Die Sprache der Liebe und der Krieg

Zum Walter-Hasenclever-Preis für Marica Bodrožić.

Auszüge aus der Laudatio von Prof. Dr. Jürgen Trabant

[…]
Marica Bodrožić kehrte als deutschsprachige Dichterin in das Land (Dalmatien) zurück, nachdem sie noch als Schulmädchen […] zu ihrer fernen Mutter nach Deutschland gezogen war und dort in einer neuen Sprache erwachsen wurde.
Dieser Sprache hat sie sich als Dichterin hingegeben, gleichsam als Kompensation für den verlorenen mediterranen Sonnenglanz. Die Hingabe an das Deutsche war nicht zwingend, aber doch insofern vorbestimmt, als es eine der Sprachen war, die sie schon im Leib ihrer Mutter gehört hatte, und sofern dies die Sprache der Liebe ihrer Eltern war.

Marica Bodrožić schöpft aus dieser Sprache der Liebe und bereichert sie mit kühner Schönheit. Sie schreibt Texte von tiefsinniger Sprachkraft, die sich von Anfang an aus einer weiteren Quelle speist, dem Traum.
Nicht von ungefähr trägt der letzte Band ihrer großen Roman-Trilogie den Traum im Titel: „Das Wasser unserer Träume“. […]

Die drei Romane („Das Gedächtnis der Libellen“ 2010, „Kirschholz und alte Gefühle 2012, „Das Wasser unserer Träume“ 2016) gestalten drei Ichs, die sich auf ganz unterschiedliche Weise an dem schmerzhaften Zentrum ihres Lebens abarbeiten: an Sarajevo, der geschundenen Stadt, in der sie Zerstörung, Verfolgung und Hass erlitten haben. Vielleicht heilt die melancholische Liebe der Frauen die Wunden in der Fremde, in Berlin, in Paris, in Amerika? Sarajevo ist die Hieroglyphe dieser verletzten Seelen, so wie Auschwitz die Hieroglyphe der bleibenden Wunden jüdischer und deutscher Seelen ist.
Die Romantrilogie ist das Hauptwerk der Dichterin. Hier wie auch in den Erzählungen und Gedichten manifestiert sich ihre ganz besondere poetische Kraft in der Verschmelzung von narrativer Auseinandersetzung mit dem Leben und der politischen Welt, kühner semantischer Erkundung der Sprache und philosophischer Reflexion.
Gleichzeitig mit dem narrativen und lyrischen Schaffen hat Marica Bodrožić „Betrachtungen“ angestellt, die sich vor allem mit dem eigenen Schreiben und seinen theoretischen Inspirationsquellen beschäftigen. Sie entfalten eine subtile Sprachphilosophie im Band „Sterne erben, Sterne färben“, aber auch das poetische Werk ist durchzogen von Reflexionen über die Sprache.
Marica Bodrožić versteht Sprache als poetische Produktion des Denkens. Die Dichterin hat in vielen Sprachen gelebt, vor allem im Serbokroatischen und im Deutschen, und sie erlebt Sprache stark körperlich, als eine tief sinnliche Produktivität des Denkens. Sie weiß daher, dass Wörter nicht einfach nur Gegenstände arbiträr bezeichnen, sondern dass sie diese auch denkend erschaffen. […] Die Wörter geben uns die Sachen auf eine bestimmte Art und Weise, in von Sprache zu Sprache unterschiedlichen Semantiken, sie „färben“ die Welt. Mit mehreren Sprachen vervielfältigt sich die Welterfahrung. „Weltvermehrung“ nennt dies Bodrožić. Durch ihren Klang sind die Wörter aufs Innigste mit dem denkenden Körper verbunden, sie strömen ja aus dem Inneren hervor, und sie strömen auch wieder ins Innere zurück.
Marica Bodrožić ist eine große Sprach-Hörende. So wie diese akroamatische Sensibilität die Dichterin stark an ein Du bindet, so verstärkt sie auch das Lauschen auf sich selbst. Das Wahrnehmen der Worte ist wohl Bedingung des Sagens. Im Sagen hält Marica Bodrožić das Deutsche als Sprache der Liebe dem Krieg entgegen, nicht auftrumpfend, wohl aber fest und doch zart, vorsichtig, zuhörend:
„Die Verletzlichen dürfen sich in ihrem Denken nicht verstecken, nicht an der Zerbrechlichkeit vorbeischwindeln – jede Sprache braucht eine Wunde, eine Achillesferse, die uns in das Unbekannte, in den neuen Schritt drängt. Das ist die „dunkle Nacht der Seele“, die uns zu uns selbst bringt, die uns lehrt zu sein, um aus dem Zentrum des eigenen Bewusstseins das Leben und die Worte wahrzunehmen, den Raum, den Klang, die Weite hinter ihnen.“

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