Preisträger/innen sprechen über Hasenclever

Vorbemerkung

Wenn wir uns im Leben für Geschenke bedanken, ist es durchaus üblich, dass wir dies mit einer Geste tun, die der Art des Geschenks entspricht. Eine Auszeichnung aber ist kein Geschenk; ein Literaturpreis wird für literarisches Schaffen verliehen. Und von so Geehrten wird erwartet, dass nun der Dank so ausfällt wie der Anlass der Preisvergabe – im weitesten Sinne des Wortes literarisch.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die den Walter-Hasenclever-Preis zugesprochen bekommen, werden gleichzeitig mit der Tatsache konfrontiert, dass der Preis mit dem Namen dieses Schriftstellers aus einer ganz bestimmten Zeit verbunden ist – ein Literaturpreis mit dem Namen eines einst Verfemten in einem Terrorsystem, das Literaten verfolgte. Wie also mit den Erwartungen umgehen?

Die in den WHG-Jahrbüchern zu lesenden Dankreden zeigen (mit einer Ausnahme), dass es für die Preisträgerinnen und Preisträger in ihren Reden keinen „Pflichtteil“ für Hasenclever gibt, auch wenn sie sich hauptsächlich einem anderen Thema widmeten.
Marlene Streeruwitz, die zur Zeit ihrer Auszeichnung 2002 mit anderen Sorgen beschäftigt war – der gegenwärtigen Theaterkrise – sprach zu einem Lexikoneintrag über Hasenclever das Problem der „Entkontextualisierung“ in einer sehr lesenswerten kritischen Glosse an und band den Umgang mit seinem Werk in der Nachkriegszeit indirekt damit ein.
Friedrich Christian Delius sprach 2004 auch indirekt von Hasenclever, wenn er in seinem leidenschaftlichen Appell den unauflöslichen Zusammenhang von Literatur und Demokratie beschwor.
Herta Müller (Hasenclever-Preis 2006) nannte in ihrer eindrucksvollen Rede Hasenclever nur einmal mit Namen, um die Wirkungen von NS-Terror und ihre Beziehung zu dem SS-Mann darzustellen, der ihr Vater war – „ein Stück von dem Meister, den Celan in der Todesfuge hat.“ Damit aber galt ihre gesamte Rede auch dem Namensgeber ihres Preises.
Besonders anrührend empfanden viele Zuhörende Jenny Erpenbecks (Literaturpreis 2016) ganz aktuellen schmerzlichen Erfahrungen mit dem Tod des afrikanischen Freundes Bashir Zakaryau, der sich jahrelang um die Belange der Flüchtlinge in Berlin gekümmert hatte, und den sie mit Hasenclever und anderen in Verbindung brachte, um daran darzustellen, was es heißt, in fremder Erde begraben zu werden.
Es ist ja nicht selbstverständlich, dass die jeweils Geehrten mit dem Namen Hasenclever etwas verbinden können. George Tabori (Preisträger von 1998) bekannte in seiner Dankesrede, er habe Hasenclever vor dieser Ehrung gar nicht gekannt.
Michael Lentz (Hasenclever-Preis 2012) bewies dagegen in seiner fulminanten (einzig Hasenclever gewidmeten) Rede eine Kennerschaft, die aus dem Stand ein Universitäts-Seminar hätte ergeben können.
Seien es die Begründer der WHG, seien es die für sie arbeitenden Mitglieder oder die mit dem Literaturpreis Geehrten – für viele hat Christoph Hein (Preisträger 2008) in ganz besonderer, tief verstandener und ermutigender Weise die Aufgabe beschrieben, die die Hasenclever-Gesellschaft sich mit ihrer Arbeit um Leben und Werk des Dichters gestellt hat.
Die einzige Ausnahme – nämlich Hasenclever namentlich nicht zu nennen – erlebten die Zuhörenden in der „Dankesredelesung“ Oskar Pastiors (2000), der seinen Wasserfall von anagrammatischen Anmutungen aus der „Werkstatt für potentielle Literatur“ mit einem Dank an Hasenclever selbst schloss, den Dichter mit dem Fabelnamen ansprechend: „Meister Lampe, ich danke.“
In den meisten Dankreden vermittelte sich die oft unausgesprochene, aber spürbare innere Beziehung zu einem Mann des Wortes, der dafür lebte, was auch diese oft mit Auszeichnungen Verwöhnten mit ihm verbanden: Sie sprachen von einem der Ihren.

Peter Rühmkorf ist voller Erinnerungen an die prägende Wirkung, die Hasenclever auf ihn als literaturbegeisterten Gymnasiasten ausgeübt hatte.

 Ralf  Rothmanns Worte zu Hasenclever lassen tiefe innere Sympathie spüren. Wie Robert Menasse, der sein Leben im Vergleich zu dem Hasenclevers „pastellfarben“ nannte, betonte auch Michael Köhlmeier, in welch privilegierter Lebenssituation er seinen Schriftstellerberuf ausüben könne.

In ihrer Dankrede für den Hasenclever-Preis von 2020 fand  Marica Bodrožić in Walter Hasenclevers Leben und Werk  zahlreiche Affinitäten zu ihrem eigenen Schaffen. Sie stellte den Dichter neben andere Schriftstellerpersönlichkeiten wie Walter Benjamin.

Die auf diesen Seiten zitierten Passagen aus den Dankreden sind nur unter diesem Auswahlaspekt zusammengestellt, dass Walter Hasenclever in ihnen erwähnt und gewürdigt wird. Sie sind also keine Zusammenfassung der in sich ausgewogenen Reden, die als Ganzes gelesen werden wollen. Sie sind in den WHG-Jahrbüchern aufgezeichnet.

Mit Ausnahme des Fotos von George Tabori stammen alle Fotos von  J. Lauer, der auch die Textauswahl vornahm.

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