Konrad Paul Liessmann für Michael Köhlmeier

Konrad Paul Liessmann

Der Geschichtenerzähler
Für Michael Köhlmeier

Der Geschichtenerzähler ist eine wunderliche Figur. Er sitzt vor Menschen, die erwartungsvoll blicken und seiner Worte harren. Er hat kein Blatt vor sich, von dem er etwas ablesen könnte, er hat nichts auswendig gelernt. Er hat, vielleicht schon vor langer Zeit, einmal Geschichten erzählt bekommen, hat dann diese Geschichten nachgelesen, hat dabei, oft zu seinem Erstaunen, bemerkt, dass manche dieser Geschichten viel älter sind, als er dachte, und dass es davon auch ganz andere Versionen gibt als die, die er bisher kannte.
Aus dem Gehörten, dem Gelesenen macht der Erzähler seine Geschichte der alten Geschichten.
Und diese will er nun erzählen.

Der Geschichtenerzähler macht das, was Menschen seit Urzeiten getan haben: Sie erzählen sich Geschichten, um sich die Zeit – oder die Angst zu vertreiben.
Es sind Geschichten, in denen sich die Menschen darüber verständigen, was es heißt, dem Schicksal des Menschseins ausgesetzt zu sein. Es sind die großen Mythen, die Geschichten der Hoffnungen und Ängste, der Erwartungen und Befürchtungen, der Erinnerungen und der Phantasien in all ihrer Buntheit, in ihrer Widersprüchlichkeit, Zeitlichkeit und Überzeitlichkeit.
Es sind die Geschichten von Helden und Heiligen, ihren Göttern und ihren Teufeln.
Diese Geschichten sind mittlerweile gut dokumentiert, erforscht und kommentiert. Sie füllen Bände. Der Erzähler verflüssigt sie wieder, haucht ihnen wieder Leben ein, macht sie zu dem, was sie immer waren.

Der Erzähler spricht frei. Seine Gedanken, seine Bilder, seine Erinnerungen verfertigen sich beim Reden. Manchmal mag er stocken, im Satz die Richtung ändern, etwas aus Begeisterung wiederholen oder etwas vergessen – aber immer findet er zu seiner Geschichte zurück. Und nicht selten gibt er der Geschichte eine aktuelle Dimension, eine komische Note, einen Hauch von Alltäglichkeit.
Er versucht, die Menschen, die ihm zuhören, so zu erreichen, als säße er mit ihnen um einen Kamin, um ein Feuer, und sie sagten zu ihm: Komm, erzähl uns die Geschichte vom Untergang Trojas,
oder die Geschichte von der Nibelungen Not,
oder die vom Anfang der Welt,
oder die von jenem Gott, der von den Menschen ans Kreuz geschlagen wurde,
oder die von dem Satyr, der sich mit einem Gott in einen Künstlerwettstreit einließ und zur Strafe gehäutet wurde.
Und wenn der Erzähler dann beginnt, wird hörbar, dass dies Geschichten sind, die nicht in erster Linie gelesen oder kommentiert, sondern die erzählt werden müssen, weitergetragen von einem Mund an ein Ohr.
An viele Ohren.

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