Preisverleihung an Michael Köhlmeier

Preisverleihung an Michael Köhlmeier

Die Veranstaltungen zur Preisverleihung 2014 begannen am 8. November im Ballsaal des Alten Kurhauses mit einer Lesung aus „Zwei Herren am Strand“, von jener ungewöhnlichen fiktionalen Freundschaft des Komikers Charlie Chaplin und des Staatsmannes Winston Churchill, die uns Zeitgeschichte erleben lassen.
Am 9. November fand am selben Ort die Preisverleihung statt. Schließlich erlebte Michael Köhlmeier am 10. November im Einhard-Gymnasium, wie sich Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen unter dem Motto „Abenteuer der Lesens und Lebens“ mit seinem Werk auseinandergesetzt hatten.
„Michael Köhlmeier ist ein Sprachkünstler, der seine Leser in den Strudel seiner vielfältigen komischen und tragischen, widersprüchlichen, irritierenden unendlichen Geschichten zieht.“
In ihrer Presseerklärung zur Bekanntgabe des neuen Hasenclever-Preisträgers fasste Barbara Schommers die Spannweite der Erzählkunst Köhlmeiers mit diesem Satz zusammen. Ob in seinen Romanen, die die großen Themen der Zeitgeschichte behandeln, oder in seinen unverwechselbaren Nacherzählungen der klassischen Sagen, biblischen Geschichten oder Shakespeare-Dramen –dieser Autor ist ein begnadeter Erzähler.
In seiner Begrüßungsansprache zur Feier der Preisverleihung hob Oberbürgermeister Marcel Philipp hervor, dass Köhlmeier im großen Bogen, den er über die europäische Literatur spanne, seine profunde Kenntnis des gesamten europäischen Literaturkanons einfließen lasse, und er setzte hinzu, dass im Umgang mit existentiellen Fragen erst die Vergemeinschaftung vieler Erfahrungen Orientierung ermögliche, dass ohne Herkunftswissen Zukunft nicht geschaffen werden könne.
Konrad Paul Liessmann hat seit sechs Jahren die Erzählkunst seines Freundes zu einer gemeinsamen philosophischen Kunstform genutzt, dem „Erzählen und Denken“ genannten Dialog, in dem der eine frei aus altem Erzählgut Themen auswählt und der andere, ebenso in freier Rede, den philosophischen Bezug herstellt, der sich im Erzählten auftut.
Anstelle einer üblichen Laudatio für den Preisträger gab es diesmal einen solchen Dialog zum Thema, dargetan an der Geschichte des Satyrs Marsyas, der mit seiner Flöte den Gott Apoll zum Wettstreit herausfordert und von dem nach Urteilsspruch der Musen erkorenen Sieger grausam bestraft wird –ihm wird bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen. Die Gesprächspartner stellten diese auf den ersten Blick grausame mythische Konfrontation von Lust und Leid unter den Kernbegriff der Kunst –Schönheit.
Maria Behre, Jurymitglied, verwies zu diesem mythischen Stoff später auf „die im Mythos entfaltete Dialektik zweier Lebenseinstellungen, … das, was seit Kierkegaard und Nietzsche das Apollinische und das Dionysische genannt wird… Trotz Apolls Sieg im Mythos bleibt die Ambivalenz von Lust und Leid als Kern des Kunstschaffens bestehen… Das Wahre liegt immer dazwischen, hier in der Bruderschaft der Gegensätze“. (literaturkritik.de)
Die Zuhörer erlebten eine philosophische und kulturwissenschaftliche Begegnung als Kunstwerk, das in der erzählerischen Gestalt und im Gehalt einmalig und somit unwiederholbar bleibt.
Der weithin über den Aachener Raum hinaus bekannte Musiker Heribert Leuchter, multi-instrumental unterwegs, Komponist und als Interpret Meister aller Musikstile, rundete er den frei gestalteten philosophisch– ideengeschichtlichen Dialog der Meister des Wortes mit seinen Improvisationen hervorragend ab.

Ich lebte in gnadenvollen Zeiten

Auszüge aus der Dankrede Michael Köhlmeiers
Nie sei eine Zeit so günstig für Verbrechen gewesen,schrieb Walter Hasenclever über seine Zeit. Wir wissen, dass er recht hatte. Es gibt Zeiten, in denen kann es sich ein Menschenleben nicht bequem machen, ohne vom Verbrechen beschmutzt zu werden –
vom Verbrechen des Verrats,
vom Verbrechen des Verschweigens,
vom Verbrechen einer mörderischen Schadenfreude,
vom Verbrechen des tatenlosen stummen Zusehens.
Wenn ich mein Leben mit dem des Walter Hasenclever vergleiche, mein Leben und die geografische Umgebung dieses Lebens, so darf ich, da ich nun 65 Jahre alt geworden bin, satt und selbstsicher behaupten: Ich lebte in gnadenvollen Zeiten.
Um ein Verbrecher zu werden, hätte ich ein Verbrecher sein müssen. Ich hätte diese Laufbahn
wählen müssen, ich hätte mich anstrengen müssen. […]
Mir hat man das Leben gelassen. Damit meine ich: Man hat es mir überlassen, wie ich lebe.
Wer auch immer dieser „man“ ist.
Dem Walter Hasenclever hat man das Leben genommen. Und wir wissen, wer dieser „man“ ist. Es waren die verdammten Nazis. Sie haben seine Bücher verbrannt, sie haben ihn vertrieben. Lange bevor er sich das Leben genommen hat, haben sie ihm das Leben genommen. Was hätte er geschrieben, wenn ihm seine Zeit nicht ein Thema diktiert hätte, wenn seine Zeit dem Verbrechen nicht günstig gewesen wäre?
Einer wie ich, der hat nicht mit der Zeit zu kämpfen, in der er lebt, mir diktiert die Zeit kein Thema. Ich darf schreiben ohne Thema. […]
Ich denke, Walter Hasenclever wusste, wofür es sich lohnt zu leben. Da sind wir bei der expressionistischsten aller Fragen angelangt.
In seinem frühen Stück Der Sohn führt er vor, wie gefährlich diese Frage ist. Denn wenn ich nicht weiß, wofür es sich lohnt zu leben, dann will ich wenigstens wissen, wofür es sich lohnt zu sterben, dann weiß ich auch, wofür es sich lohnt zu töten. Ich stelle mir das Jenseits als eine nach Ständen organisierte Siedlung vor. Da gibt es das liebliche Tal der Gärtner, und da gibt es den Hügel der Schriftsteller. Ganz oben wohnt Shakespeare. Auf dem Weg dorthin liegt irgendwo der Bungalow von Walter Hasenclever.
Ich klopfe an seine Tür – irgendwann – er öffnet, ich trete ein, stelle mich vor und sage, ich habe im November 2014 jenen Preis bekommen, der seinen Namen trägt, er bittet mich, Platz zu nehmen, und dann trinken wir einen…

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