Erfahrungen menschlicher Nähe in „Gehen, ging, gegangen.“

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen.

Roman. München 2015

 

NEVER BROWN IN TOWN

 

Der von mir gewählte Titel der Rezension als englisches Zitat aus dem Roman ist Programm:  Protagonist Richard zieht sich immer wieder bequeme braune Halbschuhe an, obwohl sie modisch nicht erlaubt sind, wenn er in die Stadt geht. Er macht dann in Fortsetzung dieser individuellen Entscheidung Schritte, die ihn selbst überraschen:

Richard hilft Flüchtlingen aus Afrika, die von der Abschiebung bedroht sind und nach einem Hungerstreik in einem Heim in Berlin leben.

 

Die Realität von Richards Leben, der emeritierter und privat verwitweter Professor für klassische Philologie ist, hat mit dem Schicksal der jungen geflüchteten Männern zunächst nichts gemein. Die Erfahrungen der Migranten von Gewalt und Tod und ihre ergebnislose Suche nach Arbeit prägen dann Richards neuen Blick auf Menschen und seine satte Gesellschaft in Berlin.

 

Was kann ein gebildeter einsamer Mann nach seiner Pensionierung Sinnvolles tun?

Durch die Welt reisen, teure Weine trinken, Sport treiben, seine Gesundheit erhalten?

 

Richard will keine „Oberfläche“ in der beschriebenen Weise leben, die Schicksale der Flüchtlinge lassen ihn die von ihm erlebten Verwerfungen nach der deutschen Einheit sekundär erscheinen.

Er sucht nach einer neuen Struktur und Ordnung, auch für das Leben der jungen Männer, die er durch Hilfeleistungen und Kontakt näher kennenlernt. Warum sollen sie Deutsch lernen, wenn sie nicht arbeiten dürfen und nach einiger Zeit unter Dublin 2 – Bedingungen nach Italien zurückkehren müssen? Sorgen können Menschen auffressen und jede Hoffnung auf Besserung vernichten.

 

Richard hat zu Beginn Angst, dass er seiner „ungeformten Zeit“ überdrüssig wird (S.134). Woher bezieht er Hoffung auf Änderung seines Alltags? Wie hält er seine Einsamkeit nach dem Tod seiner Frau und der Pensionierung aus? Die Dinge des Lebens, und dazu gehören auch die Flüchtlinge, wirklich „bis auf die Knochen“ (S.177) verstehen, das ist seine neue Orientierung.

 

Seine jetzt folgenden Erfahrungen einiger Monate, die der Roman  auf  350 Seiten schildert, lassen sich mit vier englischen Zitaten aus der Kommunikation mit den Migranten zusammenfassen:

 

LIFE IS CRAZY!

 

TAKE CARE!

 

HOW ARE YOU?

 

NO PROBLEM!

 

Nichts ist verrückter als das Leben eines Flüchtlings unter einem deutschen Gesetz, das nur in Teilen dem common sense genügt.

 

Richard und seine neuen Bekannten und Freunde müssen auf sich aufpassen, vieles ist nur an der Oberfläche aushaltbar. Traumatisierungen können vernichten.

 

Richard fragt ernsthaft danach, wie es Menschen geht, er lernt diese Zugewandtheit durch die Begegnung mit den Afrikanern.

 

Im Grunde kennt der Protagonist keine materiellen Sorgen. Eine neue Leichtigkeit der Begegnung aus diesem Gefühl der Sicherheit heraus drückt sich aus in der Formel KEIN PROBLEM.

Sicher keine neue Botschaft in diesem Roman: Zu sich selbst finden durch Begegnung.

Aber in diesem Näherkommen erfassen, wie gering die Unterschiede unter uns Menschen sind.

Die wirklichen Fronten verlaufen zwischen Arm und Reich, Macht und Machtlosigkeit, Arbeit und Arbeitslosigkeit.

 

Fazit: Richard als privilegierter Deutscher sucht sich die Wirklichkeit aus, in der er mitspielen will. Da kann er dann innerhalb weniger Stunden für 3000 Euro ein Grundstück in Ghana kaufen.

Die Welt scheint die Flüchtlinge nicht zu brauchen, aber Richard benötigt sie zur Beantwortung der von ihm endlich richtig gestellten Frage: Was ist SEIN Leben?

 

Eine Gerechtigkeit, sei sie real oder metaphysisch, gibt es nicht. Aber es existiert die Einsicht, dass auch ohne letzte Urteile und Sicherheiten ein Leben in Gemeinschaft möglich ist.

„God will punish you!“ sagt ein Migrant zum Vertreter der Behörden, als zwangsgeräumt wird.

Der Agnostiker Richard spürt etwas von der befreienden Kraft des Handelns, die nicht an Strafe, sondern am Auskommen mit der Welt und dem Weitermachen interessiert ist.

Und dazu braucht es die Erfahrung menschlicher Nähe.

 

Axel Schneider

 

 

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