Lutz Hagestedt für Ralf Rothmann

Aus der Laudatio von Lutz Hagestedt für Ralf Rothmann
(WHG-Jahrbuch2010/2011, S. 19 f.)

Ralf Rothmann schildert eine Welt, in der das Soziale nicht auf schöne, allenfalls auf bitter-schöne Weise zur Darstellung kommt.
Gescheiterte Existenzen, Sozialfälle, trübselige Milieus, Stadtproletariat, Edelpenner: ‚Kropp-zeug zu Kroppzeug’ (Flieh, 248), wie es einmal heißt.
Aber mit welcher Liebe und Vollkommenheit erzählt er und mit welch untrüglicher Milieukennt-nis zeigt er uns die Brüche auf, die quer durch die Gesellschaft verlaufen, durch die sozialen Räume, die Familien, die Quartiere in den Städten, die Arbeitsverhältnisse,
und mit welcher Menschenkenntnis zeigt er uns auch die inneren Brüche, die Risse durch die Person, durch die Paarbeziehung, durch das Weltbild, das man sich einmal zurechtgelegt hat.
Eine scheinbar kalte, brutale Welt, völlig illusionslos, und zugleich eine warmherzige Welt, ge-tragen von Sorge und Fürsorge. Denn diese Welt ist bevölkert von Helferfiguren wie Lolly, dem Nachbarn von Tante Wolle, der der Lebensmut genommen ward, als Mimmilein, die geliebte Katze, verschwand. Lolly sorgt für Ersatz, für Lebensqualität mithin – und diese nachbarschaft-liche Hilfe ist voller Schönheit, ein fürsorglicher Tagtraum quasi, eine hauchzarte Wunscherfül-lungsfantasie.
Rothmann beschreibt ‚die Jahre, die Ihr kennt’ und die Verhältnisse, die Ihr nicht kennt.
Eine Welt, in der mit harten Bandagen gekämpft wird und in der die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr überall greifen.
Aber man hat nicht das Gefühl, dass diese Gesellschaft am Ende wäre, sich selbst abschaffen wollte. Im Gegenteil spricht Vitalität aus der Morbidität, wird Sorge getragen für diejenigen, die es allein nicht mehr schaffen.
[…]
Ralf Rothmann ist ein Poet, der aus bildungsfernen Schichten stammt, der wie sein Erzähler des Romans Feuer brennt nicht (2009) aus der Welt der Gewerke, der Großküchen und Bau-betriebe berichtet. In dieser engen Welt gilt er als Träumer, als ‚Geistesabwesender’, als Spin-ner, der als einzige Autorität die Literatur akzeptiert.
Und folglich zielt er auf die andere, die weite Welt der Literatur, die Welt der anderen, freieren Lebensentwürfe. Um in dieser Welt der Literatur bestehen zu können, bedarf es der
besonderen Ermutigung, gerade dann, wenn man aus einer Welt ohne Kunst, einer Welt ohne Literatur zu erzählen hat. […]
Denn durch Erzählung gewinnt der eigene Lebenslauf, der ja von Zufällen und Ereignissen geprägt ist, auf die das Subjekt keinen oder nur bedingten Einfluss hat, an Konsistenz:
Das Zufällige, das Gewöhnliche, das Ungewöhnliche wird in der Erzählung das Schlüssige, weil sich hier eins aus dem anderen ergibt.
Erzählung erfüllt das Leben mit Sinn, und darin liegt ‚eine überzeugende Präsentation von Ordnung’ (Niklas Luhmann in: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 94).
[…]
Literaturpreise, insbesondere solche, die dotiert sind, sollen es dem Autor ermöglichen, sich der Muße und Traumarbeit hinzugeben und ‚das Alltägliche im besten Sinn’ zu tun, nämlich am Werk zu arbeiten. Sie, die Preise, haben darüber hinaus für uns alle eine eminent soziale Bedeutung. Sie sind im besten Falle eine willkommene, fast ideale Möglichkeit, dem Autor etwas zurückzugeben: ihn für das Leseglück zu ehren, das wir durch ihn erfahren haben.
Unsere Begeisterung überträgt sich jedoch nicht, wenn wir dem Autor bloß passable Buchumsätze bescheren. Nein, wir Leser wollen ihn gelegentlich auf feiern dürfen, uns öffentlich zu ihm bekennen, uns gegenseitig der Wertschätzung versichern, die sein Werk bei uns genießt.
Der Walter-Hasenclever-Preis hat sich in seiner kurzen Preisgeschichte bereits hervorragend etabliert. Viele der Preisträger haben sich auch für andere Preise empfohlen:
Darmstadt! Schau auf diesen Preis, auf dass wir unseren Preisträger bald wieder feiern dürfen.
Stockholm! Gewähre Muße für die Traumarbeit an diesem einzigartigen Werk!

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