Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz
Aus ihrer Dankrede zum Walter-Hasenclever-Preis 2002
(WHG-Jahrbuch 2002–2004, S. 91)

In der Festgefahrenheit des deutschsprachigen Stadttheaters als Regietheater ist dieses Theater Bestandteil der Bewegung zum Populistischen hin oder ist schon längst Bestandteil des Populistischen. Die Behauptung vom Theater als Ort einer kritischen Gegenposition wird so zum Entlastungsritual vom Stress der Mehrheit einer Gesellschaft, die die Definition Mehrheit stets bereithalten zu müssen glaubt.Unbewusst eilfertig liefert dieses Theater dann diese Entlastung in der historisierenden Entkontextualisierung, meist des Klassikers.
Die prachtvollsten Stücke Literatur werden dann zum entfremdenden Spielmaterial der anödipalisierten Gegenbewegung, die nur diesen kleinen Umweg nimmt, bevor sie in die Gesamtbewegung einschwenkt – einschwenken muss. Wenn ich also nun in einem Lexikon lese:
‚Hasenclevers Schriften der zwanziger Jahre und des Exils fanden literaturgeschichtlich wenig Bedeutung, unter anderem wegen der zeitlichen Gebundenheit der Stoffe’,

so wird mir beschrieben, dass sich die Stücke Hasenclevers nicht zur Entkontextualisierung eignen, dass ihre Form und Sprache auf der beabsichtigten Kontextualisierung bestanden und darin die Literaturhaftigkeit nicht zu entziehen war.

Dann werden Stücke nicht mehr gespielt, vor allem nicht mehr in dem Museum Theater, das ja doch immer ein Heimatmuseum des Menschenbildes als auf Übergeordnetes verweisendes geblieben ist. Und das heißt dann ‚literaturgeschichtlich wenig Bedeutung’.
Die Wissenschaft von der Literatur wird hier zur Handlangerin von Intendanten-Entscheidungen gemacht. Literaturgeschichtlich, dächte ich, wäre hier einer anderen Bedeutung nachzugehen als der, die die Theaterpraxis nach 1945 herstellte.
Aber was ist schon zu erwarten, wenn im gleichen Lexikon geschrieben steht:

‚Exilstationen waren unter anderen England, Italien und Frankreich. Hier wurde er 1940 interniert und nahm sich angesichts des Einmarsches der Deutschen nach Frankreich, einen Tag vor der möglichen Rettung, das Leben.’

Wenn schon Lexikoneintragungen nicht ohne historisierende Entkontextualisierung auskommen – und genau auf diese Art und Weise wird das dann fortgeschrieben, im Theater und in der Unterhaltung –
‚Heute kann gesagt werden, dass einen Tag später die Rettung möglich gewesen wäre’, diese Information als Zeitadverb in den Satz zu nehmen, in dem Hasenclever Subjekt ist und das Prädikat die Selbsttötung ausdrückt, bedeutet, die heutigen Informationen auf das Subjekt zu beziehen, das damals von der Rettung einen Tag später nichts wissen konnte.

Das ist Geschichtsschreibung, schlampig ist das, das soll wohl auch dramatische Wirkung entfalten: ‚Einen Tag später wäre der Selbstmord nicht notwendig geworden.
Hätte er gewartet, hätte er durchgehalten – die Verantwortung wird dem Subjekt eines solchen Satzes zugeschoben.

Unter dem Entsetzen, das eine solche Information immer auslösen wird, watet schon die Zuweisung an das Subjekt zurück, und das ist ganz normale Textpolitik, das ist systemisch und auch hier wieder entlastend durch die Zurückverweisung an die Person, die diesen einen Tag nicht warten konnte.
Die Leser und Leserinnen können sich in dieses Zeitadverb flüchten, werden durch dieses Ineinanderverschränken der Zeitebenen entlastet, nicht anders als im Theater.

Und von diesem Beispiel ausgehend ist es eine Leistung der Texte von Walter Hasenclever, sich dem Theater entziehen zu können.

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