Ludwig Harig für Peter Rühmkorf

Aus der Laudatio von Ludwig Harig für Peter Rühmkorf
(WHG-Jahrbuch 1997 S. 61 f.)

Zwiegesichtiger Vogel

Zwei Zeilen Zähne, eine Handvoll Worte,
du ziehst den Scheitel, ich bestelle mein Papier:
Die Lettern steigen vor der Sommerborte
In den geweißten Himmel über mir.

Du fragst, wer mir den krummen Kurs beschriebe,
und was an Wollust zu erwarten sei – ? –
Ein zwiegesichtiger Vogel, meine Liebe,
leiht mir den Flügel und den Bug von Blei.

Oh Freude, die du nennst …
Der Blick gerinnt, der Berg erstarrt im Sprunge,
ich raschle planlos mit der Lorbeerzunge.

und sattle mein papierenes Gespenst.
Zu Flug und Fall, zum Andiewolkenstreifen,
zum Tiefundschwerhinab – die Doppelschnäbel pfeifen.

Flügel aus Federn, Leib aus Blei, das Schweben und das Fallen, das Streifen an die Wolken und das Stürzen ins Bodenlose: Der Dichter Rühmkorf wendet sich vom Himmel in die tiefsten Klüfte, krempelt sich selbst dabei um und hebt sein zurechtgezimmertes Weltgerüst aus den Angeln. Das schlichte Umwandeln ist zum Umtaufen, zum Umwerten geworden.
Der Dichter zieht dem schnöden Sein den schnöden Schein vor, die poetische Lüge der kruden Wahrheit.

Reine Wahrheit, ewig und unsäglich,
irrt im Kreise, weil sie nie bewirkt.
Komm, so links wie nötig und so hoch wie möglich,
Harmonie ist Kunst, und die schon halb getürkt.

dichtet Rühmkorf und zweifelt sogar an Platos und Nietzsches Umwertungsdenken, dem allerdings Preisstifter Hasenclever in seinem Drama Die Menschen noch radikal nachfolgt.
Er wirft das Unumstößliche über den Haufen, schreibt das Festgelegte um – und stürzt ein scheinbar unwiderrufliches Moralgesetz.
In Hasenclevers Theaterstück ist nicht der Täter der Schuldige, sondern das Opfer.
Zeit ist heute, Schauplatz ist die Welt, Personen sind Gute und Böse, Mörder und Pfarrer, Ärzte und Wirte, sind Menschen, von denen einer sagt: Wir sind Menschen!
Dieser Mensch, ein paradoxes, ein irrationales Wesen, ist Rühmkorfs Zeitgenosse.
Doch das Eindeutige, auch das ungetaufte, umgewertete Eindeutige bleibt nicht sein Standpunkt, auf den er den Zeitgenossen stellt, unverrückbar, unveränderbar.
Unter seiner Feder wird das Eindeutige doppeldeutig, doppelsinnig, doppelwertig. […]
Doch seine dialektische Methode ist nicht auf einer den Sachen innewohnenden Gegensätzlichkeit begründet, sondern auf Widersprüchlichkeiten innerhalb der Wortbedeutung, oft auf Anspielungen, aus denen sich philosophischer Sprachwitz ergibt.
Sich gegenüber stehen nicht ausgemergelte Begriffe gleichwertiger Denkkategorien, es streiten im selben Satz soziologische gegen grammatische, physikalische gegen medizinische Begriffe, Anlässe gegen Auslassungen, Druckmittel gegen Ausdrucksmittel.

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