Eine, die sich der Sprache hingegeben hat

Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten, Montag, 8. November 2021
Eine, die sich der Sprache hingegeben hat
Marica Bodrožić wird nach einem Jahr des Wartens mit dem Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen ausgezeichnet.

VON CHRISTIAN REIN

AACHEN Es ist eine besondere Innerlichkeit, die das literarische Werk von Marica Bodrožić kennzeichnet. Eine Innerlichkeit, mit der sie versucht, die Welt zu erfassen, sie zu ordnen, sich in ihr zurechtzufinden. Sie selbst sagt: “ Mit den inneren Reisen schenken die schöpferischen Menschen der Welt einen Herzkern, der nicht käuflich sein darf.“ Mit diesem Satz zitierte zumindest Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen die Schriftstellerin, bevor sie ihr die Urkunde für den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen überreichte, mit dem Bodrožić für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wird.
Ein gutes Jahr lang musste Bodrožić auf die Auszeichnung warten. Als Preisträgerin verkündet worden war sie bereits im Januar 2020, die Verleihung hätte im November des vergangenen Jahres stattfinden sollen. Doch die Corona-Pandemie verhinderte die Feierlichkeiten. Nun also konnte Bodrožić endlich auch persönlich nach Aachen kommen, in die Geburtsstadt des großen expressionistischen Dichters, nach dem der Preis benannt ist, der alle zwei Jahre vergeben wird und mit 20.000 Euro dotiert ist.

Der Festakt, der am Sonntagmittag stattfand, bildet das Zentrum des also nachgezogenen Reigens zu Ehren der Preisträgerin. Zuvor hatte die in Berlin lebende Autorin bereits am Samstag aus ihrem aktuellen Buch „Pantherzeit“ gelesen, in dem sie die Erfahrungen des ersten Corona-Lockdowns verarbeitet.
Am heutigen Montag trifft Bodrožić dann am Aachener Einhard-Gymnasium mit Schülern zusammen und diskutiert mit ihnen unter dem Motto „Unsere Sternstunden“.
In seiner Laudatio hob Jürgen Trabant, emeritierter Professor für Romanische Philologie der Freien Universität Berlin, den Zerfall Jugoslawiens und die Kriege in den 90er Jahren als zentralen Bezugspunkt in Bodrožićs Arbeiten hervor.

Ihr literarisches Schaffen setzte ein in dem historischen Moment, in dem dieses „schmerzhafte mediterrane Idyll zerbricht“, sagte Trabant mit Blick auf den Erzählband „Tito ist tot“ (2002). „Ihr gesamtes bisheriges Werk – Erzählungen, Gedichte, Romane, Essays – ist von diesem Urknall her zu verstehen.“
Das Trauma der Belagerung von Sarajewo sei in Bodrožićs Denkuniversum der Kern.

Bodrožić wurde 1973 im damaligen Jugoslawien in der Nähe von Split geboren. Die Autorin selbst spricht von Dalmatien. Dort lebte sie bis zu ihrem zehnten Lebensjahr bei ihrem Großvater, bevor sie 1983 zu ihren Eltern nach Deutschland in den Taunus kam. Sie hat eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert und Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik studiert.
Mit dem Wechsel nach Deutschland musste Bodrožić auch eine neue Sprache lernen. „Sie ist in einer neuen Sprache erwachsen geworden, der sie sich hingegeben hat“, befand Laudator Trabant, der in den Texten der Autorin eine tiefsinnige Sprachkraft ausmacht. Sie erlebe Sprache stark körperlich, „als eine tief sinnliche Produktivität des Denkens“, führte Trabant weiter aus. „Sie weiß daher, dass Wörter nicht einfach nur Gegenstände bezeichnen, sondern dass sie diese auch denkend erschaffen.“


Ausgehend von Bodrožićs Satz „Die Verletzlichen dürfen sich in ihrem Denken nicht verstecken“ ging Trabant auf Walter Hasenclevers Theaterstück „Antigone“ aus dem Jahr 1917 ein. Freilich sei der Hohe Ton der (frühen) Weimarer Zeit heute nicht mehr ganz zeitgemäß, und doch klinge Antigones Klage über Krieg und Leid immer noch nach. „Wenn ihr wüsstet, wie ich um euch weine“, zitierte Trabant aus dem Stück. Und sie klinge auch in Bodrožićs Werk nach: „Vielleicht heilt die melancholische Liebe der Frauen die verletzten Seelen der Männer in der Fremde?“

Bodrožić selbst zeigte sich tief bewegt von dem Preis. Vor einem Jahr, als die Preisverleihung ausfallen musste, hatte sie sich bereits in einer Videobotschaft bedankt und starke Worte gefunden:
„Die Welt der Sprache war für Walter Hasenclever schon sehr früh eine der Rettung und des Denkens, des Durchdenkens von Welt. Das verbindet mich auf eine so existenzielle Weise mit ihm, dass ich es eigentlich nur mit meinem Werk zeigen und hier nur sagen kann.“

Hasenclever, geboren 1890 in Aachen, gilt als einer der herausragenden Autoren der Weimarer Zeit. Bereits 1917 erhielt er für seine Adaption des Antigone-Stoffes von Sophokles den Kleist-Preis. Auf der Flucht vor den Nazis hielt er sich im Jahr 1940 im Kreise von vielen anderen deutschen Intellektuellen in Südfrankreich auf. Als „unerwünschter Ausländer“ wurde er im Lager Les Milles in Aix-en-Provence interniert, wo er sich am 21. Juni 1940 das Leben nahm, weil er nicht mehr glaubte, den Nazis entgehen zu können, die kurz zuvor Frankreich besetzt hatten.
In diese Zeit baute Bodrožić eine gedankliche Brücke. Statt einer Dankesrede las sie aus einem bisher unveröffentlichten Text, in dem sie Aristides de Sousa Mendes ein literarisches Denkmal setzt. Der portugiesische Diplomat verhalf, ansässig in Bordeaux, Zehntausenden zur Flucht, indem er sich einer ausdrücklichen Anweisung des Diktators Salazar widersetzte und quasi im Akkord Visa unterzeichnete. Dafür wurde de Sousa Mendes unehrenhaft entlassen.
Bodrožić stellte der Ausweglosigkeit, die Hasenclever empfunden hatte, auf diese Weise „einen Fetzen Hoffnung, der hilft“ (gemeint sind die Visa) gegenüber. Den Hasenclever-Preis versteht sie als Aufforderung, schreibend, denkend und atmend wach zu bleiben.

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