Axel Schneider: Leon de Winter schreibt Hasenclever fort

Leon de Winter –
Eine literarische Verbeugung vor dem Mann, der Walter Hasenclever fortschreibt

Eine jetzt schon nötige Vorbemerkung:
„Nichts ist wahnwitziger als die Wirklichkeit.“
Dieses Zitat hat sich der niederländische Romancier zu seinem Wahlspruch gemacht.
Das Leben von Hasenclever zeigt, dass das 20. Jahrhundert alles tat, um diese Behauptung zu erhärten.
„Es kann noch schlimmer kommen.“
Auch diese Erkenntnis unterstreicht Leon de Winter mit seinen Romanen. Und die Exilautoren in der Zeit des Nationalsozialismus erfuhren es auf ihrer Flucht stets schmerzhaft neu.
„Eine Uhr, die stehen geblieben ist, zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit.“
Dritte und letzte Weisheit aus den Büchern de Winters:
Auch derjenige, der seine künstlerische Entwicklung wegen der Flucht aus der Heimat nicht fortsetzen kann, behält in den Zeiten der permanenten Veränderung doch an manchen Stellen Recht. Ab und zu holt die neue Wirklichkeit alte Wahrheiten ein.

Leon de Winter und sein Werk in erster Einschätzung:
Seit 2016 gibt es kein neues Buch des niederländischen Romanciers, ein Verlust, der schmerzt. Denn er ist – wie vor Jahrzehnten Graham Greene – ein in seiner Qualität unterschätzter Autor. Dafür gibt es zum Beispiel die folgenden Gründe:
De Winter schaffte es, den Leser fast nie zu langweilen. Reich-Ranicki würde dieses Leseerlebnis betonen.
Er kennt sich aus mit den modernen Medien, er sieht die Gefahren der großen Organisationen und Systeme, die im Zuge der Globalisierung rasant Geld verdienen, da wäre Harari mit seinen aktuellen Warnungen glücklich.
Und Leon de Winter schafft es in seinem Erzählen, das unberechenbare Individuum nicht verschwinden zu lassen, sondern in seiner gestalterischen und manchmal exzentrischen Kraft und Fragwürdigkeit vorzustellen, da ist Sloterdijk zufrieden.

Was hat das mit Walter Hasenclever zu tun?
De Winter hat eine Reihe „besserer“ Damen und Herren im Gepäck, die gehobene Gesellschaft in ihrer Lächerlichkeit und Gefährdung ist auch oft sein Thema. Mit dem Humor eines Lustspiels und manchem Sarkasmus bei der Beschreibung der Ticks der oberen Zehntausend ist der niederländische Autor bei Hasenclever in die Schule gegangen – wenn er ihn denn kennt. Doch ob gelesen oder nicht, Leon de Winter thematisiert mit Leidenschaft und Einfallsreichtum einige zentrale Fragen Hasenclevers:
Wie sollen Vater und Sohn miteinander auskommen, wenn gerade der Vater die mächtige und beherrschende Person ist?
Supertex schreibt den Sohn weiter. Natürlich ist hier Kafka nicht weit, wenn auch die Söhne nicht von den Brücken springen.
Wie bleiben Mann und Frau auf Dauer zusammen?
Das Absurdeste ist zwischen den Geschlechtern nach Dürrenmatt möglich oder sogar wahrscheinlich. Irrtum und Leidenschaft reicht in seiner Gestaltung der eckigen und geheimnisvollen Frauencharaktere an Ein gutes Herz heran.
Welche Volten kann die Weltgeschichte schlagen?
Das Kolumbus-Stück der Autoren Tucholsky und Hasenclever ist auf Augenhöhe mit de Winters Geronimo. Alle drei Autoren lassen dabei kein gutes Haar an den großen Namen der Weltgeschichte. Mit den Frauen gehen sie deutlich schonender um.
Kann ich mich einem Gott anvertrauen? Darf ich mich über metaphysische Fragen respektlos amüsieren?
Ehen werden im Himmel geschlossen, da ist sich Hasenclever sicher, bei unserem Niederländer wird eine umstrittene Gestalt wie Theo van Gogh zum Schutzengel. Das hätte früher für eine Anklage wegen Gotteslästerung gereicht.
Wie lebe ich eine jüdische Identität?
Der Protestant Hasenclever und der niederländische Skeptiker de Winter sprechen, beide mit Blick auf ihre Familiengeschichte, von einer unerfüllten Sehnsucht.

Leon de Winter ist ein Mann des Romans, wenn auch alle entscheidenden Dialoge der Protagonisten wie auf einer Bühne spielen. Oft schließen seine Werke mit einer Aufzeichnung von Gesprächen; Witz, Humor und Gefühle kommen hier direkt zum Ausdruck. Und in den letzten Werken de Winters ist die Scheu vor einer politischen Botschaft verschwunden. Nicht dem Islam, sondern dem Islamismus muss das Handwerk gelegt werden.
So wie Hasenclever gegen den Nationalismus kämpfte, sieht de Winter in der Verblendung islamistischer Attentäter eine Gefahr für liberale Gesellschaften. Dabei sind bei beiden Autoren die Männer überraschend emotional. Kolumbus und Münchhausen sind bei Hasenclever keine Helden, sondern strampelnde Individuen mit bedrängenden Fragen, die sie letztlich kaum beantworten können. Beide Autoren verzichten dabei nicht auf die Liebe in allen Spielarten. Wenn etwas das Leben lebenswert macht, dann sind es doch die geglückten Beziehungen. Aber das pathetisch zu sagen, das kommt für beide nicht in Betracht.

Drei Charakteristika machen die Qualität beider Autoren aus:

Wer Stücke und Romane mit Pointen sucht, der ist bei diesen Künstlern genau richtig. Ob Kolumbus mit seinen Weisheiten am Stückschluss oder Tom Johnson in Geronimo mit erschütternden Erkenntnissen, sie sein Leben wieder neu beleuchten, bis zur allerletzten Schraubendrehung gibt es für die Leser Neues und Überraschendes.

Schönheit ist eine Realität. Es gibt sie bei Menschen, in der Natur, in der Kunst, in der Musik, stets in der Literatur. Und positives Handeln bleibt möglich, auch dank dieser Tatsache. Hasenclever und de Winter suchen in ihren Texten die Schönheit; wenn sie zur Anschauung kommt, dann ist eine positive Markierung gesetzt.

Hasenclever und de Winter akzeptieren keine Tabus. Sie stellen in einer Zeit ohne überzeugende Orientierung alles in Frage, bleiben dabei aber sicher in der Erkenntnis:
Freiheit und Verantwortung sind nötig und erlebbar. Das schließt schonungslose Urteile über Opportunisten und Gewinnler ein, darf aber den Kern einer Person nicht vergiften. Ab und zu gelingt den Protagonisten beider Autoren diese Balance zwischen kritischer Zeitbegleitung und persönlicher Integrität. Und dann kommt das Ideal zur Erscheinung – Schiller hätte seine Freude daran gehabt.

Axel Schneider 2021      (Zeichnungen: J. L.)

 

 

 

 

 

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