Marica Bodrožić ist Walter-Hasenclever-Literaturpreisträgerin 2020

Ankunft im Wort.

Unterwegssein in Europa

 

 

Die deutsche Autorin kroatischer Abstammung steht mit ihrem Leben und Werk für einen Fokus auf Mittel-Europa. Sie äußert sich als eine echte Europäerin, die die deutsche Sprache für sich entdeckt hat, aber immer mehrsprachig, neben kroatisch auch französisch und englisch, arbeitet. Sie verkörpert das „Grenzgänger“-Sein in einem modernen Europa. Das Eigene wird dadurch gerade im zunächst Fremden, Anderen entdeckt und zum Ausdruck gebracht.

Dabei stellt sich die Autorin auch der aktuellen Identitätsfrage. Sie definiert Heimat nicht nostalgisch, sondern als eine Verpflichtung zum „Unterwegssein“ in eine „Zukunft“, eine „Ankunft in Wörtern“. Ihre Perspektive liegt dabei in einer „Schriftzukunft“, die die „Umzäunung der Biographie“ auflöst. Diese Lebens- und Lesebewegung gestaltet sie in der Spannung zwischen den metaphorischen Polen „Sterne erben“ und „Sterne färben“, das Erbe ist ein Auftrag zur selbstständigen Weiterentwicklung in aller Farbigkeit, Individualität, Pluralität und Diversität von Möglichkeiten.

Der Titel des jüngst erschienenen Werkes, „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe“ (April 2019) offenbart den Ernst und Anspruch ihrer Arbeit an der Sprache, in der das Poetische als Kategorie sowohl des Philosophischen als auch des Politischen entfaltet wird. Aus der Sprachkritik heraus, dass bestimmte Schlagworte alles verfestigen und sogar als Hate Speech zerstören, entstehen neue produktive Ansätze zu offenem Denken zu Fragen der Gegenwart. Dazu gehören die drei Aspekte: der Pazifismus auf der Basis des schonungslosen Berichtens vom Krieg, das Psychologische als Verortung des Seelischen im Erzählen der verletzlichen Körper, das Erwachen der Frauen aus engen Strukturen. Ihre sprachlichen Ausdrucksformen umfassen alle Gattungen: vom Gedicht über Erzählungen und Romantrilogien bis zu Essays und Poetikvorlesungen.

Marica Bodrožić ist eine erfahrene, anerkannte Frau des Wortes, die sich auf einem geistigen Weg sieht, der aber immer geerdet ist in den biographischen, nie biographistischen Erfahrungen einer modernen Frau, die sich als Europäerin wahrnimmt und formuliert: „Der Europäer ist ein Mensch mit Erinnerungen“, von der Herkunft zu einer Ankunft in der Zukunft.

Diese Hoffnungsperspektive verortet die Autorin in einem Rückbezug auf eine Poetik der „verknüpften Sinne“, die gleichzeitig eine „poetische Vernunft“ umfasst. Damit nimmt sie Bezug auf Gedanken der Romantik und des Expressionismus, in denen ihr der Appell „Komm ins Offene, Freund“ Anspruch und Ansporn zu Verbindungen von Dichten und Denken bedeutet. Mit Hannah Arendt erkennt sie in diesen Worten Friedrich Hölderlins die ‚Freiheit, aufzubrechen, wohin man will‘. Ihr „Lebenslauf“ und ihre Werkbiographie bezeugen dies.

In allen genannten Aspekten zeigt sich eine große Nähe zu Walter Hasenclevers Werk:

– in der gattungsübergreifenden Vielfalt der Ausdrucksformen, vor allem in Essays als Betrachtungen zur Zeit,

– in der Expressivität der Sprache als philosophisch-politisch-psychologischem Medium des Pazifismus verpflichtet,

– in dem ethischen Anspruch aus der Vergangenheit für die Zukunft Europas.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.