Péter Esterházy für Oskar Pastior

Aus der Laudatio von  Péter Esterházy für Oskar Pastior
(WHG-Jahrbuch 2000/2001 S. 128 f.)

Feuchtwanger sagt über Hasenclever: Das Exil ist kein zufälliger Nebenumstand, es ist die Quelle seiner Werke.
Auch Pastior lebt im Exil. Dabei denke ich nicht etwa an seinen Weg aus Hermannstadt nach Berlin, obwohl auch das als eine Verbannung betrachtet werden kann, und es wäre eine Parallele zwischen dem Namensgeber und dem Empfänger des Preises. Eher denke ich an jene Selbstverbannung, die wohl die wichtigste Antriebsfeder von Pastiors Kunst ist.

Pastior hat die Sprache mit Hilfe(!) der Sprache verlassen, aus jener Sprache, die wir jeden Tag benützen, mit der wir hundert Gramm Landpastete und zwei Eintrittskarten für die Empore kaufen, mit der wir Laudationes halten und um Liebe flehen, aus dieser Sprache ist er hinausgesprungen – sie hat er verlassen, um das Ideal der Sprache kennen zu lernen, um in der Nähe der wirklichsten Wirklichkeit sein zu können. Pastior spricht in der Sprache von Finnegans’ Wake und in Chlebnikows ‚Sternensprache’.

Das Wissen von Sprache zu trennen – das könnte Pastiors Zielsetzung sein.
Die Schriftsteller haben die Bildenden Künstler und die Musiker immer schon beneidet, weil doch deren Material, die Stimme und die Farbe, für sich nichts bedeuten.
Demgegenüber bedeutet das Wort sehr wohl etwas – und das ist irreführend.
Es ist nicht angeberisch, hier Wittgenstein zu zitieren, der so etwa gesagt hat wie:
Das Wort hat keine Bedeutung, es hat nur einen Gebrauch.

Oskar Pastior ist der Großmeister des Wortgebrauchs, scherzhaft gesagt, er ist sein Revolutionär.
Es ist, als würde er anstatt „Du musst dein Leben ändern“ sagen:
„Du musst deinen Wortgebrauch ändern.“
Alles, was der Fall ist, ist Poesie.
Alles, was Poesie ist, ist eine Falle, lese ich.
Deshalb ehrt er die Wörter im höchsten Maße. Was ist ein Wort? Ein Wort ist, was ein Wörterbuch enthält, und / oder, was Pastior für ein Wort hält.
Das Unding an sich.
Dingdong van Unding / Voodoo van Ludens / Hedwig van Bottich / Nämlich van Wahrig.
Aus diesem Grund ist das schönste Buch ein Wörterbuch.
Folglich können wir unserem Dichter dann ein Vergnügen bereiten, und das möchten wir überaus gern, wenn wir seine Schriften als Wörterbücher betrachten.
Als ein Wörterbuch, aus dem wir Wörter holen können.
Was tun?
Tun / abtun kundtun betun dicketun auftun wegtun genugtun / nachtun gleichtun heimlichtun / beitun zurücktun übeltun wohltun vornehmtun umtun / antun zusammentun hintun schöntun neptun / dartun zuwidertun importun opportun / vortun grosstun nichtstun austun kattun / kleiderkattun bettkattun zitzkattun / mittun / nottun guttun zutun / dazutun und hinzutun.

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