2018

2018

Die Mitgliederversammlung 2018

am 5. Februar war verbunden mit der Neuwahl des Vorstands.
Die Wahl ergab die alte Ämterverteilung mit einem Neuzugang als Beisitzer im Vorstand: Mario Walter Johnen.
Erste Vorsitzende: Frau Dr. Barbara Schommers-Kretschmer; Zweiter Vorsitzender: Herr Dr. Walter Vennen; Schatzmeisterin: Frau Dr. Stephanie Wolff-Rohé; Schriftführerin: Frau Miriam Trutnau geb. Steinig; Beisitzerinnen und Beisitzer: Frau Dr. Maria Behre, Frau Dr. Raffaele Louis und Mario Walter Johnen.

Die bisherige und neue Vorsitzende gibt für das kommende Jahr das neue Motto „Hasenclever wissenschaftlich“ bekannt. Es soll mit dem Ziel verbunden sein, Forschungen über Hasenclever anzuregen, da Hasenclever nach ihrer Wahrnehmung in der heutigen Forschung nicht mehr vorkommt.

Dazu will sie Kontakte zum Germanistischen Institut der RWTH, zu anderen Hochschulen und zum Deutschen Literaturarchiv Marbach herstellen.

Infolge der finanziellen Belastung der Gesellschaft soll davon abgesehen werden, wieder am „Literarischen Sommer“ teilzunehmen. Dafür soll Hasenclevers Geburtstag wie immer gefeiert werden, am Vereinstag „Ehrenwert“ teilgenommen und die Preisverleihung im November ausgerichtet werden.

Äußerlich betont schlicht präsentiert die Vorsitzende der Gesellschaft als Herausgeberin das neue Jahrbuch mit neuem Titel Walter Hasenclever im Kontext, der das Motto „Hasenclever heute“ variiert.
Der Chronistenpflicht kommt der Band mit der Wiedergabe der Reden zur Preisverleihung an Jenny Erpenbeck nach.
Erfreulich sind die jungen Stimmen dazu aus der Literaturpreis-AG des Einhard-Gymnasiums.
Erfreulich klar ist auch im Beitrag von Olaf Müller die Einreihung des Walter-Hasenclever-Preises in die „renommierten“ Preise wie den Karlspreis, den Orden wider den tierischen Ernst oder die Auszeichnungen im Rahmen der CHIO. Der Leiter des Aachener Kulturbetriebs unterstreicht in seinem Gastbeitrag die dahinter stehende Motivation:
„Das Pekuniäre stand nicht im Mittelpunkt der Auslobung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen, sondern das ehrliche, offene und kritische Bemühen, an Walter Hasenclever zu erinnern.“

Einer Reihe von bereits andernorts veröffentlichten Texten stehen echte Neuentdeckungen der Hasencleverforschung gegenüber, nämlich drei Originaltexte von Hasenclever selbst, die jetzt den „Sämtlichen Werken“ hinzugefügt werden können, und ein großes Interview mit Hasenclever aus der Zeitschrift COMŒDIA von 1927.
Die andere „Neuentdeckung“ war – im Bericht über Hasenclevers letzte Ruhestätte – das heutige Les Milles als Erlebnis einer Ehrung Hasenclevers in Südfrankreich, von der sich auch die Geburtsstadt Aachen ‚eine Scheibe abschneiden könnte‘ – und sollte.

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträger 2018:

Robert Menasse
Wie üblich wurde im Februar bekannt gegeben, wer den Walter-Hasenclever-Literaturpreis des Jahres zugesprochen bekommen sollte, der dann im November in einer dreitägigen Veranstaltungen verliehen werden sollte.

Die Jury, in Person ihrer Vorsitzenden Dr. Barbara Schommers, gab bekannt:

Der österreichische Schriftsteller Dr. Robert Menasse wird Walter-Hasenclever-Preisträger des Jahres 2018.

Zu Unrecht wird der in Wien lebende Autor von Romanen, Essays, kulturtheoretischen und politischen Schriften auf die europaweit diskutierte Publikation Die Hauptstadt reduziert. Er ist nicht nur ein Visionär Europas.
Sein Romanwerk umfasst sowohl die Beschäftigung mit der Vergangenheit der ideologischen Lager als auch geschichtsphilosophische Auseinandersetzungen und solche mit seinen jüdischen Wurzeln. Grundtenor seiner schriftstellerischen Botschaften ist die Forderung, sich mit dem „zerstörerischen Verfall der Scham“ auseinander zu setzen:
Es wird sich bald entscheiden müssen, ob auf diesem Kontinent in Zukunft Menschenrecht oder wieder Faustrecht herrscht.“

Als die Jury des Hasenclever-Literaturpreises sich für ihn als Preisträger entschied, war er medienbekannt vor allem durch seine aufrüttelnden Reden zu Europa vor dem Europäischen Parlament und vor dem Deutschen Bundestag.
Unter den zahlreichen Auszeichnungen waren der Grimmelshausen-Preis (1999), der Lion-Feuchtwanger-Preis der Berliner Akademie der Künste (2002), der Erich-Fried-Preis (2003), der Österreichische Kunstpreis für Literatur (2012), der Heinrich-Mann-Preis (2013), der Max-Frisch-Preis (2014)der Prix du Livre Européen (2015) und der Deutsche Buchpreis (2017).

Die Lesung

Die übliche Lesung am Vorabend der Preisverleihung  fand am 17. November im „Space“ des Ludwig Forums für Moderne Kunst statt. Robert Menasse hatte sich für sein Werk „Die Vertreibung aus der Hölle“ entschieden – ein Werk, das die Literaturkritikerin Iris Radisch mit der Lebensbeschreibung des Rabbis Menasseh Ben Israel „einen Glücksfall literarischer Ahnenforschung“ nannte –und erzeugte geschickt die Spannung, die sich mit der behaupteten Entdeckung von ehemaligen Nationalsozialisten in der Lehrerschaft einer Jubel-Abiturientia aufbaute, damit Heuchelei, Verdrängung, Selbstbelügen offenbarend.

 

Die Verleihung des Literaturpreises der Stadt Aachen

Auf Menasses Grundvorstellungen zu Europa bezog sich Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp in seinem sehr bemerkenswerten Grußwort auch in erster Linie:

„Am vergangenen Samstag wurde in 25 Ländern Europas in 200 Institutionen und Bürgergruppen […] in 30 verschiedenen Sprachen das von Ulrike Guérot und Robert Menasse verfasste Manifest zur Proklamation einer Europäischen Republik verlesen.   Auch in unserer Stadt beteiligte sich das Theater Aachen an dieser symbolischen Neugründung Europas.  Ich bin überzeugt: Wir brauchen viele solcher Initiativen, viele solcher Symbolaktionen, um aus der Starre der Europäischen Bewegung wieder herauszukommen. Deshalb sympathisiere ich mit der Proklamation, mit den vielen kleinen Schritten, die getan werden, um für Europa wieder neu zu werben. Deshalb freue ich mich über die Begeisterung junger Menschen in europäischen Studenteninitiativen, über die Aktionen von Pulse of Europe und viele andere Beiträge.“

„Mit seinem Werk gibt Robert Menasse Europa wieder Hoffnung zurück.
Nach all den historischen Erfahrungen ist Europa ein Kontinent, der trotz aller Zerklüftung, trotz aller Konflikte, Kriege und Katastrophen die Hoffnung nie aufgab. Die Unaufgebbarkeit der Hoffnung ist eine europäische Tugend.
Für sie tritt Robert Menasse ein.“

Der Laudator des Preisträgers, der in Montreal lehrende Philosophie-Professor  Carlos Fraenkel, steht dieser Denkweise ebenfalls nahe.
Wie die Vorsitzende der Preisjury, Barbara Schommers-Kretschmer, in ihrer Anmoderation betonte,
„… zieht er mit Workshops in die Krisengebiete der Welt, sowohl zu politischen Konfliktparteien wie Palästinensern und Israelis als auch zu soziokulturellen Gruppen in New York. Er bringt sie zusammen, um Verständnis füreinander zu wecken, aber in einer durchaus streitbaren Debattenkultur.“

In seiner Laudatio, die in ein Gespräch mit dem Preisträger mündete, hob Carlos Fraenkel die Ambivalenzen, ja Widersprüche hervor, mit denen sich beide auf ihre Weise befassen – der Philosoph und der Schriftsteller.
Die Fragen, ob Philosophen noch die Welt erklären können, ob es den Sinn einer europäischen Geschichte gibt, die einst über die Inquisition und die Aufklärung nach Auschwitz führte, wie der Weltgeist fortschreitet – im Sinne Hegels als Selbstoffenbarung der Vernunft, oder mit Gewalt, die zu Freiheit und Gleichheit ebenso führen kann wie zu Krieg und Völkermord, schließlich die Frage nach der Schuld – und ob die Rollen von Tätern und Opfern immer sauber zu trennen sind. Damit spricht er Robert Menasse persönlich an, in Erwähnung seines Romans Die Hauptstadt, der in diesen Tagen im Mittelpunkt des Interesses an seinem Werk steht.

Robert Menasse, der ja in seinem Buch die Stadt Auschwitz zur ewigen Mahnung als europäische Hauptstadt vorschlagen lässt, mochte sich so recht nicht auf solche Grundsatzfragen einlassen. Er sei Erzähler, und davon leite er seine Aufgabe ab, sich in andere Leben hinzuversetzen.
Und zu diesem Tun gratulierte ihm der Philosoph.

Die Dankrede des Preisträgers wurde zu einem Ereignis. Die Aachener Tageszeitungen druckten sie im vollen Wortlaut ab.
Robert Menasse hatte für seine Ausführungen ein zentrales Motiv gewählt, mit dem er sich nach jedem Gedankengang selbst mahnte: „Ich muss neu beginnen!“
Seine  Auseinandersetzung mit dem immateriellen Begriff „unserer Werte“, die die eigentliche beschwörende Botschaft seiner Rede wurde, war die Nennung eben des Betrags, den Europa für Waffenlieferungen an Saudi-Arabien bekommt, das dafür mitverantwortlich ist, den Journalisten Kashoggi erschlagen und in Säure auflösen zu lassen: 5,73 Milliarden Euro:
 „Die europäischen Staaten verkauften für diesen Preis damit nicht bloß „Waren“, sie verkauften damit auch die Werte, die doch die Grundlage des europäischen Friedens– und Einigungsprojekts sind.“

Zum Schluss wirft Menasse einen Blick auf den Namensgeber seines Literaturpreises:
„Walter Hasenclever starb von eigener Hand, verzweifelt von den Weltenläuften, die diesen kreativen, sozialen, analytischen Geist in ein schwarzes Loch stießen, diesen großherzigen Freund seiner Freunde, der heiter blieb, solange es irgend ging. Er starb an einem 21. Juni in finsterer Zeit.
An einem 21. Juni wurde ich geboren, in einer Zeit der Pastellfarben. Ich hatte Glück, ich kam in Freiheit und Rechtsstaat zur Welt, in einer Zeit der schönsten Zukunftshoffnungen.“

Robert Menasse im Einhard-Gymnasium

Eine Fülle von Themen und Fragestellungen fanden die Schülerinnen und Schüler des Aachener Einhard-Gymnasiums in ihrer Monate dauernden Arbeit mit dem Roman von Robert Menasse Die Hauptstadt.
Auf dem Weg von Aachen zu dieser europäischen Hauptstadt Brüssel befassten sie sich mit Symbolen und deren Spielarten:
Dem Schwein in seiner Doppeldeutigkeit als Symbol des Glücks und diskriminierender Ausgrenzung, dem Ball als verbindendem Symbol des europäischen Teamspiels, der Suche nach dem Verlorenen, den gemeinsamen europäischen Werten, dem Soll-Zustand im Vergleich zum Ist-Zustand.
Menasse-Aussagen wurden zum Leitmotiv für Reflexion, seine Romanfiguren führten zu Orten und symbolischen Figuren, die wiederum Anlass zu Überlegungen, künstlerischer Umsetzung, Spielszenen, Dialogen, Essays wurden.

Der Preisträger war sichtlich angetan von dieser Kreativität und beantwortete im Schlussteil der Veranstaltung gern die Fragen der Schülerinnen und Schüler.

 

Gespräche mit Carlos Fraenkel

Auch über seine Laudatio hinaus war Professor Carlos Fraenkel bei den Schülerinnen und Schülern des Einhard-Gymnasiums in diesen beiden Tagen ein gesuchter Gesprächspartner,  im Ludwig-Forum wie auch nach seiner Lesung in der Buchhandlung Backhaus. Obwohl es zahlreiche Parallelen im Schicksal seiner Familie und der von Robert Menasse gab (Beider Väter wurden mit Kindertransporten vor den Nazis gerettet; Fraenkel lebte eine Zeitlang als Student in São Paulo, Menasse hatte dort eine Gastprofessur inne), war eher der unterschiedliche Zugriff beider Autoren zur Wirklichkeit und ihr Kommunikationsstil im Fokus des Interesses.

Maria Behre fasste im Jahrbuch 11 (S. 168-169) zusammen:

„Philosophie ist nach Fraenkels Ausführungen eine Debattenkultur, in der von Platon und Aristoteles her das Handwerkszeug (Organon) des Denkens reaktiviert und aktualisiert angewandt werden kann. […]
Fraenkel begegnete uns im Ludwig-Forum sofort wie ein Sokrates auf dem Marktplatz in Athen; er nahm sich Zeit, reagierte auf alle Fragen, vor allem die wichtigen, nach Tod und Liebe, und wir kamen in ein Gespräch, nicht nur über Europa, sondern wirklich über Gott und die Welt.“

Und der so Geehrte schrieb später zurück:
„Ganz besonders genossen habe ich die Begegnung und das Gespräch mit Schülern des Einhard-Gymnasiums. Das Niveau der Fragen, der Reflexion und überhaupt die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich mit den großen philosophischen Themen auseinandersetzen, hat mich sehr beeindruckt.“

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