Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck
Aus der Dankrede zum Hasenclever-Preis von 2016
(WHG-Jahrbuch 2016/2017, S. 34 f.)

„Vor wenigen Tagen haben wir den Nigerianer Bashir in Berlin, in fremder Erde, begraben.

Wir Deutschen wissen doch, wie schwer so ein Tod in der Fremde wiegt.
Hat sich nicht auch der Flüchtling Walter Benjamin in der Fremde umgebracht, 1940,
in Portbou, Spanien?
Und Hasenclevers enger Freund Kurt Tucholsky, 1935, in Schweden?
War nicht auch Ernst Toller, ebenfalls guter Freund Hasenclevers, ein Flüchtender – der seinem Tod in die Arme lief? Über die Schweiz und England führte ihn sein Weg nach New York, wo er sich 1939 das Leben nahm.
Es heißt, dass Joseph Roth, selbst Exilant in Paris, zusammenbrach, als er von dessen Tod erfuhr. Wenige Tage später starb auch er dort, in einem Armenhospital.
Stefan Zweig beging Selbstmord in Brasilien. Franz Werfel, auch einer der engsten Freunde Hasenclevers, starb am Ende des Krieges, 1945, herzkrank in der Emigration in Los Angeles.

Ja, man kann am Fremdsein sterben, an der Verzweiflung, an der Ungewissheit.
Man kann an dem sterben, was man zurücklassen muss, an der verbrannten Heimat –
an der Angst, die die Gegenwart besetzt hält, und auch an der Zukunft, die ausbleibt.

Hasenclever, dessen Generation auch mein Großvater angehört hat, ist wie dieser freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen. Am Rand der Schlachtfelder standen zum ersten Mal Wissenschaftler, um die Wirkung des Kampfgases live zu beobachten.                                                                                                                Das Gas funktionierte. Mein Großvater kam nur knapp wieder daraus hervor. Er schrieb ein Antikriegsbuch und wurde Kommunist.
Remarque, der in Osnabrück zum Freundeskreis meines Großvaters gehört hatte, schrieb seinen Welterfolg Im Westen nichts Neues.
Auch Hasenclever verwandelte sich innerhalb weniger Kriegswochen in einen Pazifisten und schrieb das Schauspiel Die Menschen und etwas später das Drama Jenseits in der erklärten Absicht, die Welt der Lebenden und der Toten zu verbinden …

Die zwanziger Jahre sind eine Suche.
Manche der den kleinstädtischen Zirkeln entsprossenen Rebellen glauben einen Moment lang an die Weltrevolution, andere an Paneuropa, wieder andere flüchten ins Morphium.
Hasenclever erlebt die Niederschlagung des Kapp-Putsches in Kiel, entsagt jeglicher Ideologie und zieht sich ins Erzgebirge zurück, um den Mystiker Swedenborg ins Deutsche zu übersetzen und in lesbarer Form herauszugeben.
‚Die Einsicht’, schreibt er im Nachwort zu seiner Swedenborg-Nachdichtung, ‚dass dieses Dasein zwischen Geburt und Tod nicht unser einziges und nicht unser letztes Dasein bedeutet, dass wir zwangsmäßig in die Welt gesetzt sind, um eine Aufgabe darin zu erfüllen, die im höchsten und verantwortlichsten Sinne wir selbst sind, ist der erste Schritt zur Einkehr:’

In meinem Buch Gehen, ging, gegangen gibt es eine Stelle, in der ich darauf Bezug nehme, dass die Flüchtlinge, die Krieg und waghalsige Überfahrten überlebt haben, ebenso gut und mit etwas weniger Glück am Grunde des Meeres liegen könnten. Und sie wissen das alle …

Heute stellen die Literaturkritiker die Frage, ob ein Buch, das so genannte ‚echte Literatur’ sein will, sich mit der Gegenwart beschäftigen darf. Und ich sage, natürlich darf es das.
Die literarische Form des Nachdenkens ist notwendig, gerade für uns, in dieser Zeit, die für keines der Probleme eine politische Lösung bereithält.

Auch wir müssen suchen. So wie Hasenclever und seine Freunde gesucht haben.“

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