Martin Krumbolz für Christoph Hein

Aus der Laudatio von Martin Krumbholz für Christoph Hein
(WHG-Jahrbuch 2008/2009, S. 11 f.)

Insubordination, zu deutsch Nichtunterordnung, spielt eine wesentliche Rolle im Leben eines Mannes, der bereits als Vierzehnjähriger sein Heimatland verlässt, um in einem feindlichen Ausland – das allerdings ebenfalls Deutschland heißt – das Gymnasium zu besuchen, und der darüber später einmal schreiben wird:
Noch bevor ich dazu in der Lage war, mit ernsthaft die Frage zu stellen, ob und wie ich mich in die Gesellschaft einbringen sollte, teilte der Staat mir mit, dass er auf meine Mitarbeit keinen Wert lege und mich daher von einem weiteren Schulbesuch ausschließe.
Der Staat und die Gesellschaft brauchen alle, aber nicht jeden. […]
Sie wissen vielleicht, dass Christoph Hein sich selbst am liebsten als Humoristen, am zweitliebsten aber als Chronisten bezeichnet, und zwar – er ist nun einmal ein Pfarrerssohn und muss das partout verleugnen – als ‚Chronisten einer Botschaft’.
Ich wage das hier und jetzt zu bezweifeln.
Erst einmal hat jeder Schriftsteller sicher nicht eine, sozusagen scharf gewickelte Botschaft, aber doch eine Fülle von wichtigen kleinen Botschaften im Gepäck, sonst könnte er sich die Mühe ja sparen.
Und zweitens ist Hein zwar durchaus ein Chronist des ‚realen Sozialismus’ und der daran anschließenden Epoche, die man vielleicht mit größerem Recht als ‚Restauration’ bezeichnen kann, als man die fünfziger Jahre der BRD so bezeichnet hat.
Aber natürlich ist er auch sehr viel mehr. Der Ausdruck Chronist hat – finden Sie nicht? – fast etwas Buchhalterisches; ich vermute indessen, dass Hein mit dem Begriff ‚Chronist’ noch etwas anderes meint: nämlich die Neigung, sich hinter Erzählmasken beinahe unsichtbar zu machen.
Wenn Sie die Romane Horns Ende und Landnahme nebeneinander halten – beide beschäftigen sich mit der Frühzeit, der Gründungsgeschichte der DDR – sehen Sie diese formale Gemeinsamkeit, dass beide Romane mehrere und einander widersprechende Erzähler haben. Und beide handeln von moralischer Schuld; natürlich ist Hein ein Moralist, vielleicht ein Moralist ohne positive Moral.
Christoph Hein war 45 Jahre alt, als die DDR an ihr rühmliches Ende kam (ein bisschen rühmlich zumindest aus der Perspektive der Regimekritiker, zu denen er gehörte). Und es ist richtig, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Prosawerk Kontinuitäten gibt über den Systemwechsel hinaus; damit meine ich jetzt nicht ästhetische Kontinuitäten, sondern inhaltliche, politische. Hein ist gewiss nicht ein unerbittlicher Kritiker des einen Systems, weil er ein feuriger Anhänger des anderen wäre, so viel ist sicher.
In dem Stück Die Ritter der Tafelrunde [sagt der] Empiriker Lancelot: „Wenn der Gral auf der Welt wäre, hätte ich ihn finden müssen.“ Der junge Intellektuelle Parzival dagegen behauptet, der Gral sei „in deinem Hinterkopf“.
Das ist eine schöne Umschreibung für das, was uns im Leben antreibt, wenn wir nicht müde geworden sind wie Lancelot – der Gral ist ja eine Chiffre für Utopie. Utopien sind nicht nur etwas Schönes, sie können auch verführerisch wirken, und Verführung ist – Lessing wusste es – die wahre Gewalt.
Max Frisch [erzählte einmal] eine nette Anekdote:
Ein amerikanischer Ambassador kommt nach Leningrad und verlangt, das in der UdSSR offiziell verpönte Schwarze Quadrat des Künstlers Malewitsch zu sehen. Man zeigt es ihm. Ein schwarzes Quadrat auf weißem Feld. „Warum hängt ihr das nicht einfach neben die Gemälde des Sozialistischen Realismus“ meint der Amerikaner, „das Volk würde sehen, Malewitsch ist Quatsch.“ Aber die sowjetische Führerin korrigiert unseren Mann:
„Sie irren sich, das Volk würde nicht verstehen, wozu das schwarze Quadrat gut sein soll, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat.“
Da haben wir es wieder, das fatale Duo, die Gesellschaft und den Staat. Sie erinnern sich an Heins Sottise: Der Staat und die Gesellschaft brauchen alle, aber nicht jeden.
Christoph Hein hat sich trotzdem brauchbar gemacht.

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