Interview mit Marica Bodrožić

Hasenclever-Preisträgerin Marica Bodrožić :
„Ich schreibe alles. Tag und Nacht.“
(AZ/ AN 7.11.2020, S.18 „Kultur“)

Interview der Redakteurin Jenny Schmetz Aachen/Berlin

Ob Gedichte, Romane oder Denk-Tagebücher: Marica Bodrožić folgt ihrem „inneren Weg“.
Die Schriftstellerin erhält dafür den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen – allerdings ohne Verleihung im Ludwig Forum.
Wir haben vorab mit ihr gesprochen.

Ein schwaches Quengeln dringt durch die Tür des Arbeitszimmers.
Aber Marica Bodrožić (47) hat jetzt Zeit für ein Video-Telefonat. Die Schriftstellerin sitzt am Schreibtisch ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg, im Hintergrund – was sonst? – ein großes Regal mit Büchern, ihre Lyrik- und Mystik-Bibliothek, und drei, vier Steuerordner. Konzentriert, die Haare zusammengebunden, Brille auf der Nase. Und das Quengeln ist schon verstummt. Es stammte von ihrer zwei Jahre alten Tochter. Bodrožics Mann Gregor Hens, ebenfalls Schriftsteller, kümmert sich jetzt um Friederike. Benannt haben beide sie nach Friederike Mayröcker, ihrer Lieblingsdichterin.

Um Dichtung wird es auch jetzt im Gespräch mit der deutschen Autorin kroatischer Herkunft gehen, um ihr Werk, das in innere Labyrinthe führt und europäische Horizonte eröffnet, aber auch um Schmerzen beim Schreiben und Schicksalsmathematik. Verrückt, dass sie gerade jetzt den mit 20.000 Euro dotierten Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen erhält, findet Marica Bodrožić. Warum? Sie wird’s erklären. Noch ein Schluck Kaffee, dann kann’s losgehen.
Und Marica – eine verkleinerte Maria, aber auch der Name eines Flusses – macht ihrer „Flussexistenz“ alle Ehre: Ein fröhlicher Schwall tiefgründiger Worte ergießt sich über Jenny Schmetz, die aber noch ein paar Fragen einwerfen kann.

Frau Bodrožić, eigentlich sollten Sie den Hasenclever-Preis am 22. November in Aachen in Empfang nehmen. Daraus wird wegen der Corona-Pandemie leider nichts: Es gibt keine Verleihung, keine Lesung und auch keine Diskussion mit Schülerinnen und Schülern im Einhard-Gymnasium. Was ist stattdessen geplant?

Marica Bodrožić: Wir sind noch in der Diskussion. Aber ich habe vorgeschlagen, dass ich mit den Schülerinnen und Schülern online spreche, damit sie nicht leer ausgehen. Meine Dankesrede könnte ich aufnehmen und nach Aachen schicken. Ich möchte ja meine tiefe Freude über diese Ehrung zum Ausdruck bringen!
Meine Vision ist, dass ich im nächsten Jahr zu Ihnen komme, zu einer Lesung und einer Diskussion. Der Preis wird ja alle zwei Jahre verliehen. Dann könnten wir 2021, wenn Corona es zulässt, diesen würdevollen Moment gemeinsam in Aachen begehen, zusammen sein, in der konkreten Begegnung.
Die Anwesenheit des Menschen ist ja nicht ersetzbar.

Welche Spuren hat die Corona-Krise bisher bei Ihnen hinterlassen?

Bodrožic: Für einen freischaffenden Menschen wie mich ist das ein unglaubliches Jahr. Die Corona-Krise hat mich noch einmal radikal ins Innere zurückgeworfen, an einen Ort, an dem ich sowieso schon beheimatet bin. Ich habe aber etwas getan, was ich immer tue, wenn ich mir Fragen stelle: Ich habe geschrieben!

Und was?

Bodrožić: Im ersten Lockdown habe ich – einer Blitzeingebung folgend – zwei Monate lang Rilkes Gedicht „Der Panther“ auf meinem Balkon mit meinen Nachbarn gelesen, jeden Abend um acht Uhr. Daraus ist dann der Impuls entstanden, einen Text zu schreiben.

Sie haben das Gedicht gemeinsam auf dem Balkon laut rezitiert?

Bodrožić: Ja, genau! Die Italiener haben ja auf ihren Balkonen gesungen, aber das Singen ist in unseren Breitengraden nicht so üblich. Daher habe ich mich gefragt: Was kann ich tun, um diesen Raum sprachlich zu gestalten? Da fiel mir Rilkes Gedicht ein: der Panther im Jardin des Plantes.
Sehr bekannt. Der Panther ist eingesperrt im Käfig. „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“
Der Panther hat seine Wildheit eingebüßt, das ursprüngliche Leben in ihm ist eingesperrt. Irgendwie geht es uns auf der ganzen Welt im Moment genauso wie Rilkes Panther. Wir sitzen in unseren Wohnungen und versuchen zu erspüren: Wer sind unsere Freunde? Mit wem können wir in Kontakt treten? Was macht uns aus? Was ist jetzt wichtig? Und dann habe ich angefangen zu schreiben, eine Art hybriden Essay, den ich „Pantherzeit“ genannt habe. Er kommt im nächsten Februar heraus. Der Untertitel lautet „Vom Innenmaß der Dinge“.

Inwiefern hybrid, also zusammengesetzt?

Bodrožić: Er changiert zwischen autobiografischer Erzählung und philosophischer Reflexion. Wie immer bei mir gehen Erzählen und Denken miteinander einher.
Ich habe mir vor allem die Frage gestellt: Was spiegelt eigentlich dieser radikale Rückzug? Welche Themen beschäftigen mich? Da habe ich wacker weitergeschrieben, obwohl ich Handschmerzen hatte und immer noch habe.

Sie schreiben mit der Hand?

Bodrožić: Ja, ich schreibe immer mit dem Füller zuerst, und die 20 Jahre des Schreibens haben ihre Spuren hinterlassen. Wie bei den Bauarbeitern mit ihren Presslufthämmern. (lacht)
Mein Essay ist eine philosophische Reflexion über den Schmerz und zugleich eine Erzählung über meinen monatelangen Schmerz in meiner rechten Hand, der Hand, die für mich und mein Schreiben lebenswichtig ist. Aber es ist auch ein Gesang auf die Schönheit und Kostbarkeit des Lebens. Und auf den Atem: Was passiert in einer Welt, in der Ein- und Ausatmen Gefahr bedeuten? Das ist natürlich mein Metier: Die Sprache ist ja auch mit dem Atem verbunden.

Aber Schreiben am Rechner ist für Sie keine Option? Das muss durch den Körper gehen?

Bodrožić: Auf jeden Fall! Sonst entstehen andere Texte. Beim Tippen fehlt mir ein Stück der Seele. Für mich ist das Schreiben ein Selbstausdruck, und zu diesem Selbst gehören die Hände.
Das Schreiben ist so auch immer mit Langsamkeit verbunden. Es ist ein bisschen, wie mit den Händen ohne laute Stimme zu beten, wenn ich schreibe.

Schreiben Sie auch Tagebuch und Notizbücher?

Bodrožić: Ich schreibe alles. Tag und Nacht. Seit über 20 Jahren schreibe ich Denk-Tagebücher: Darin notiere ich Lektüre-Anmerkungen, Zitate, alles, was mich ästhetisch, philosophisch, geistig beschäftigt.

In den 20 Jahren haben Sie bereits einige Auszeichnungen erhalten. Welchen Stellenwert hat der Hasenclever-Preis für Sie?

Bodrožić: Er freut mich außerordentlich, ich bekomme ihn ja auch für mein Gesamtwerk.
Seit fünf Jahren arbeite ich an einem Buch, das mit dem Weg des Schriftstellers und Philosophen Walter Benjamin verbunden ist. Er hat sich ja auch wie Hasenclever 1940 das Leben genommen. Das Buch spiegelt das Schicksal der vielen Menschen, die in der NS-Zeit in der Falle saßen, verlassen von allen guten Geistern Europas.
Dass der Preis genau jetzt kam, war schon verrückt. Wie Schicksalsmathematik. Was die Jury mir über mein Werk erzählt hat, erschien mir wie ein inneres Gespräch. Überdies unterstützt mich der Preis finanziell auf meinem geistigen Weg der Freiheit. In einer Welt, in der ich eigentlich unverkäufliche Bücher schreibe (lacht), kann ich mir treu bleiben.

Unverkäufliche Bücher?

Bodrožić: (lacht) Natürlich verkaufe ich Bücher, manchmal auch viele, aber ich schreibe sie nicht zum Verkauf. Ich will natürlich, dass sie gelesen werden, aber ich schreibe sie schon in einer ästhetischen Radikalität, die meinen Leserinnen und Lesern viel abverlangt. Das ist nicht der Weg der Marketingstrategien oder des kalkulierten Erfolgs, sondern der innere Weg, dem ich folge.

Die Hasenclever-Jury preist Sie als „Entdeckerin des Inneren“. In Ihren Werken finden sich immer wieder Begriffe wie „inneres Sehen“, „innere Zeit“, „innere Landkarte“. Wie können Sie denn nüchternen Rationalisten erklären, was darunter zu verstehen ist?

Bodrožić: Nüchternen Rationalisten kann man gar nichts erklären, man muss es einfach leben! (lacht) Ich glaube, jeder Mensch hat eine Art seelische Topographie. Es geht nur darum, den Eingang in das innere Labyrinth zu finden, und das Erlebnis der inneren Zeit wird früher oder später jedem Menschen zuteil werden.

Was würden Sie denn Lesern, die noch nichts von Ihnen kennen, zum Einstieg empfehlen? Vielleicht auch, um einen Zugang zu diesem „inneren Labyrinth“ zu finden.

Bodrožić: Ihnen würde ich meine „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe“ empfehlen. In diesen Essays erzähle ich auch autobiografisch, und es geht um Themen, die vielen geläufig sind: ob Freundschaft und Liebe, das Alter, Welt und Frieden. Das bietet alles Zugänge zu meinem Werk, aber kann auch unabhängig davon gelesen werden. Das Wesentliche ist beim Lesen ja immer das eigene Leben. Da wird bestimmt etwas geöffnet! Man muss aber auch bereit sein. Wenn man nicht die lyrische Dimension in sich selbst bevorzugt, dann bleibt dieser Zugang vielleicht verschlossen.

Aber es gibt in Ihrem Werk auch eine politische Dimension. Die Jury des Hasenclever-Preises lobt Sie als „echte Europäerin“.
Was ist denn für Sie eine „echte Europäerin“?

Bodrožić: Das wäre ein schönes Thema für ein ganzes Essay!
Für mich drückt sich darin eine Offenheit gegenüber den vielen Spielarten und Musiken der europäischen Sprachen und Identitäten aus und die Befähigung zur Freundschaft mit allem, was ich kenne, und was ich nicht kenne.
Aber es ist auch der strenge Blick, zum Beispiel auf Polen oder Ungarn. Natürlich auch der Wunsch, das Gemeinsame zu suchen. Also: die Arbeit an der Freiheit.

Sie haben mal geschrieben: „Ich kann Nationalität nicht empfinden. Es kommt für mich einem Versuch gleich, mich in Zement einzufühlen.“ Gleichwohl werden auch Sie eingeengt, festgeschrieben, etwa als „deutsche Schriftstellerin kroatischer Herkunft“. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Bodrožić: Ich bin einfach Schriftstellerin. Alle Attribute können wegfallen. Aber natürlich ist die deutsche Sprache meine Erde. Und mein Wasser. Und die Luft, mit der ich arbeite!

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