Peter Rühmkorf: Aus der Dankrede

Foto: J. Lauer

Peter Rühmkorf

Aus seiner Dankrede zum Hasenclever-Preis 1996  (WHG-Jahrbuch 1997, S. 67–68):

„Walter Hasenclever [gehörte] auch zu den großen Anregern meiner eigenen Lehr- und Aufbruchjahre. Ich erinnere mich noch genau, wie wir uns in den späten Vierziger Jahren die Gedichte deutscher Expressionisten handschriftlich aus Bibliotheksbüchern kopierten, denn die Zeit war arm, und wir waren es auch.

Und was ich Ihnen hier hochzeige, das habe ich nicht gestern zu diesem Zwecke gemalt. Das habe ich mir als Siebzehnjähriger aus Soergels Literaturgeschichte herausgepaust: Die Köpfe von Ernst Toller und Walter Hasenclever als Dioskurenpaar auf einer gemeinsamen Spielkarte …

Geschichten aus uralten Zeiten, als in den Nachkriegseisenbahnen noch das ‚Gasglühlicht summte’ und der Mangel an Vervielfältigungsmitteln auch das Auswendiglernen und mündliche Weitersagen beförderte.

Was einen als großen Nerveneindruck erreichte, das wollte man am liebsten auch den anderen mitteilen. Was einem an schlagenden Formulierungen, ausgefallenen Bildern, schneidenden Wendungen zu Herzen ging, das wollte verbreitet und weitergetragen sein.

Und weil Gedichte so ein leichtes und bewegliches Transportgut sind, kommunizierten wir in unserem kleinen Edelkreis am liebsten über einprägsame Gedichtstrophen oder doch wenigstens einige Zeilen …

Auch der Anruf aus Aachen [in dem ich von der Preisverleihung unterrichtet wurde] hat gleich wieder an solche alten Jugendglocken erinnert.

Aber es ist nicht dies allein. Auch halb vergessene Geschichten stießen auf einmal wieder ans Licht. Bewegende Begegnungen wurden wieder wach. So zum Beispiel, dass Ende der Fünfziger Jahre der langjährige Weggefährte Walter Hasenclevers und legendäre Herausgeber der expressionistischen Lyrikanthologie ‚Menschheitsdämmerung’ – Kurt Pinthus – im Rowohlt Verlag aufkreuzte und den kleinen Lektor Rühmkorf fragte, ob diese Verse von Aufbruch und Untergang ihm noch ein Begriff seien.

Ja, sagte ich damals, nicht nur die Gedichte, sondern auch die nachgefügten Lebensläufe …

Und auch als Pinthus in den frühen Sechzigern die erste Hasenclever-Auswahl nach dem Kriege zusammenstellte, war ich als Verlagskraft für die ‚Klassische Moderne’ ein ganz klein bisschen mit von der Partie. Ich habe mir das 1963 erschienene Paperback dieser Tage noch einmal herausgeholt und meine alten Kreuze und Anstreichungen gemustert.

Wie heftig hat einen das alles auch im zweiten Durchgang noch bewegt und wie lange hat es gehalten. Wie stark war man einmal davon ergriffen gewesen und wie tief bis in die eigene lyrische Tonspur hinein hatte es einen schon in sehr frühen Zeiten geprägt …“

 

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