Marica Bodrožić mit unseren Lektüretipps entdecken!

Die aktuelle Preisträgerin waren Ihnen bis jetzt unbekannt? Wir freuen uns, Ihnen das vielfältige Werk der Autorin durch den Walter-Hasenclever-Preis näher bringen zu können! Entdecken Sie Ihr persönliches Lieblingswerk – lassen Sie sich von  den Lektüreempfehlungen der Jury und Mitgliedern der WHG inspirieren.


Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe. Essays.

Berlin: Matthes & Seitz 2019, 14,00 Euro

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Eine Gefühlstheorie der poetischen Vernunft

Die Walter-Hasenclever-Literaturpreisträgerin der Stadt Aachen 2020 Marica Bodrožić hat im Sommersemester 2017 Poetikvorlesungen an der TU Braunschweig gehalten, die im Rahmen der „Ricarda-Huch-Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt“ stattfanden. Die seit 2015 durch Stadt und Hochschule verliehene Auszeichnung im Gedenken an die 1864 in Braunschweig geborene Huch umfasst ein Preisgeld und einen dotierten Lehrauftrag. Der im Verlag Matthes & Seitz gewählte Titel „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe. Essays“ setzt mit der Veröffentlichung in der sehr renommierten Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ aber einen klaren Akzent auf die Philosophie. So sind zwar Ricarda Huch-Lektüren in diesem Werk vorhanden und es werden auch starke Frauen als Künstlerinnen vorgestellt, wie zum Beispiel die bildende Künstlerin Louise Bourgeois und die Musikerin Patty Smith, aber der Schwerpunkt liegt mit dem Haupttitel „Poetische Vernunft“ auf einer Gefühlstheorie. Bodrožić bedient allerdings hier nicht ein neumodisches Terrain wie die „Affect Studies“ als Pendant zu Gender Studies oder wie die „ästhetischen Gefühle“, die das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik nach Mess-Skalen der statistischen Psychologie erforscht. Die Autorin arbeitet vielmehr an einer verbindlichen philosophischen Grundsatzreflexion, eben einer „poetischen Vernunft“, keiner theoretischen, praktischen, zynischen, logozentrierten, anderen, weiblichen, schwarzen oder Ähnlichem. Ihre Methode ist sprachkritisch-zeitreflexiv, wie es der Untertitel „Zeitalter gusseiserner Begriffe“ benennt. Diese Formulierung fordert heraus: Ist es die „Zeit der gusseisernen Lerchen“, wie Peter Huchel die politische Funktionalisierung der DDR-Literatur 1956 nannte? Der Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“, der das Ende seiner liberalen Gestaltung des Organs mit den Tod Bertolt Brechts kommen sah, kritisierte eine politische Vereinnahmung der Poesie zur Indoktrination, die durch die Partei mit den Parolen und Pionier-Losungen von Frieden und Völkerfreundschaft, vorgegeben war. Die Metapher des alten Werkstoffes des Gusseisernen zielt auf die immer-gleichen Gedanken, die gleichsam durch die gusseisernen Mühlen als Gerätschaften des Funktionalismus gedreht werden und dann nur noch Schablonen, Klischees bilden. Peter Huchel verwendet das Attribut in Anspielung auf Heinrich Heines Beschreibung Georg Herweghs als „eiserne Lerche“ (1844), mit der im Vormärz eine politische Wachheit als Aufbruch gefordert wurde. Als „die gusseisernen Begriffe unsere Zeit“, die in großen Lettern die Medien- und Kulturlandschaft in Einheitsprägung abgenutzter Münzen bestimmen oder auch mit einem ewig gleichen Geläute gusseiserner Glocken in aller Grobheit verkündet werden, sieht Bodrožić „Gleichberechtigung oder Solidarität“. Diese Ziele sind für sie „entleert“, ‚geeicht‘, Demokratie unterwandernde „Suchtmittel“ aus dem „Bedürfnis nach billigem Glück“ und ‚falscher Geborgenheit‘. Das „Gift der Parolen“ muss den Zielen entzogen werden durch eine ‚Reinigung in der Reise ins eigene Innere‘, sie müssen dadurch wieder ins ‚Selbst-Denken‘ und ‚‚Selbst-Empfinden‘ zurückzuführen, ins politisch Lebendige, das sie mit Hannah Arendt unter Bezug auf die Schrift „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ im Erhalt der Pluralität sieht und gegen die Zerstörung dieser im fixierenden Festhalten an Begriffen kämpft.

In welcher Weise kann eine Gefühlstheorie diese Begriffe kritisieren, ihren Wahrheitsgehalt prüfen und ihre Aussagekraft durch die destruktive wie konstruktive Kritik der poetischen Vernunft in die richtige Richtung lenken? Nun hat Bodrožić mit ihrem in der breiten Lese-Öffentlichkeit erfolgreichsten Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ schon 2012 die Kindheit in Dalmatien als ‚altem Gefühl‘ mit dem Leben in Paris und Berlin als ‚neuem Gefühl‘ gleichwertig aufs Tapet gebracht, symbolisch auf den Kirschholztisch, der Küchentisch der Großmutter, ein Familienerbstück, das mitwandert. Das Gefühl, eine Heimat zu haben, wird zum Gefühl, in der Sprache ein Zuhause zu gewinnen, darin ist sich Bodrožić mit Hannah Arendts Statement von der Sprache als befriedigendem Verstehen wie ein „Heimatgefühl“ einig.

Solche Sprache unter dem Blickwinkel „poetischer Vernunft“ erweist sich als theoriefähig. Bodrožić analysiert die Rationalität der Emotionalität wie in hochkarätigen Philosophieansätzen wie dem von Ronald de Sousa (1987), auf den sich z. B. Martha Nussbaum beruft.

Das erste Theorem ist, dass Gefühle in einem empfindenden Körper entstehen, nicht durch ihn, wie bei William James (1892), aber im Wahrnehmungssensorium, das eine Wirklichkeit schafft, die vielleicht nicht von außen sichtbar und hörbar ist, aber von innen. Hier greift Bodrožić nicht nur in dem gleichnamigen Kapitel „der Körper als Erzähler“ eine Phänomenologie des Zitterns, der Ohnmacht, des Kopfschmerzes auf und rückt sie ins Zentrum einer Produktionsbedingung von Literatur. Darin liegt eine Nähe zu Siri Hustvedts Texten, z.B. „Die zitternde Frau“ (2010), Bodrožić zitiert aus dem Essayband Hustedts „Leben, Denken, Sprechen“ (2015). Zerbrechlichkeit, Instabilität, Ambivalenz in Vexier-/ Kipp-Figuren sind darin Grunderfahrungen und Schreibanlässe. Vor allem untersucht Bodrožić aber auch das Wort „Wahrnehmung“ und entwickelt, im Gespräch mit Wahrigs Deutschen Wörterbuch, über die Bedeutungen „Wahrheitssinn“ und „Fähigkeit, etwas als wahr er kennen“, die literarische Bedeutung als ‚Gabe, die Wahrheit zu nehmen‘. So wird ein ‚gusseiserner Begriff‘ wie Wahrnehmung, Achtsamkeit oder Anerkennung der Berechtigung von Gefühlen zu einem lebendigen Akt durch poetische Vernunft.

Ein zweites Theorem liegt in der Antwort auf die Frage, ob Gefühle, wie der lateinische Name sagt, passiv sind (vgl. lateinisch „passio“) oder aktiv. Dass Gefühle eine Bewegung, eine Motivation initiieren und dass sie deshalb für das menschliche Handeln entscheidend sind, formuliert schon Aristoteles als Begründer von Gefühlstheorie gegenüber Platons Trennung von Kopf und Körper. Für den politisch ‚gusseisernen Begriff‘ der Frauenbewegung wählt Bodrožić differenziert die poetisch vernünftige Kapitelüberschrift „In Bewegung – die erwachenden Frauen“, eine kleine, feine Differenzierung, die hilft, Vorurteile abzustreifen. Vor allem in diesem Kapitel entfaltet die Autorin ihre Gefühlstheorie im Wortfeld des Inneren als eines ‚genauen Gefühls‘: „Fühlung“, „ausgestattet mit einem hochsensitiven Sensorium“, „Empfindungsfähigkeit“, „seelische Intelligenz“, „mittels Sprache erlangte Rückeroberung unserer Innenwelt“.

Schließlich liegt im dritten Theorem der Höhepunkt, Gefühle sind symbolisch vermittelt. Hier ist die Literarizität herausgefordert, die Kunst des Schreibens über die Lebendigkeit der Gefühle. Dabei konkretisiert Bodrožić die Symbolbildung oder Symbolschöpfung durch das Verfahren der Synästhesie, da dabei der Zusammenhang der Wahrnehmungen und damit der Welt gewahrt bleibe. Synästhesie beschreibt die Autorin mit Walter Benjamin als Verknüpfung, Verflechtung, Verbindung, Verwandlung wie im Traum, eine „Innen-Bilder-Schau“, einem Sich-selbst-beim-Sehen-Zusehen oder -beim-Hören-Zuhören. Hochwertwörter für das Gelingen sind „vollständig selbstempfunden“, „tanzend-rhythmisch“ und ‚schönwild‘.

So ist der Weg bereitet, sich Bodrožićs poetischen Werken zuzuwenden, deren Literaturtheorie in diesen Essays bereitet ist. Wenn Bodrožić Walter Benjamins Empfehlung zum „Befragen der Sterne – selbst allegorisch verstanden“ aufgreift, liegt ihr Band „Sterne erben, Sterne färben“ (2007, 2. A. 2016) parat, indem die Autobiographie der Autorin mit ihrer „Ankunft in Wörtern“, in einem Prozess des Zur-Sprache-Kommens, einer der Lebensgeschichte chronologisch parallelen „Biographie der Wörter“, vorgestellt wird. Die Allegorie des Geburtssterns, Glücks- oder Unglücks-Sterns wird vertieft durch die Lebens-, Lese- und Schreib-Handlung, das ‚Erbe‘ zu ‚färben‘. Jede Annäherung an das Leitmotiv „Stern“ im Doppelsinn von tradierter Herkunft und im Literarischen als bereits präsent imaginierter Ankunft in einer Zukunft ist sprach- und verstehenskritisch. Darin formuliert die Autorin das die aktuelle Philosophie umtreibende Konzept einer ‚Kognition der Emotion‘ in klassischer Form: „Der Verstand gibt auf. Alles auf einmal zu denken vermag er nicht. Aber das Herz, ein Organ der Seele, hält all den Widersprüchen, Widrigkeiten, aller Verlorenheit und Gegenwart, allem Gehenden und Kommenden stand.“ In beiden Essaysammlungen von 2007 und 2019 werden Problemkonstanten des biographisch-ideographischen Werkes sichtbar: „Sprechen war zu Hause immer ein Widersprechen gewesen.“ (2007) – „Jedes Wort konnte mir als Widerwort ausgelegt werden. Das Sprechen war für mich viele Jahre ein Synonym für das Aufbegehren.“ (2019)

In welchem Verhältnis steht diese Essay-Sammlung von 2019 zu Bodrožićs „Betrachtungen“ unter dem Titel „Das Auge hinter dem Auge“ von 2015 im Otto Müller Verlag? Auch dort handelt es sich um zwei Poetikvorlesungen, gehalten am 16.Oktober und 10. November 2014 an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. In diesen geht die Autorin vor allem auf das Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt ein, um aus der Tradition der Romantik und einer extensiven Rezeption europäischer Poetik, vor allem der französischen, den „Raum der Selbst-Erfindung“, der „Erinnerung“ als ‚innerer Landschaft‘, im „mäeutischen Nach-innen-Hören“ zu erkunden. In den Essays von 2019 tritt eher die äußere Wirklichkeit ins Blickfeld, die politische, historische, welthaltigere. Es sind aber nur zwei sich ergänzende Perspektiven des Ausbuchstabierens eines „Weltinnenraums“, den die Autorin als Europäerin in den Kulturorten als Lebensplätzen und den Sprachen Europas als konstanten Lektürebegleitungen bereist hat. Wie genau Bodrožićs Kenntnisse ihrer Lektüren fundiert sind, zeigt sich an den Hannah Arendt-Bezügen. In „Das Auge hinter dem Auge“ geht sie auf Arendts Auffassung der Methode des Verstehens ein, die Arendt im Vorwort der ersten englischen Ausgabe des Totalitarismus-Buches beschreibt und fasst den Bezug folgendermaßen: „Wir widerstehen der äußeren Wirklichkeit nur, wenn wir sie genau kennen, ihr ‚ins Gesicht sehen und widerstehen‘.“ Das ist die Alternative zu ‚gusseisernen Begriffen‘, das ist Begreifen als Akt des Erkennens, als Vollzug im Schreiben und im daraus folgenden politisch-öffentlichen Gespräch darüber.

Wie Durs Grünbein kann auch Marica Bodrožić unter der Frage betrachtet werden, inwieweit sie, wie Grünbein gerade bei der Jurybegründung für den Internationalen Literaturpreis der Zbigniew-Herbert-Stiftung 2020 attestiert wurde, „eine lebendige Verbindung mit Kunst und Philosophie“ eingeht, „die Existenz ständig der Prüfung der poetischen Analyse“ unterwirft und „eine einst zerstörte Brücke zwischen Dichtung und Philosophie“ wieder aufbaut. Es gelingt ihr ohne Frage, entsprechend kann wie bei Grünbein auch die polarisierende Entscheidungsfrage zwischen einer als genial zu bezeichnenden, immer wieder erschlagenden Gebildetheit und einem nur bemühten und ermüdenden Angelesensein der Zitate beantwortet werden. Nein, wenn schon Literatur, dann Poesie, die die Sprache erweitert, erfrischt, voranbringt und damit auch unser Denken, eben poetische Vernunft, wie die von Marica Bodrožić. Nein, diese Essays sind eine wirkliche „Schrift“, die als philosophische Thesenschrift, in dieser renommierten Reihe exzellent platziert, rezipiert werden sollte, in aller Breite und deshalb zur Lektüre dringend empfohlen werden soll, gerade in Zeiten, in denen der Appell an die Vernunft nicht einen gusseisernen Begriff meint, sondern eine genau gefühlte Verantwortung jedes/ jeder Einzelnen für die Pluralität des Wir, auf der Basis eines Sprache, die Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit klar benennt.

Maria Behre, 06.04.2020


„Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“

Frankfurt: Suhrkamp 2007, München: btb Taschenbuch 2.A. Oktober 2016 (bis auf eine Anmerkung identisch mit der Erstauflage), 9,90 Euro

Unsere Literaturpreisträgerin 2020 ein Stern am Himmel der Literatur, den wir gemeinsam entdecken, um damit unsere Welt als Kosmos zu lesen

Habe ich eine Herkunft oder gehe ich irgendwo hin?“ (S.9) – mit dieser grundlegenden existentiellen Fragehaltung spricht eine Autorin als Ich-Erzählerin, die Klarheit und Komplexität gleichermaßen beherrscht.

Dieses Werk kann als grundlegende Poetologie des Gesamtwerkes verstanden werden, da die Autorin unter explizitem Bezug auf einzelne Prosa- und Poesie-Veröffentlichungen eine unverwechselbare singuläre ästhetische Leistung entwickelt, indem sie die Zeitdimension der historisch-politischen Gegenwartsgeschichte mit ihrer Lebensgeschichte und darin mit ihrer Sprachentdeckungsgeschichte in den Akut oder Kairos einer Gleichzeitigkeit bringt. „Glauben wir der Chronologie der Ereignisse, sei es in unseren Biographien, sei es in der Biographie der Wörter (das eine hängt mit dem anderen zusammen), verraten wir den Urgrund, die erste Farbe, den bereiten, uns reinigenden Ton.“ (S.94) Mit der Polarität des Buchtitels im Paarreim-Parallelismus „Sterne erben, Sterne färben“ benennt die Autorin die Spannung zwischen Herkunft als Ausgangspunkt und Ankunft als Zielpunkt einer auf Zukunft angelegten Lebensbewegung. Präziser und gleichzeitig poetischer lässt sich dieser Schritt zum Neuen als „Befreiung aus der Umzäunung der Biographie“ (S.9 im ersten Satz des Buches) nicht gewinnen. Die Metapher des Färbens ist kein leeres Versprechen, sondern weist auf die Kunst in der Breite einer Farbpalette, im Panorama des Regenbogens, fast könnte man diesen artistischen Akt bis zur Titel-Genitivmetapher des zuletzt geschienenen Romans „Die Wasser unserer Träume“ (2016) als Wasserfarben der Träume weiterdenken.

Jedes im Gesamtwerk entfaltete „Ereignis“ kann in dieser Pole komplementär zusammenfassenden Poetologie strukturell wiedergefunden werden, jedes mit dieser Sensibilität der Wahrnehmungskunst gewonnene Phänomen wird zu einem Sprach-Erlebnis, aus jeder Szene gewinnt die Ich-Erzählerin eine abenteuerliche Wort-Schatz-Suche. Lebens- und Erkenntnisziel dieser philosophischen Poetin oder poetischen Philosophin ist die Sprache Deutsch in Form einer Schriftlichkeit, in der die Buchstaben dominieren. Deren Wirkung entfaltet sich als ‚ein Gewirk aus Bewegungen, Tönen, Gerüchen, Kopf- und Körperhaltungen, aus Augenblicken, Augenfarben, Mundregionen und Wangenleuchten‚ (S.92). Vorzugsweise in Gedichten sieht die Sprachkünstlerin ‚Wörter-Singversuche‘ (vgl. S.27), die im Organisch-Leiblichen verankert sind. Diese subjektiv aufgeladene Gattung bedeutet aber in ihrer Nähe zu politischen Liedern ein Widerstandssignal:

Sprechen war zu Haus immer ein Widersprechen gewesen.“ (S.111), „Die Sagbarkeit der Gefühle. Die Sagbarkeit der Bilder. […] Ein Aufbäumen gegen das Untersagen, gegen das Verbot.“ (S.112)

Die kritische Energie der deutschen Sprache als der zweiten Sprache, der anderen Sprache vermag die Grenzen des Ersten, des Eigenen, des Erbens aufzudecken. Gleichsam in einer „Atemwende“ erfährt die lernende Sprecherin einen „Ausfall der Stimme“ und damit die Notwendigkeit eines Neuanfangs als Ausbruch aus der Grenzen der Geburt als des schweren Erbes: „Die deutsche Sprache führte mich zielgenau an alle Lücken des ersten Lebens heran.“ (S.110)

Was sind diese „Lücken“, die Wunden, auf die unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird? An einem Beispiel soll der Zusammenhang im poetologischen Verfahren, das die 19 Kapitel durchdringt, gezeigt werden. Es ist das zentrale Motiv des „Unterwegsseins“ als Bewegung von der Herkunft aus unsagbaren, das Verstummen provozierenden Lebensbedingungen zur „Ankunft in Wörtern“, immer gleichzeitig als äußere und innere Bewegung in Raum und Zeit:

1) Unterwegssein als Befreiung zum Lebenssinn:

Wir Kinder sahen es ohnehin nur als Unterwegssein an.“

Der Weggang der Mutter zum Arbeiten nach Deutschland wird kritisch nicht unter dem Terminus „Gastarbeiterin“ gefasst, sondern als eine Frau, die sich „auf die Reise gemacht“ hatte, deren „Fortgehen ihr die einzige Möglichkeit bot, für etwas anderes als für die Tradition, Ehre, Hab und Gut, für die Felder und die Sittengefühle ihrer Familie zu leben“ (S.20) Im Essayband von 2019 „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseisener Begriffe“ im philosophischen Verlag Matthes & Seitz sind diese ausbuchstabiert als Doppelung: „der Hunger des Magens und der Hunger der Sehnsucht nach einem anderen Leben, der andere Hunger, der über allem stehende Hunger nach Freiheit“ (S.165).

2) Unterwegssein als Befreiung der inneren Stimme:

In keiner anderen Sprache kann ich mir vorstellen, daß selbst die Stimme nur ein Unterwegssein ist, in einem inneren Wandergebiet, dessen Grenzen ich mir selbst ausgedacht habe“ (S.22)

3) Unterwegssein als Befreiung zur offenen Perspektive:

Jugoslawien war zusammengebrochen, noch bevor ich eine Frau geworden bin, mitten in meinem Unterwegssein als Mensch, und durch diese Veränderung verschob sich auch mein Heimatgefühl, das Zuhausesein in Menschen und Landschaften, immer mehr auf eine Luftperspektive.“ (S.96)

4) Unterwegssein als Befreiung zum Überblick:

Das fortwährende Gehen, das Unterwegssein machte alle diese Lebensbewegungen sichtbar.“ (S.98)

5) Unterwegssein als Befreiung zum Energiegewinn:

Das Unterwegssein wärmte mich“ (S.102).

Nun liegt die Kunst der Autorin nicht nur im Schreiben, sondern vor allem auch im Lesen. Ihre Lektüre ist unerschöpflich, dabei unprätentiös und immer integriert vermittelt, z.B. „Danilo Kiš notierte einmal, jeder Mensch sei ein Stern für sich. Um dieses Sternsein zu verstehen, muß man bereit sein, die engen Zäune der eigenen Biographie zu verlassen und sich weiter ins Offene, zu denken. Unser Wohnort ist der Kosmos, nicht unsere Wohnung.“ (S.98)

So möchte man mit der Ich-Erzählerin unterwegs sein in ihrem Bücher-Kosmos, um bei Victor Hugo „das tiefe Staunen der Sterne“ (S.73) und bei Maurice Maeterlinck „Reste der Offenbarung oder Mitteilung der Sterne“ (S.97) zu vertiefen. Aber man möchte sich auch mit ihr gleichzeitig in die „Parallelwelten“ (S.91) der Physik und das aktuell die Philosophie umtreibende Konzept einer ‚Kognition der Emotion‘ entführen lassen: „Der Verstand gibt auf. Alles auf einmal zu denken vermag er nicht. Aber das Herz, ein Organ der Seele, hält all den Widersprüchen, Widrigkeiten, aller Verlorenheit und Gegenwart, allem Gehenden und Kommenden stand.“ (S.91)

Stand-Halten – das ist das Motto der Autorin, sie leistet diese Haltung auf den Ebenen des Poetischen, Philosophischen und Politischen, weil sie eine literarische Psychologie ‚auf einmal‘ entwickelt.

Also, fassen Sie sich ein Herz und seien Sie unterwegs in diesem Kosmos als neuem Lese- und Lebensraum. Wagen Sie den Aufbruch in das Abenteuer, mit dem wir an den Namensgeber des Preises, Walter Hasenclever, erinnern.

(Zum Rückbezug auf Walter Hasenclever hatte ich die Gelegenheit, in „literaturkritik.de“ (Ausgabe 01-2020) anlässlich der 100-Jahresfeier des Erscheinens der „Menschheitsdämmerung“ unter dem Titel „Das Abenteuer des Expressionismus. Unterwegssein mit und in Walter Hasenclevers Gedichten“ eine Ergänzung vorzustellen. https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=26398)

Maria Behre, 18.02.2020


 


„Tito ist tot: Erzählungen“

Frankfurt: Suhrkamp; Auflage: 3 (1. Januar 2002), auch erhältlich als Taschenbuch

Die Geschichten dieser Autorin, die mit zehn Jahren aus Kroatien nach Deutschland kam, behandeln zentral die Frage: Welche Art von Leben möchte ich leben?

Genauer: Was ist ein erfülltes Leben voller Glück und Liebe? (S. 35 und 51)

Dabei geht sie häufig von Erlebnissen aus, die eine Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte prägen und einen Wunsch wach werden lassen: Ich muss in einem anderen Land leben, um Freiheit und Entwicklung erfahren zu können, auch mit der Gewissheit, dass ich nie von meinen Wurzeln loskomme. Meine Heimat gibt mir das Gespür für Natur, Familie, Reflexion, aber zur individuellen Entfaltung komme ich nur, wenn ich den Mut zur Trennung und Lösung finde. Einen anderen Weg lässt die herrschende Gewalt und vielfältige Begrenztheit der kroatischen Heimat nicht zu.

Die Kernaussagen und Kernthemen der 24 Erzählungen lassen sich in sieben Thesen zusammenfassen:

1. Bei der prägenden Einsamkeit des Menschen gibt es keine wirkliche Aussicht auf Veränderung! Die Wärme, die wir manchmal bei unseren Eltern oder dem Großvater spüren, bleibt in einer an einigen Stellen fast archaischen Dorf-Welt nur ein flüchtiges Phänomen. Jeder und jede bleibt letztlich allein, das flüchtige Glück des Sommerlichtes ist nur um den Preis der Flucht aus der Realität zu haben.

2. Der Tod spielt in Krieg und Frieden eine Hauptrolle im menschlichen Leben. Schon die Titel mehrerer Geschichten weisen auf das Sterben und die menschliche Vergänglichkeit hin. Die Erzählerin erlebt die ständige Nähe des Todes als ausweglos. Nur durch die Sprache und die Fantasie ist diese permanente Drohung aushaltbar. Die Atmosphäre der Ausweglosigkeit geht dabei oft von Menschen aus, auch von sogenannten religiösen Menschen, die einen Gott der Freiheit nicht kennen.

3. Wir erleben Gewalt und Grausamkeit zu allen Zeiten und in allen politischen Systemen, die sich nicht wirklich signifikant voneinander unterscheiden. Auch die dörflichen Strukturen spiegeln das schonungslose materialistische Umgehen der Menschen miteinander. So bleibt auch die Liebe stets flüchtig, ja sogar oft besonders schmerzhaft, weil sie nicht von Dauer ist.

4. Die Gesichter der Diktatoren wechseln, die Unterdrückung bleibt. Wir grenzen zu oft Menschen in unserer Umgebung aus, überraschende Fähigkeiten und Begabungen anderer sind verdächtig und wecken bei Einzelnen den Wunsch nach negativer Legendenbildung. Die gewünschte Gleichheit ist der verbindliche Wert für alle, nicht die individuelle Freiheit.

5. Die Religion, hier der katholische Glaube, ändert nichts an der Traurigkeit und Perspektivlosigkeit menschlicher Existenz. Die Priester sind keine barmherzigen Stellvertreter Gottes auf Erden, der Zwang zur Beichte weckt Angst und Beklemmung, es gibt im vorgeschriebenen Glauben nur Zwänge und Bedrohung, keine Perspektive der Freiheit.

6. Viele Menschen erfassen und reflektieren aufgrund ihrer Einfachheit und ihrer mangelhaften Bildung ihr Schicksal nicht. Also bleibt nur die Flucht in ein anderes Land, um Möglichkeiten der Bildung und individuellen Emanzipation erfahren zu können. Sachliche Aufklärung über zum Beispiel naturwissenschaftliche Phänomene oder politische Irrwege fehlt, der Manipulation von Menschen ist deshalb Tür und Tor geöffnet. Nur die Herzenswärme des Großvaters vermag Hoffnung zu vermitteln. Aber auch er war und ist Opfer militärischer Rücksichtslosigkeit.

7. Erzählen bedeutet für die Autorin auch, an einzelne tapfere Menschen zu erinnern, auch wenn diese Erinnerung voller erschreckender Erlebnisse ist. Es gibt den Widerstand gegen Unmenschlichkeit und wahnsinnige Befehle, aber die handelnden Menschen können daraus keine Konsequenzen ziehen, die die Gesellschaft durchgreifend verändern. Der Sinn für Licht und Ästhetik bleibt individuell.

Zur ersten literaturgeschichtlichen Einordnung dieser Erzählungen, die knapp 20 Jahre alt sind:

An wen erinnert das Schreiben dieser Autorin?

Wenn ich von einfachen, oft sprachlosen Menschen lese, dann bin ich bei PETER BICHSEL, der keine Grausamkeiten des Krieges benennt, aber die Ausweglosigkeiten hart arbeitender Menschen mit lakonischer Sprache beschreibt. Es bleibt dann oft nur der Weg in die Fantasie um den Preis, zum gesellschaftlichen Außenseiter zu werden. EIN TISCH IST EIN TISCH könnte von MARICA BODROZIC geschrieben sein: Die Freude an Ästhetik und Sprachspiel führt nicht zu einer durchgreifenden Änderung, sondern zu noch stärkerer Vereinsamung. Die Farben der Heimat eröffnen einen Blick auf Schönheit, der aber für die Autorin stets Momentaufnahme bleibt. Deshalb die Melancholie, die alle Erzählungen bestimmt. Woher soll ein Mensch die Energie zum inneren und äußeren Aufbruch beziehen?

DIE ERFINDUNG DES LEBENS von ORTHEIL beschreibt die Situation eines stummen Kindes, das Hilflosigkeit erlebt. Bei BODROZIC erleben wir die Perspektive eines Mädchens, das sich gleichfalls ausgeliefert fühlt. Wärme und Menschlichkeit ist bei beiden Autoren spürbar, wenn es um das Handeln der Eltern und ihrer Hilfe für das Kind geht. Bei ORTHEIL führt das Weggehen des Protagonisten nach Rom nach dem Abitur zur Selbstfindung, eine Entwicklung der Loslösung, die in diesen frühen Erzählungen der Autorin angedeutet wird.

Die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und der Auseinandersetzungen nach Titos Tod auf dem Balkan erinnern an MARQUEZ, der am Beispiel des Dorfes MACONDO den täglich erlebten Terror der Menschen beschreibt. Das Bild des Diktators findet sich in DER GENERAL IN SEINEM LABYRINTH. Viele Personen der vorliegenden Erzählungen verlieren gleichfalls die Orientierung und irren in einem Labyrinth umher, erfahren keine mitmenschliche Hilfe. Oft kehren sie als geschlagene Individuen in ihre Heimat zurück, sie trinken, werden nicht mehr akzeptiert, bleiben allein.

Sind diese Erzählungen dystopisch, weil von hartgesottenen Parteigängern und dem großen Bruder die Rede ist? Weil der unausweichliche Krieg nichts und niemanden verbindet? (S. 10 und 11) Weil die Diktatoren die Fakten verfälschen und das Rot des Todes als Farbe einer Blume vermitteln? (S.15) Ich entdecke im Gegensatz zum Klappentext der Taschenbuchausgabe keine „beschützende Hand“! TITO IST TOT endet mit dem Sterben des Großvaters, der die Grausamkeiten des Partisanenkriegs erlebt hatte und dem jetzt wenigstens die Brutalität ethnischer Auseinandersetzungen erspart bleibt.

Die Sprache der Autorin ist in Teilen wunderbar: Empfindsam, genau, persönlich. Ein Beispiel ist die Titelerzählung: „Umsonst habe er im Zweiten Weltkrieg den Soldaten die Suppe gekocht, weil er dachte, das sei der letzte Krieg, zumindest für die nächsten hundert Jahre.“ (S.9) Mit diesem Satz wird die Hoffnungslosigkeit der politischen Situation auf dem Balkan ausgedrückt. Der Großvater zeigte Zivilcourage er wehrte sich gegen unmenschliche Befehle. Aber das bleibt folgenlos: Der Kommandant erschießt im zweiten Weltkrieg die Gefangenen, mit Titos Herrschaft enden vorübergehend die Grausamkeiten, aber der Großvater ahnt das kommende Unglück. Rache, nicht Vergebung charakterisiert das Leben und die Handlungsmotive der Menschen.

Das seelisch überforderte Kind als Erzähler antwortet auf diese resignative Situation im Dorf und im Land mit erfundenen Geschichten, gute Genossen und Jesus geraten dabei durcheinander, das Fazit lautet: „…in jedem Dorf gibt es schroffe, herzlose Menschen.“ (S.13)

Die neuen Herrscher nach Titos Tod haben lächerliche Namen, und das einzig Positive am schmerzlichen Tod des Großvaters ist der Zeitpunkt: Er musste nicht mehr mit den neuen Potentaten vertraut werden! Für den Leser bleibt es ein Glück, diese Menschen und diese Fantasie kennengelernt zu haben.

Axel Schneider, 18.02.2020

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