Preisträgerinnen und Preisträger gesehen aus den Laudationes

 

 

 

Aus berufenem Munde — Preisträgerinnen und Preisträger, gesehen in den Laudationes 

Vorbemerkungen

Die folgenden Auszüge aus den Laudationes für die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger des Walter-Hasenclever-Preises verdienen es, als Beurteilungen hochzuschätzender Literaten, Literaturwissenschaftler oder Literaturkritiker aus dem Dunkel der Jahrbuchreihe der WHG hervorzutreten. Sie ersetzen natürlich nicht die Lektüre der vollständigen jeweiligen Laudatio, stellen aber für den vergleichenden Blick so etwas wie ein Abstract dar.
Der eigene Zugang der jeweiligen Laudatores zum Werk und der Schriftstellerpersönlichkeit ist für sich interessant, weil er vielleicht neue, ungewohnte Blicke auf die Ausgezeichneten vermitteln kann.

Der Autor Ludwig Harig findet für Peter Rühmkorf eine sehr kräftige Konturierung seines Menschen- und Weltbildes – und damit gleichzeitig ein Wesensmerkmal der Poesie:
„Für den Dichter Rühmkorf ist das schlichte Umwandeln zum Umwerten geworden. Der Dichter zieht die poetische Lüge der kruden Wahrheit vor. Der Mensch als paradoxes, irrationales Wesen ist Rühmkorfs Zeitgenosse. Unter seiner Feder wird das Eindeutige doppeldeutig, doppel-sinnig, doppelwertig.“

Hans-Peter Bayerdörfer befasst sich mit George Taboris sprachlicher Beheimatung:
„Die Zweit.- bzw. Drittsprache Deutsch [ nach dem Englischen des britischen Staatsbürgers und dem Jiddischen] ist zu seiner primären Bühnensprache geworden.“
Tabori findet es gut, dass er in der deutschen Sprache dennoch Fremdling bleiben wird, der sich dadurch ein „drittes“ – feineres Ohr für die Verfremdungen und „Palimpseste“ aus anderen Sprachen bewahrt hat.
(Marica Bodrožić, die letzte Preisträgerin, hat als ihre Primärsprache das Deutsche als ihre Sprache des Unterwegsseins erkannt, ihr Kroatisch als die Sprache des ungefragten und bevormundeten Kindes.)

Péter Esterházy sieht Oskar Pastior im Exil, nicht nur nach seinem geografischen Verlassen des rumänischen Siebenbürgen: „Er hat die Alltagssprache verlassen, um „in der Nähe der wirklichsten Wirklichkeit“ sein zu können, die er mit Welimir Chlebnikow ‚Sternensprache’ nennt.“
(Der russische Avantgardist des Futurismus hatte die Universalsprache Zaun entwickelt. Wie-der kann man mit dem Begriff „Sternensprache“ an Marica Bodrožić denken.)
Für den Laudator ist ein Wort das, was Pastior dafür hält. Er ist als Großmeister des Wortgebrauchs in der Lage, das Wort so zu beherrschen wie der Musiker den Ton oder der Bildhauer den Stein, die ohne kreative Gestaltung für sich nichts sind.

Auch die nächste Preisträgerin wurde in erster Linie als eine Revolutionärin der Sprache gewürdigt. Karl Riha verwies bei Marlene Streeruwitz auf die besondere Stilform, die diese in ihren Romanen entwickelt hat: Auflösung der Hypotaxe in ausrufeähnliche parataktische Notizen, viel innerer Monolog und vor allem der Verzicht auf die Mittlerinstanz der Autorin als diejenige, die stets schon weiß, wovon sie schreibt.
(Mit dieser Stilform ist sie nicht allein: Doris Lauer (WHG-Jahrbuch 4, S. 99 f.) sah mit guter Begründung in den Romanen der Autorin Affinitäten zum modernen französischen Nouveau Roman, dessen Autorinnen und Autoren in Beobachtungen, Reaktionen und Reflexionen wie aus dem Moment heraus darstellen und damit auch nicht mehr zu wissen scheinen als die Leser/innen selbst.)

Einen interessanten Aspekt als Leserin der Werke von Friedrich Christian Delius hebt die Laudatorin Katja Lange–Müller hervor: Sie sieht die eigentliche Qualität des Preisträgers als Autor in seiner Lust zur Metamorphose. So könne sie niemals sagen, dass sie ihn nun „kenne“. Mit anderen Worten: Delius geht so in seine Figuren hinein, befragt sie, lässt sich auf Dialoge ein, dass sie durch ihr so entstehendes Eigenleben auch ihn verändern.

Norbert Otto Eke befasst sich in seiner Laudatio mit Herta Müllers Umgang mit Sprache. Wie Pastior, Tabori und Bodrožić ist auch sie in einem anderen Sprachraum als dem deutschen aufgewachsen. Wie diese hat auch sie in der Umgangssprache ihres ersten Lebensbereichs ein bestimmtes eigenes Rollenmuster übernehmen müssen, das sie als Angehörige einer deutschen Sprachminderheit zwang, wie Eke sagt, sich in der eigenen Sprache gleichsam wie eine Fremde zu bewegen. Die ständige Überwachung ließ sie den Begriff „Der fremde Blick“ prägen, von dem sie sagt: „Er kommt aus den vertrauten Dingen, deren Selbstverständlichkeit einem genommen wird.“
„In jeder Sprache sitzen andere Augen“, sagt sie in der Überschrift eines Kapitels in ihrem Buch „Der König verneigt sich und tötet“.
Das Auge hinter dem Auge“ lautet der Titel eines Buches von Marica Bodrožić.

Für Christoph Hein gilt ebenfalls, dass man seine Jugendzeit in der DDR als Lebensabschnitt absetzen muss von seinem späteren Leben als Westberliner Gymnasiast, später Arbeiter, Journalist, Buchhändler, Student, Regieassistent und Dramaturg, schließlich freier Schriftsteller. Der Laudator Martin Krumbholz betont, dass sich Hein „hinter Erzählmasken beinahe unsichtbar machen“ will. Mag sein, dass die frühen Erfahrungen des vom DDR-Regime separierten Pfarrerssohns mit dem Zwang zu Sprachgebrauch und „eigentlicher“ Aussage später in seinen Erzählstil des „Chronisten“ des Zeitgeschehens hineinspielten.

Lutz Hagestedt sieht im sozialen Milieu, aus dem Ralf Rothmann stammt, die Biosphäre seiner literarischen Gestalten. Diese Welt – eine Welt ohne Bildungsgüter, kulturelle Begegnungen oder Evasionen in Buchwelten – ist auch die Welt seiner Romane:
„In dieser engen Welt gilt er als Träumer, als ‚Spinner’, der als einzige Autorität die Literatur akzeptiert. Und folglich zielt er auf die andere, die weite Welt der anderen, freieren Lebens-entwürfe – die Welt der Literatur… Er ist ein großartiger Erzähler, der das Zufällige, das Gewöhnliche, das Ungewöhnliche zum Schlüssigen gestaltet, mit Erzählen das Leben mit Sinn füllt, wie Niklas Luhmann sagt.“

Mit Michael Lentz wurde wieder der Sprachkünstler ausgezeichnet, einer, der unter manchen Aspekten mit Oskar Pastior in Beziehung gesetzt werden kann – als einer, der Worte und Sätze zerlegt, zerbricht. Sein Laudator Stefan Porombka zu diesem Vorgang:
„Zerlegte und gebrochene Sätze, die im Moment des Zerbrechens gesprochen und zugleich neu zusammengefügt werden, … wobei diese Bewegung des Zerlegens und Wiedermischens eine neue Art von Sound erzeugt, von dem Lentz selbst wiederum bewegt wird und seine Hörer mitnimmt … Wir treten ein in eine Situation, in der alles live stattfindet und sich immer erst JETZT entscheidet, was eigentlich passiert.
Lentz führt eine empathische Gegenwartsliteratur vor.“
Mit dieser letzten Charakterisierung ist wieder ist ein Brückenschlag möglich zu Marica Bodrožić, besonders in ihrem Roman „Das Wasser unserer Träume“.

Hasenclever-Preisträger Michael Köhlmeier ist ein großer Erzähler. Sein Laudator Konrad Paul Liessmann weist insbesondere darauf hin, dass der Erzähler nicht vorliest oder abliest:
„Der Erzähler spricht frei. Seine Gedanken, seine Bilder, seine Erinnerungen verfertigen sich beim Reden.“
Die Aktualität des Moments im Erzählen ist es, die diesen Vorgang so einmalig macht:
„Und nicht selten gibt der Erzähler der Geschichte eine aktuelle Dimension, einen Hauch von Alltäglichkeit.“

Für die Laudatorin Doris Lauer findet Jenny Erpenbeck in den aktuellen Problemen der Zeit besonderes Interesse an Umbruchsituationen, in denen Gültiges aufgegeben und ein Neuanfang gewagt werden muss:
„In einem präzisen Stil und durch ungewöhnliche, starke Bilder, die jede Nuance treffen, vermittelt die Autorin allein durch die Kraft des Erzählens Begegnungen, Veränderungen, Erinnerungen, mit denen Menschen konfrontiert sind und an denen sie wachsen oder scheitern …“
Aber auch die Sprache und ihre Bedeutung für Bewusstseinsbildung ist für Jenny Erpenbeck ein wichtiges Thema. Im Roman Wörterbuch führt der Sprachaneignungsprozess eines Mädchens zu einer völlig neuen Einschätzung des bisher geliebten Vaters, und in Gehen, ging, gegangen ist der Titel selbst so etwas wie das kategoriale Sprachsymbol für Scheitern des Verstehens und des Einfindens in eine fremde Lebenswelt.
Die Verbindung mit dem ethischen Imperativ eines der ganz Großen – Albert Camus – mag Jenny Erpenbeck als eine Ehrung besonderer Art verstanden haben.

Der Philosophieprofessor Carlos Fraenkel aus Montreal hatte der Bitte entsprochen, seine Laudatio in ein Zwiegespräch mit dem Preisträger Robert Menasse einmünden zu lassen und gab daher einen von üblichen Laudationes abweichenden Bericht von Leseerfahrungen mit den Werken Menasses , die Fragen aufwarfen wie:
„Können die Philosophen die Welt noch erklären?“ –„Wer ist Täter, wer ist Opfer?“ – „Ist die These von der christlich-jüdisch geprägten europäischen Kultur überhaupt zu halten?“
Mit Frageansätzen solcher Grundsätzlichkeit hatte der so Angesprochene sichtlich seine Schwierigkeit, in das erwünschte Zwiegespräch zu kommen, und so hatten sowohl die Einführung in die Diskussion als auch der folgende Gedankenaustausch – so hörenswert er auch war – weniger mit der Kategorie „Laudatio“ zu tun.

Es sollte sich nach diesen kurzen Charakteristiken abzeichnen, dass – freilich in sehr großzügiger Vereinfachung – bei den Trägerinnen und Trägern des Hasenclever-Literaturpreises zwei Kategorien von Autor/innen auszumachen sind:

Es handelt sich eher um erzählende bzw. kritisch analysierende Auseinandersetzung mit der Gegenwartsgesellschaft oder eher um innovative Sprachgestaltung, neue Zugangswege zur Literatur.
Zu der ersten Gruppe gehören für mich George Tabori, F.C. Delius, Christoph Hein, Ralf Rothmann, Michael Köhlmeier, Jenny Erpenbeck und Robert Menasse.
In der zweiten Gruppe sehe ich Peter Rühmkorf, Oskar Pastior, Marlene Streeruwitz, Herta Müller, Michael Lentz und Marica Bodrožić.
(Diese wird erst am Ende dieses Jahres von ihrem Laudator Jürgen Trabant gewürdigt. Wie gut sie in den Kreis der Laureaten passt, sollte deutlich geworden sein.)

Und wo der Name Walter Hasenclever in den Blick rückt – dies allerdings erst durch die Entscheidung der Jury – sind wir in allen angesprochenen Details beim Thema:

Hasenclever fand eine neue Sprache in der Lyrik und als Bühnensprache –
vor allem in „Der Sohn“, „Die Menschen“ und „Jenseits“.
Er erlebte Umbruchzeiten in seiner persönlichen Biografie.
Er lebte in verschiedenen europäischen Sprachräumen.
Er erfuhr, wie Sprache verräterisch und gewalttätig sein kann – und wie sie verändern kann.
Er hatte eine Botschaft, die er als Gesellschaftskritiker und Zeitzeuge nie verleugnete.

 J. Lauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.