Hasenclevers Antigone

Walter Hasenclever, Antigone

Diese Tragödie in 5 Akten wurde 1917 in Leipzig uraufgeführt und erhielt den Kleistpreis. Sie propagiert die Macht der Liebe und der Freiheit, Kritiker entdecken den Aufruf zum Pazifismus mitten im Ersten Weltkrieg, das Stück bekämpft die Ideologie des Krieges und der Zerstörung.
So die Kurzfassung der Literaturgeschichte.

Kann Hasenclevers ANTIGONE heute noch aufgeführt werden?

Auf den ersten Blick kann eine Inszenierung NICHT erfolgreich sein. Die Strukturierung des Geschehens bleibt hinter der überzeugenden Handlungsentwicklung eines Sophokles zurück. Der geteilte Bühnenraum in Arena und Palast suggeriert voreilig eine Zweiteilung der Problematik zwischen hungerndem Volk und gewissenloser Machtclique. Der rücksichtslose Kreon wandelt sich im Lauf der Handlung, aber auch bei Hasenclever zu spät, um Antigone zu retten. Kreons Selbstkorrektur bleibt in Teilen unerklärt.
Also ist eine Aufführung 2022 erledigt?

NEIN!
„Freiheit ist stärker als Gesetz und Ruhm.“ (S. 418)
Dieser Satz Kreons ist vernünftig, wird von ihm aber erst nach dem Tod des Sohns formuliert. Er erkennt, dass er ausschließlich die Macht als König lebte und sich schuldig machte. Sein Handeln mit dem Motiv des Prestigegewinns für die Stadt, aber auch für ihn persönlich vernichtete Ehefrau, Sohn und Nichte. Er verlässt den Palast und geht in die selbstverschuldete Einsamkeit. Der „alte, weiße Mann“ dankt ab. Er hat sich auf scheinbar objektive Kriterien in seinem Tun berufen, die nicht auf die Situation passen.

„Sein Licht der ewigen Güte leuchtet mir.“ (S. 379)
Diesen Satz sagt Antigone über Ödipus. Die Praxis der Brüderlichkeit auch einem verstorbenen und verfeindeten Bruder gegenüber bestimmt ihr Handeln. Deshalb fürchtet sie die Strafe Kreons nicht. Mit ihrer Botschaft des Friedens und des Ausgleichs für das Volk Thebens gewinnt sie seine Liebe und Zuneigung. Euphorisch formuliert sie: „Frauen können unsterblich sein, wenn sie die sinnlosen Wege der Menschen mit dem Krug der Liebe begießen.“ (S.388)
Doch wie realistisch ist ihre Einschätzung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse?
Die Reiterei Kreons spricht das vorletzte Wort.

Was ändert also den Lauf der Welt? Kann die Wahrheit die Macht zerschlagen? (S.390)
Antigone und das Volk wenden sich zunächst ab vom verordneten Rausch und Wein, dem „Sorgen-Erwürger“. Sie sprechen sich für Menschlichkeit aus – wenn es das System und die Machthabenden erlauben. Hier greifen die Soldaten Kreons zerstörerisch ein. Machterhalt schlägt humanistische Vision. Antigone wird verschleppt und erhängt sich. Spätestens hier will Hasenclever den Bruch mit der philosophischen Tradition, er glaubt nicht mehr an ahistorische Wahrheiten im Sinne Platons, auch der Kraft einer „kommunikativen Vernunft“ (Habermas) begegnet er mit Blick auf das praktische Leben skeptisch. Vertrauen ist die Währung, die das Leben braucht.

Kurzum:
Eine Inszenierung 2022 schaut auf die Rolle der Frau. Sie stellt den Freiheitswillen des Volkes in seiner Ambivalenz in den Mittelpunkt.
Und sie diskutiert den irritierenden Schluss:
Das Volk übernimmt nach der Abdankung Kreons die Macht, es will als erstes den Palast stürmen und schändet die Leiche Hämons. Die „Stimme aus dem Grabe“ stoppt sie und spricht vom Gericht Gottes, dem sich das Volk unterwirft.
Eine religiöse Wendung?
Ausdruck des Misstrauens gegenüber den Aggressionen des einfachen Mannes?
Braucht das Volk also doch Geld und Wein und kann nur von großen Individuen gebändigt werden? Hasenclevers Ratlosigkeit scheint greifbar, aber ist dieses Stellen von Fragen nicht ehrlicher als das Geben vorschneller Antworten?

Mein Deutungsvorschlag:
Hasenclever verkündet Solidarität als Lösung, nur ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl lässt uns mit den Veränderungen durch Zeit und Zufall fertig werden. Die Geschichte läuft für ihn auf keine Konvergenz hinaus, die ahistorisch vorgegeben ist. Deshalb der Freiheitsruf Kreons.

Die Wahrheit über den Menschen ist für unseren Dichter die Herausforderung, sich „selbst leiden zu können“, auch den guten Menschen in uns zu sehen und die Solidarität mit anderen trotz aller schlechten Erfahrungen mit „dem“ Volk für notwendig und rettend zu erachten. Hasenclever ist ein früher Pragmatist, wir brauchen keine metaphysische Stütze, wir sind stets selbst der historische Augenblick des Machens. Und Fortschritt ist seit Antigones Mythos die Möglichkeit, klügere und interessantere Dinge zu tun und eine vielgestaltige Persönlichkeit zu werden.

Das Volk Thebens steht in der Dramatis Personae an erster Stelle vor Kreon. Es schreit in den Schlussworten „Nieder mit den Fürsten!“ und wird als schuldig von der Stimme aus dem Grabe bezeichnet und niedergeworfen. Die Stadt brennt, das Feuer der Vernichtung greift um sich – Hasenclever ist hier scheinbar Expressionist und skeptischer Massenforscher in einer Person. Seine Züge eines modernen Pragmatismus sind aber genauso erkennbar und zeigen, was uns der Dichter zutraut:
– Solidarität statt Verzweiflung,
– Vertrauen in uns und den Wert mancher Lebens-Praktiken wie dem COMMON SENSE,
– das Aushalten des Fehlens letzter metaphysischer Wahrheiten.

(Alle Zitate entstammen der Werkausgabe Zurhelles und Breuers Band II.1 aus dem Jahre 1992.)

Axel Schneider

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