Friedrich Christian Delius

Friedrich Christian Delius
Aus seiner Dankrede zum Walter-Hasenclever-Preis 2004
(WHG-Jahrbuch 2002–2004, S. 144 f.)

Hängen der Trend zum Analphabetismus und der neue politische Analphabetismus,
hängen der ästhetische und der moralische Verfall zusammen, und wenn ja, wie?
Diese Frage beschäftigt mich, und ich kann sie mit Schiller nur bejahen:
Ohne die ‚Ausbildung des Empfindungsvermögens’, ohne die Kultivierung der Sinne keine Freiheit.
Ich will jetzt nicht Schillers Theorie entfalten, sondern nur mit seiner Autorität das Selbstverständliche unterstreichen, das inzwischen auch Hirnforschung und Bildungsforschung belegen:

Ohne musische Fähigkeiten gibt es keine gesellschaftlichen Fähigkeiten,
ohne Emotionalität keine Vernunft,
ohne ein Sensorium für die Künste gibt es kein Sensorium für die Demokratie,
ohne die Literatur, beispielsweise, versinken wir in Barbarei.

Barbarei sage ich mit Absicht. Seit sich der deutsche Horizont aufs Sparen reduziert hat
(das gar kein Sparen im Sinne des Wortes ist, sondern bloß Streichen und Kürzen)
wegen der politischen und wirtschaftlichen Milchmädchenrechnungen der letzten Jahrzehnte und wegen des 11. September, herrscht eine neobabylonische Sprach- und Begriffsverwirrung, hoch gefährlich für die demokratische Substanz …

Für alle Kosten-Nutzen-Denker sage ich: Wer die Kultur- und Bildungspolitik nicht als Investition gegen ideologische Verblendung und damit als langfristiges und überdies preiswertes Antiterrorismusprogramm betrachtet, der hat aus dem 11. September nichts gelernt. Und der kriegt zur Strafe mein Lieblingszitat von Goethe an den Kopf geworfen:

Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.

[Den Widerstand gegen den Terror ihrer Zeit haben Millionen] mit dem Leben bezahlt, wie Walter Hasenclever, der sich selbst umbrachte, um nicht von den Naziterroristen umgebracht zu werden. Der mit seinen Dramen den Krieg und die Kriegslust, die Barbaren und falschen Autoritäten, die Opportunisten und Schwindler mit aller Kraft seiner Worte kritisiert, ja attackiert hat und der gewusst hat, was Zensur ist.

Also ist mein Dank für diesen Preis … auch ein Dank dafür, dass ich hier und heute, gut sechzig Jahre später, frei sprechen darf – wie Walter Hasenclever nicht … und wie viele Schriftsteller in so vielen Ländern auch heute nicht.“

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