Axel Schneider: Tito ist tot. Erzählungen von Marica Bodrozic

Tito ist tot:

Erzählungen

Frankfurt: Suhrkamp; Auflage: 3 (1. Januar 2002), auch erhältlich als Taschenbuch

Die Geschichten dieser Autorin, die mit zehn Jahren aus Kroatien nach Deutschland kam, behandeln zentral die Frage: Welche Art von Leben möchte ich leben? Genauer: Was ist ein erfülltes Leben voller Glück und Liebe? (S. 35 und 51)

Dabei geht sie häufig von Erlebnissen aus, die eine Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte prägen und einen Wunsch wach werden lassen: Ich muss in einem anderen Land leben, um Freiheit und Entwicklung erfahren zu können, auch mit der Gewissheit, dass ich nie von meinen Wurzeln loskomme. Meine Heimat gibt mir das Gespür für Natur, Familie, Reflexion, aber zur individuellen Entfaltung komme ich nur, wenn ich den Mut zur Trennung und Lösung finde. Einen anderen Weg lässt die herrschende Gewalt und vielfältige Begrenztheit der kroatischen Heimat nicht zu.

Die Kernaussagen und Kernthemen der 24 Erzählungen lassen sich in sieben Thesen zusammenfassen:

1. Bei der prägenden Einsamkeit des Menschen gibt es keine wirkliche Aussicht auf Veränderung! Die Wärme, die wir manchmal bei unseren Eltern oder dem Großvater spüren, bleibt in einer an einigen Stellen fast archaischen Dorf-Welt nur ein flüchtiges Phänomen. Jeder und jede bleibt letztlich allein, das flüchtige Glück des Sommerlichtes ist nur um den Preis der Flucht aus der Realität zu haben.

2. Der Tod spielt in Krieg und Frieden eine Hauptrolle im menschlichen Leben. Schon die Titel mehrerer Geschichten weisen auf das Sterben und die menschliche Vergänglichkeit hin. Die Erzählerin erlebt die ständige Nähe des Todes als ausweglos. Nur durch die Sprache und die Fantasie ist diese permanente Drohung aushaltbar. Die Atmosphäre der Ausweglosigkeit geht dabei oft von Menschen aus, auch von sogenannten religiösen Menschen, die einen Gott der Freiheit nicht kennen.

3. Wir erleben Gewalt und Grausamkeit zu allen Zeiten und in allen politischen Systemen, die sich nicht wirklich signifikant voneinander unterscheiden. Auch die dörflichen Strukturen spiegeln das schonungslose materialistische Umgehen der Menschen miteinander. So bleibt auch die Liebe stets flüchtig, ja sogar oft besonders schmerzhaft, weil sie nicht von Dauer ist.

4. Die Gesichter der Diktatoren wechseln, die Unterdrückung bleibt. Wir grenzen zu oft Menschen in unserer Umgebung aus, überraschende Fähigkeiten und Begabungen anderer sind verdächtig und wecken bei Einzelnen den Wunsch nach negativer Legendenbildung. Die gewünschte Gleichheit ist der verbindliche Wert für alle, nicht die individuelle Freiheit.

5. Die Religion, hier der katholische Glaube, ändert nichts an der Traurigkeit und Perspektivlosigkeit menschlicher Existenz. Die Priester sind keine barmherzigen Stellvertreter Gottes auf Erden, der Zwang zur Beichte weckt Angst und Beklemmung, es gibt im vorgeschriebenen Glauben nur Zwänge und Bedrohung, keine Perspektive der Freiheit.

6. Viele Menschen erfassen und reflektieren aufgrund ihrer Einfachheit und ihrer mangelhaften Bildung ihr Schicksal nicht. Also bleibt nur die Flucht in ein anderes Land, um Möglichkeiten der Bildung und individuellen Emanzipation erfahren zu können. Sachliche Aufklärung über zum Beispiel naturwissenschaftliche Phänomene oder politische Irrwege fehlt, der Manipulation von Menschen ist deshalb Tür und Tor geöffnet. Nur die Herzenswärme des Großvaters vermag Hoffnung zu vermitteln. Aber auch er war und ist Opfer militärischer Rücksichtslosigkeit.

7. Erzählen bedeutet für die Autorin auch, an einzelne tapfere Menschen zu erinnern, auch wenn diese Erinnerung voller erschreckender Erlebnisse ist. Es gibt den Widerstand gegen Unmenschlichkeit und wahnsinnige Befehle, aber die handelnden Menschen können daraus keine Konsequenzen ziehen, die die Gesellschaft durchgreifend verändern. Der Sinn für Licht und Ästhetik bleibt individuell.

Zur ersten literaturgeschichtlichen Einordnung dieser Erzählungen, die knapp 20 Jahre alt sind:

An wen erinnert das Schreiben dieser Autorin? Wenn ich von einfachen, oft sprachlosen Menschen lese, dann bin ich bei PETER BICHSEL, der keine Grausamkeiten des Krieges benennt, aber die Ausweglosigkeiten hart arbeitender Menschen mit lakonischer Sprache beschreibt. Es bleibt dann oft nur der Weg in die Fantasie um den Preis, zum gesellschaftlichen Außenseiter zu werden. EIN TISCH IST EIN TISCH könnte von MARICA BODROZIC geschrieben sein: Die Freude an Ästhetik und Sprachspiel führt nicht zu einer durchgreifenden Änderung, sondern zu noch stärkerer Vereinsamung. Die Farben der Heimat eröffnen einen Blick auf Schönheit, der aber für die Autorin stets Momentaufnahme bleibt. Deshalb die Melancholie, die alle Erzählungen bestimmt. Woher soll ein Mensch die Energie zum inneren und äußeren Aufbruch beziehen? DIE ERFINDUNG DES LEBENS von ORTHEIL beschreibt die Situation eines stummen Kindes, das Hilflosigkeit erlebt. Bei BODROZIC erleben wir die Perspektive eines Mädchens, das sich gleichfalls ausgeliefert fühlt. Wärme und Menschlichkeit ist bei beiden Autoren spürbar, wenn es um das Handeln der Eltern und ihrer Hilfe für das Kind geht. Bei ORTHEIL führt das Weggehen des Protagonisten nach Rom nach dem Abitur zur Selbstfindung, eine Entwicklung der Loslösung, die in diesen frühen Erzählungen der Autorin angedeutet wird. Die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und der Auseinandersetzungen nach Titos Tod auf dem Balkan erinnern an MARQUEZ, der am Beispiel des Dorfes MACONDO den täglich erlebten Terror der Menschen beschreibt. Das Bild des Diktators findet sich in DER GENERAL IN SEINEM LABYRINTH. Viele Personen der vorliegenden Erzählungen verlieren gleichfalls die Orientierung und irren in einem Labyrinth umher, erfahren keine mitmenschliche Hilfe. Oft kehren sie als geschlagene Individuen in ihre Heimat zurück, sie trinken, werden nicht mehr akzeptiert, bleiben allein. Sind diese Erzählungen dystopisch, weil von hartgesottenen Parteigängern und dem großen Bruder die Rede ist? Weil der unausweichliche Krieg nichts und niemanden verbindet? (S. 10 und 11) Weil die Diktatoren die Fakten verfälschen und das Rot des Todes als Farbe einer Blume vermitteln? (S.15) Ich entdecke im Gegensatz zum Klappentext der Taschenbuchausgabe keine „beschützende Hand“!

TITO IST TOT endet mit dem Sterben des Großvaters, der die Grausamkeiten des Partisanenkriegs erlebt hatte und dem jetzt wenigstens die Brutalität ethnischer Auseinandersetzungen erspart bleibt.

Die Sprache der Autorin ist in Teilen wunderbar: Empfindsam, genau, persönlich. Ein Beispiel ist die Titelerzählung: „Umsonst habe er im Zweiten Weltkrieg den Soldaten die Suppe gekocht, weil er dachte, das sei der letzte Krieg, zumindest für die nächsten hundert Jahre.“ (S.9) Mit diesem Satz wird die Hoffnungslosigkeit der politischen Situation auf dem Balkan ausgedrückt. Der Großvater zeigte Zivilcourage, er wehrte sich gegen unmenschliche Befehle. Aber das bleibt folgenlos: Der Kommandant erschießt im zweiten Weltkrieg die Gefangenen, mit Titos Herrschaft enden vorübergehend die Grausamkeiten, aber der Großvater ahnt das kommende Unglück.

Rache, nicht Vergebung charakterisiert das Leben und die Handlungsmotive der Menschen. Das seelisch überforderte Kind als Erzähler antwortet auf diese resignative Situation im Dorf und im Land mit erfundenen Geschichten, gute Genossen und Jesus geraten dabei durcheinander, das Fazit lautet: „…in jedem Dorf gibt es schroffe, herzlose Menschen.“ (S.13)

Die neuen Herrscher nach Titos Tod haben lächerliche Namen, und das einzig Positive am schmerzlichen Tod des Großvaters ist der Zeitpunkt: Er musste nicht mehr mit den neuen Potentaten vertraut werden!

Für den Leser bleibt es ein Glück, diese Menschen und diese Fantasie kennengelernt zu haben.

Axel Schneider, 18.02.2020

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