Das aktuelle Buch „Pantherzeit“

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Corona-Zeit – eine neue Sternzeit?
Marica Bodrožićs „Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge“ entfaltet aus aktuellem Anlass ein Leitmotiv ihres Gesamtwerks

Von Maria Behre

Wenn wir nicht solche Bücher haben, wissen wir nachher nicht mehr, wie es war.
Unsere Lebens- und Kulturzäsur „und dann kam Corona – und alles war vorbei“ wird in diesem Buch zur Lese- und Denkformel „und alles fing an“, auch wenn das titelgebende Gedicht Rilkes Der Panther (1902) zunächst das genaue Gegenteil, nämlich das völlige Verlöschen aller Weltbezüge, suggerieren mag.
Das neue Buch von Marica Bodrožić, Pantherzeit, präsentiert sich als ein Tagebuch über die Corona-Zeit. Die sich autobiographisch offenbarende Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin und Mutter eines fast zweijährigen Mädchens in Berlin-Kreuzberg. […]
Ist die Corona-Zeit der Nullpunkt eines neuen Koordinatensystems, in dem wir von dieser Erfahrung ausgehend unsere Welt neu vermessen, mit einer gänzlich neuen Ausrichtung? Oder gewinnen wir wie Rilke eine neue Erdung des Geistigen?
In Pantherzeit entwickelt die Autorin in 100 Abschnitten aus ihren alltäglichen Erfahrungen mit genauer phänomenologischer Beschreibung jeweils Reflexionen auf der Ebene eines philosophischen Essays. Dabei geben die beiden Motti des Buches das Leitmotiv in der Frage nach dem Umgang mit dem Neuen: einerseits die Frage nach dem Kreieren neuer Muster für das Leben auf dem verletzlichen Raumschiff Erde durch den Architekturphilosophen Buckminster Fuller, andererseits Rilkes Frage nach einem neuen Sehen im „Neuen Gedicht“ Der Panther, die Gewinnung der Innenwelt trotz bedrängender Außenwelt.
Die von der Ich-Erzählerin zahlreich ins Spiel gebrachten Lektüren […] zielen alle auf eine Reflexion der Zeit. Dabei verbindet sie ihre eigene Lebenszeit mit der Verbindung ihrer jetzigen Beziehung und der Kindheit ihrer Tochter. Von Ossip Mandelstam gewinnt sie die These vom Ende einer „zerbrechlichen Zeitrechnung“. Unter diesem Fokus werden einerseits Zeiten der Erinnerung an Lebens- und Lektüreerfahrungen synchron in die Corona-Zeit hineingeholt, ohne aber Nicht-Vergleichbares vergleichen zu wollen.
Andererseits wird auf diese Weise das Zyklische menschlicher Erfahrungen veranschaulicht. […]
Gleich zu Beginn lenkt Bodrožić die Aufmerksamkeit auch auf das mythische Raum-Konzept des Labyrinths, wie es im antiken Kreta und im rituellen Tanz des Dionysos-Kultes erscheint. Diese Figur findet sich dann in der christlichen Kirchenkunst wieder – etwa im Labyrinth der Kathedrale von Chartres. Das wahre Ziel, Jerusalem, ist nicht am Ende eines Weges in den Osten, sondern durch das Gehen im Kreis zu erreichen, in der bewussten Einschränkung auf sich selbst, das ‚innere Jerusalem’. Die ‚innere Burg’ ist ein Bild, das die Autorin bei Teresa von Avila entdeckt. So betont Bodrožić im Stil einer Meditation und offenbar geprägt durch den Katholizismus ihrer kroatischen Heimat das Hervorgehen aus der Krise durch Erneuerung, die indes eine Umkehr (Metanoia) zur Voraussetzung hat. […]
Es stellt sich die angesichts globaler Bedrohung bange Frage, ob wir Menschen wirklich zu Veränderung, Wandlung, Umkehr bisheriger unbedachter, ja unvernünftiger Verhaltensweisen fähig sind. […]
Die erzählte Zeit umfasst vor allem den ersten Lockdown der Covid-19-Pandemie, die den globalen Zusammenhang in unserer Welt hautnah bewusst machte. […] Im Buch werden diese Daten gerahmt durch äußere und innere Erschütterungen wie das Erdbeben in der kroatischen Hauptstadt Zagreb am 22. März 2020 und der rassistische Mord an George Floyd in Minneapolis am 25. Mai 2020. […] Die Schreibweise ist bestimmt durch die Zeitstruktur einer Chronik, aber auch die Freiheit des Essays mit Höhepunkten im Aphorismus und in kritischen Kommentaren, welche mit „Zettelkasten“-Weisheiten und Zitat-Funden ausgefüllt werden, die zeitgeschichtliche Vertiefungen wie Tiefenbohrungen und Auslotungen bieten. […]
Die vorliegende Reflexion über die Pantherzeit umfasst einen großen Bogen wie Hans Blumenbergs Lebenszeit und Weltzeit (1986) und Jan Assmanns Zeitkonzepte unter der ägyptischen Dichotomie von „Steinzeit“ (linear, abgeschlossen, irreversibel, das Dauerhafte, das Alte, Erinnerung) und „Sternzeit“ (zyklisch, unabgeschlossen, reversibel, das Wandelbare, das Werden, das immer wieder Neue, Erneuerung). Von Marica Bodrožićs benannten Quellen wird eher die jüdisch-christliche Pessach- und Osterzeit, als Frühlings-Pflanzzeit, mit Meditations-Impulsen zu einer ständigen Auferstehung gegen das Dunkel einer Endzeit, eine Phönixzeit.
Nach der Lektüre stellt sich die Frage: Konnten wir in der Corona-Zeit nicht doch noch etwas lernen, gewannen wir eine Lernzeit?
[Die Autorin] hofft, dass durch die Corona-Zeit ein anthropologisch gemeinsamer Kern gewonnen ist und Orte des Leidens ins kollektive Bewusstsein rücken, um „rücksichtslose Abgrenzung zu überwinden“.
Wodurch geschieht dies? Nicht durch Appelle von oben oder von außen, sondern durch Orte der Zeitgenossenschaft. […]
Das Buch Pantherzeit ist somit, bei allen genannten Antworten und Thesen, doch der offen bleibenden Frage nach dem „Kompass“ gewidmet: Wie kann aus der Reflexion der Innenwelt eine neue Orientierung gewonnen werden, mit dem Bewusstsein der „unendlich langen Zeit der Sterne“ (Oliver Messiaen), eine in der Kunst erkennbare Kraft für eine Erneuerung, mit der größeren Spanne der Sternzeit, das heißt mit einem langen und bewussteren Atem?

(Die vollständige Rezension ist erschienen am 3. August 2021 (rechtzeitig als Geburtstagsüberraschung für die Autorin) in www.literaturkritik.de
unter dem Link https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=28117
Verantwortlich für die Textauswahl: J. Lauer)

Marica Bodrožić: Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2021.
262 Seiten, 22,00 Euro.
ISBN 13:9783701312870

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