „der Jude Hasenclever“ verbunden. Weitere Angaben erübrigten sich, denn die Konsequenzen waren damit vorgezeichnet.
Hasenclever griff den Nazi-Ungeist satirisch an, in seiner bitterer Komödie „Konflikt in Assyrien“, in der er seherische Andeutungen zur „Endlösung der Judenfrage“ machte. Der Identifikation mit den Verfolgten und Bedrohten gab er nicht nur in diesem Stück Ausdruck. In einem Brief vom Oktober 1938 an George Strauss, einen britischen Abgeordneten, bekannte er sich zu seiner jüdischen Herkunft, die –leider – nur 25prozentig gelte.

Am 27. September 1938 wurde von der Behörde des Reichsführer SS dem Außenministerium mitgeteilt, dass Walter Hasenclever die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war:
Betrifft: Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des Juden Walter Hasenclever, geboren am 8. 7.1890 in Aachen. Bezug: Ohne.
Entsprechend lakonisch kommentierte die Nazipresse seinen Tod (den sie übrigens in dieser Notiz mit dem Tod Walter Benjamins verwechselte – Jud ist Jud, um das bitter zu kommentieren):
„Mit seinem Tode hat er nun selbst symbolisch einen Schlussstrich unter eine unwiderruflich vergangene Zeit gezogen.“

 

Doppelter Gedenktag für die Hasenclever-Gesellschaft:

75. Todesjahr und 125. Geburtstag Hasenclevers

Hasenclever-Todestag im „Zeitzeichen“ des WDR

Am 21. Juni 2015 strahlte der WDR in seiner Reihe „Zeitzeichen“ eine Sendung über den Todestag Walter Hasenclevers aus, der sich zum 75. Mal jährte.
Jutta Duhm-Heitzmann, die bekannte Kulturjournalistin, hatte unter der Mitwirkung von Barbara Schommers-Kretschmer ein journalistisch sehr  variabel aufbereitetes Feature gestaltet, bestehend aus einer Viertelstunde Information, Meinungsaustausch, Hasenclever-Zitaten, Urteilen von Zeitgenossen des Dichters und Musikeinblendungen. (Da es auch jetzt noch, im Jahre 2021, im Internet unter ihrem Namen und dem Stichwort ‚Hasenclever‘ abrufbar ist, seien ein paar versehentliche Ungenauigkeiten korrigiert: Hasenclever erhielt den Kleist-Preis 1917, nicht 1919, er schrieb den Abschiedsbrief an Edith in der Nacht seines Suizids, nicht einen Tag zuvor, und die „Sämtlichen Werke“ wurden nicht „neu“, sondern erstmalig herausgegeben.)

Jutta Duhm-Heitzmann ging es bei der Darstellung von Hasenclevers Persönlichkeit im besonderen um die „unbekannte Seite“, die sie seinen Freund Kurt Pinthus beschreiben lässt, im Gegensatz zu der nach außen sorgfältig gepflegten des geistreichen, charmanten Weltmannes, wie sie der Schriftsteller Hermann Kesten in Erinnerung hatte..

Jutta Duhm-Heitzmann:
Walter Hasenclevers Selbstmord war zwar die Folge seiner verzweifelten Situation als Exilant, doch schon lange vorher erwogen. Bereits als Vierzehnjähriger hatte er Erzählungen geschrieben, in denen Menschen sich umbrachten, damals vielleicht nur pubertäre Verzweiflung.

Aber je länger er lebte, desto stärker war er überzeugt von der Vergänglichkeit aller Existenz, der Nichtigkeit allen Handelns. Er glaubte an ein Karma, dass der Schicksalsweg eines Menschen, sogar der eines ganzen Volkes, vorgezeichnet war.  Kurt Pinthus, Hasenclevers langjähriger Freund, später:
„Sein Leben ist beherrscht, ob er es will oder nicht, manchmal kaum vernehmbar, manchmal in klar ausgesprochenen Bekenntnissen, von den Lehren Buddhas, von missionärer Erkenntnis der Mystiker … Es ist der dunkel suchende, grüblerische, verzweifelnde und oft verzweifelte Teil seines Wesens, den er absichtlich vor seinen Freunden geheimhielt. Die meisten erlebten ihn deshalb als einen ganz anderen Menschen.“

Der Schriftsteller Hermann Kesten: „Ich schätzte seinen schnellen Witz, seinen nervösen Charme, seine reizenden Manieren, seine sprudelnden Einfälle, seinen unerwarteten Humor, seine weltmännischen Talente. Er schien mir immer liebenswürdig. Er zeigte die unruhige Melancholie vieler Komödiendichter.“

Walter Hasenclever, 1890 in Aachen geboren, wuchs in einem reichen, großbürgerlichen streng konservativen und kaisertreuen Haushalt auf.

Barbara Schommers-Kretschmer:
„Der Vater ist sehr darauf bedacht gewesen, seinen Ältesten möglichst streng zu erziehen, damit aus dem Jungen auch was wird.“ Der Sohn erzählte später von strengstem Règlement, Peitschenhieben und einem psychischen Druck bis hin zum Erbrechen … auf jeden Fall sollte man es zeittypisch sehen, dass diese verkrusteten Verhältnisse in Elternhaus, Schule, Gesellschaft Kirche und so weiter eben bestanden haben, und für einen sensiblen jungen Mann wie Hasenclever, der eben sehr früh schon literarisch-künstlerisch orientiert gewesen ist, eine sehr starke Bedrohung, Belastung und Einschränkung bedeutet haben.“

Zu seinem Erfolg mit „Der Sohn“ – Barbara Schommers-Kretschmer:
„Es ist ein Selbstporträt dieser jungen Generation, durchaus mit Emphase vorgetragen und gleichzeitig mit einer gewissen Selbstkritik, dass eben der Freiheitskampf, aus diesen engen Fesseln der Familie und der Gesellschaft auszubrechen, auch einer gewissen Verführbarkeit unterliegt …“

Jutta Duhm-Heitzmann:
: …und diese Verführbarkeit trieb gerade die junge Künstlergeneration voller Begeisterung in den Ersten Weltkrieg.  Heute ist Walter Hasenclever nicht mehr sehr bekannt. Das Gesamtwerk wurde neu herausgegeben, ab und zu führt noch ein Theater eine seiner Komödien auf. Und es gibt in seiner Geburtsstadt Aachen eine Walter-Hasenclever-Gesellschaft, die auch einen Literaturpreis verleiht.

Für Barbara Schommers  ist Hasenclever nach wie vor aktuell: „Er diskutiert eigentlich immer das Thema:
Müssen wir das Leben, die Abläufe geschehen lassen? Sind wir dem ausgeliefert? Oder können wir als westliche Handlungsoptimisten eingreifen, etwas tun?
Es geht letztendlich darum, eine gute begründete Ethik zu entwickeln, und ich denke, das ist das, was wir auch heute immer wieder brauchen.“

 

Starke mediale Beachtung : Hasenclevers 125. Geburtstag

Die Aachener Tageszeitungen  brachten am 9. Juli unter der Titelzeile „Großer Poet und mutiger Kämpfer“ einen ausführlichen Bericht von Katharina Menne zu der Geburtstagsfeier für Hasenclever im Gartensaal des Matthey-Hauses, der als literarischer Abend zum Werk Walter Hasenclevers gestaltet worden war.

Nach der Begrüßungsansprache der Vorsitzenden Barbara Schommers war der zentrale Beitrag ein Vortrag von Klaus Mackowiak über sein Spezialgebiet in der Hasencleverforschung – Hasenclevers Filmschaffen.  Gregor Ackermann hatte für den Vorstand der WHG einige seiner wiederentdeckten Hasenclever-Texte aus deutschen Zeitungen zwischen den Jahren 1910 und 1930 zum Geburtstag als Lesetexte vorbereitet.  Stephanie Wolff-Rohé rezitierte das Gedicht „Californische Nacht“, das am 7. August 1930 im „Berliner Tageblatt“ erschienen war – entgegen der bisherigen Annahme, nach 1921 habe Hasenclever nie wieder einen lyrischen Text veröffentlicht – und in dem mit hoher Wahrscheinlichkeit eine amouröse Begegnung des Schriftstellers mit Greta Garbo dichterisch verarbeitet wurde. Doris Lauer und Walter Vennen lasen frühe Texte wie „Winter in Belgien“ von 1912 oder „Frühling am Gardasee“ von 1913, spätere Feuilleton-Texte des erfahrenen Paris-Kenners wie „Querschnitt durch ein Lokal“ von 1930 und Reiseberichte wie „Der Kalif lässt bitten“ von 1932.

Die Galerie der Vortragenden: Klaus Mackowiak, Doris Lauer, Stephanie Wolff-Rohé, Walter Vennen.

 

Auf der Suche nach einer „festen Adresse“

Bereits bei ihrer Amtsübernahme am 10. Februar 2014 als Vorsitzende hatte Barbara Schommers den Wunsch geäußert, für die Mitglieder und den Vorstand einen festen Raum zur Verfügung zu haben, in dem vereinseigene Materialien aufbewahrt werden könnten und Begegnungen sowie Arbeitssitzungen zur Vorbereitung von Projekten ermöglicht würden.
Mehrere Gespräche mit dem Oberbürgermeister Marcel Philipp, mit der Kulturdezernentin Susanne Schwier und mit dem Leiter des Kulturbetriebs Olaf Müller wurden seit dieser Zeit bereits geführt.
Die beiden Bauwerke, die zu einem solchen festen Standort in Frage kämen, waren das ehemalige Straßenbahn-Depot in der Talstraße und die Barockfabrik, das bekannte städtische Kulturzentrum am Löhergraben.
Dass die Barockfabrik eindeutig bevorzugt wird, hängt mit ihrer Geschichte zusammen. Die ehemalige Tuchfabrik gehörte der Familie Reiss, aus der Walter Hasenclever als Enkel von Alfred Reiss stammt. Wie die Umbauten und die Umzüge der hier tätigen Gruppen erwarten lassen, dürfte die Realisierung eines solchen Vorhabens nicht vor Ende 2017 zu erwarten sein. Einstweilen war der Leiter des Einhard-Gymnasiums Ralf Gablik bereit, den vorhandenen Hasenclever-Buchmaterialien in der Schule einen Übergangsstandort zu ermöglichen.

 

„Ehrenwert“ 2015

Miriam Steinig, Mitorganisatorin des Infostandes der WHG am 27. September, berichtete:
Kennen Sie Walter Hasenclever?“ fragten wir Besucher des Tags der Vereine an unserem Informationsstand auf dem Münsterplatz vor Walter Vennens und Barbara Hoppe-Vennens Buchhandlung „Schmetz am Dom“.

In Gesprächen über Hasenclever, die Aufgaben der Gesellschaft und die Preisträger wurden viele Kontakte gepflegt und neue gewonnen. Ein besonderer Dank gilt Frau Gertrud Münch und Herrn Werner Lorenz (Bild) für engagierte Unterstützung des Vorstands!“

 

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