Die Sprache der Liebe und der Krieg

Zum Walter-Hasenclever-Preis für Marica Bodrožić.

Auszüge aus der Laudatio von Prof. Dr. Jürgen Trabant

Ein altes Steinhaus in einer sonnendurchglühten Landschaft […]. In dem Haus lebt ein junges Mädchen mit einem alten Mann, ihrem Großvater, der es liebevoll versorgt und den das Mädchen liebt. Aber das mediterrane Idyll hat seinen sonnenfernen dunklen Grund, nämlich die Abwesenheit der Mutter.

Das Werk der Dichterin Marica Bodrožić setzt ein in dem historischen Moment, in dem dieses schmerzhafte mediterrane Idyll zerbricht, ja explodiert. „Tito ist tot“ heißt die Erzählung, mit der sie in die deutsche Literatur eintritt.

Marica Bodrožić kehrte als deutschsprachige Dichterin in das Land (Dalmatien) zurück, nachdem sie noch als Schulmädchen aus dem Steinhaus zu ihrer fernen Mutter nach Deutschland gezogen war und dort in einer neuen Sprache erwachsen wurde.
Dieser Sprache hat sie sich als Dichterin hingegeben, gleichsam als Kompensation für den verlorenen mediterranen Sonnenglanz. Die Hingabe an das Deutsche war nicht zwingend, aber doch insofern vorbestimmt, als es eine der Sprachen war, die sie schon im Leib ihrer Mutter gehört hatte, und sofern dies die Sprache der Liebe ihrer Eltern war.  Marica Bodrožić schöpft aus dieser Sprache der Liebe und bereichert sie mit kühner Schönheit. Sie schreibt Texte von tiefsinniger Sprachkraft, die sich von Anfang an aus einer weiteren Quelle speist, dem Traum.
Nicht von ungefähr trägt der letzte Band ihrer großen Roman-Trilogie den Traum im Titel: „Das Wasser unserer Träume“.  […]  Der erste Roman heißt „Das Gedächtnis der Libellen“ (2012). Das Mädchen aus dem Steinhaus emigriert in den Norden, nach Berlin und Paris, wo es schicksalhaft Ilja begegnet, der großen, aber auch unmöglichen Liebe. Ilja ist ein dem Grauen Sarajewos entkommener Schriftsteller, der sich der Liebe entzieht.  Der zweite Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ (2014) erzählt die Geschichte der Liebe der Freundin Arjeta aus Sarajewo zu einem anderen schwierigen Mann: zu dem Photographen Arik. „Das Wasser unserer Träume“ (2016) schließlich gestaltet des Erwachen Iljas aus einem Koma. Der Mann aus Sarajewo, dessen Hirntätigkeit durch einen Unfall fast ausgelöscht worden ist, wächst langsam wieder in sich selbst, in ein neues Ich hinein.

Die Romantrilogie ist das Hauptwerk der Dichterin. Hier wie auch in den Erzählungen und Gedichten manifestiert sich ihre ganz besondere poetische Kraft in  der Verschmelzung von narrativer Auseinandersetzung mit dem Leben und der politischen Welt, in der Synthese von kühner semantischer Erkundung der Sprache und philosophischer Reflexion.

Gleichzeitig mit dem narrativen und lyrischen Schaffen hat Marica Bodrožić „Betrachtungen“ angestellt, die sich vor allem mit dem eigenen Schreiben und seinen theoretischen Inspirationsquellen beschäftigen. Diese Betrachtungen entfalten eine subtile Sprachphilosophie im Band „Sterne erben, Sterne färben“ (2016). Aber auch das lyrische Werk ist durchzogen von Reflexionen über die Sprache. Marica Bodrožić versteht Sprache als poetische Produktion des Denkens. Die Dichterin hat in vielen Sprachen gelebt, […] und sie erlebt Sprache stark körperlich, wie eine tief sinnliche Produktivität des Denkens. Sie weiß daher, dass Wörter nicht einfach nur Gegenstände arbiträr bezeichnen, sondern dass sie diese auch denkend erschaffen.

 

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