Carlos Fraenkel für Robert Menasse

Aus der Laudatio von Carlos Fraenkel für Robert Menasse
(WHG-Jahrbuch 2018/2019, S. 119 f.)

Können die Philosophen die Welt eigentlich noch erklären? Das ist die Frage, die Sie in der Trilogie der Entgeisterung stellen. (Das ist vielleicht mehr ein Problem für mich als für Sie, denn Sie sind ja Schriftsteller …)
Im Roman Die Vertreibung aus der Hölle steht die Frage nach Schuld: Wer ist eigentlich Opfer, wer ist Täter? Das ist kompliziert vor dem Hintergrund der Verfolgung der Juden aus Spanien und Portugal in der frühen Neuzeit, und dann vor allem vor dem Hintergrund des Völkermords im 20. Jahrhundert. Und dann natürlich die Frage nach der Zukunft und der Identität Europas, die Sie in Die Hauptstadt stellen, und die – leider, muss man sagen –
drängender nicht sein könnte. […]

Steckt ein potentieller Täter möglicherweise in uns allen? In dieser Frage der Rollenverteilung von Tätern und Opfern wurde ich an den Rassismus deutscher Juden in Brasilien erinnert, den ich im Kreis meiner Großeltern dort erlebte. Die abfällige Beurteilung der Brasilianer als „unpünktlich, unzuverlässig und ungebildet“ war dort Konsens.

Im Werk Die Hauptstadt, – dem Werk, für das Sie heute besonders geehrt werden – haben mich am Schluss des Buches die Worte von Professor Alois Erhart begeistert, mit dem Vorschlag, die Hauptstadt der Europäischen Union von Brüssel nach Auschwitz zu verlegen, um unmissverständlich klar zu machen, dass der Gründungsimpuls der Europäischen Gemeinschaft die Idee war: „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord!“
Das scheint mir ein wirklich echter Gegenentwurf zu sein zu dem manchmal fast unerträglichen Gerede von der wunderbaren europäischen Kultur, die angeblich jüdisch-christlich und von der Aufklärung geprägt ist. Und die dann oft im derzeitigen Diskurs dem bösen, angeblich unaufgeklärten Islam gegenübergestellt wird.
Das jüdisch-christliche Abendland?
Man muss daran denken, dass die Juden in der islamischen Welt über 1500 Jahre meist friedlich gelebt haben, während sie im angeblich christlich zivilisierten Europa verfolgt und ermordet wurden.
Bei Ihnen, Herr Menasse, geht es um etwas viel Einfacheres:
Europäer, schlagt euch nicht wieder gegenseitig die Köpfe ein!
Begeht nicht wieder Völkermord!
Gleichzeitig stellen Sie auch dar, wie prekär diese Erinnerung an Auschwitz ist. Das heißt, die zwei Figuren im Roman, die diese Erinnerung lebendig verkörpern – David de Vriend, der Auschwitz-Überlebende, und Professor Alois Erhart, Sohn eines Nationalsozialisten.
Beide kommen bei einem Terroranschlag ums Leben. Ihre Erinnerungen werden ausgelöscht.
Die Zeitzeugen sind im Verschwinden begriffen, und es stellt sich die Frage, was mit der europäischen Idee passiert, wenn diese Erinnerung nicht mehr so lebendig, nicht mehr so präsent ist.
Ich finde es großartig, dass heute der Walter-Hasenclever-Literaturpreis gefeiert wird. Aber wäre es nicht auch schön, wenn es in Zukunft nicht nötig wäre, Preise dieser Art zu stiften, um der Opfer eines neuen Völkermordes zu gedenken?

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