Galerie der Hasenclever-Preisträgerinnen und -preisträger

Die Preisträgerinnen und Preisträger des
Walter-Hasenclever-Literaturpreises
der Stadt Aachen 1996 – 2020

 

Walter-Hasenclever-Preisträger  1996

Peter Rühmkorf
(1929-2008)

Peter Rühmkorf begleitete den zeitgenössischen Kulturbetrieb und die Entwicklung der Literatur in kritischer Distanz,
aber mit intellektueller Gelassenheit und Sinn für Sprachakrobatik. Seine Dichtungen und Essays sollten für ihn sein

„ein utopischer Raum, in dem freier geatmet,
inniger empfunden,
radikaler gedacht und
zusammenhängender gefühlt
werden kann.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträger  1998

George Tabori  (1914-2007)

Der aus Ungarn stammende Schriftsteller, Dramatiker und  Regisseur George Tabori  fühlte sich Hasenclever verbunden, weil auch er zeitlebens ein Migrant geblieben war.  Doch begrüßte er dieses Leben als Fremder:

„Wer es als Schriftsteller auch nur halbwegs ernst meint, sollte sich als Fremdling fühlen gegenüber allen Gesellschaften und Nationen.
Erstens sieht man alles aus einer gewissen Distanz.
Und dann ist Schreiben – wie auch das Theater –
so unfertig wie das Leben.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträger
2000

Oskar Pastior                                                                                
(1927-2006)

Das Leben des Rumäniendeutschen Oskar Pastior war seit seiner Verschleppung in ein sowjetisches Arbeitslager zeitweise bestimmt von Zwang, Kontrolle, Angst und existentieller Unsicherheit.

Vielleicht ist sein Rückzug in eigene Welten – jenseits des als verräterisch oder verschleiernd wirkenden Aussagewerts der Sprache – in seine ganz eigene Lautpoesie mit sich verselbstständigenden Klanggebilden zum Teil auch eine Flucht vor dem In-den-Griff-Nehmen.
Doch bekannte er:

„ Genau genommen buhlen ja auch meine Texte mitsamt ihren Regelverstößen gegen das normative Denken ständig um Verständnis und Einverständnis.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträgerin   2002                                                 

Marlene Streeruwitz
(* 1950)

Die österreichische Autorin und Literaturtheoretikerin Marlene Streeruwitz wurde durch Theaterstücke bekannt, die nach den Worten der Hasenclever– und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek „gleichermaßen konkret wie vollkommen rätselhaft“ waren.
Sie schreibt mit großer Sprachdistanziertheit und Skepsis.
Für sie ist die Bedeutungsebene hinter den Worten die eigentlich bedeutungstragende Ebene.
Von dieser Erkenntnis wurde dann ihre
Formulierung geprägt:  „Der vollständige Satz ist eine Lüge.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträger  2004
Friedrich Christian Delius

(* 1943)

Der in Berlin und Rom lebende freie Schriftsteller  Friedrich Christian Delius wählte schon früh in seinen Gedichten und Essays gesellschaftskritische Themen. Auch in seinen Romanen, deren Hintergrund vorwiegend die Geschichte der Bundesrepublik ist, hat er diese Haltung bewahrt, die er dann bei der Entgegennahme des Hasenclever-Preises so zum Ausdruck brachte:

„Ohne musische Fähigkeiten gibt es keine gesellschaftlichen Fähigkeiten, ohne Emotionalität keine Vernunft. Ohne Sensorium für die Künste gibt es kein Sensorium für Demokratie, ohne die Literatur, beispielsweise, versinken wir in Barbarei.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträgerin  2006

Herta Müller
(* 1953)

Die Werke der aus Rumänien stammenden Schriftstellerin Herta Müller sind von ihrem Leben unter der Ceaucescu-Diktatur geprägt.
In ihren Romanen befasst sie sich mit Sprache als Instrument von Herrschaft und Unterdrückung,
aber auch als Mittel des inneren Widerstandes und der eigenen Kraft.
Dennoch ist die Nobelpreisträgerin von 2010 sich der Grenzen ihrer literarischer Vermittlung bewusst:

„Nachdenken, Reden, Schreiben sind und bleiben Behelfsmäßigkeiten.
Das Vorgefallene treffen werden sie nie, nicht einmal ungefähr.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträger 2008

Christoph Hein
(* 1944)

Zu seinen Möglichkeiten, als Schreibender fremdes Bewusstsein zu erreichen, äußerte sich der in der
damaligen DDR aufgewachsene und von Ausgrenzung nicht verschonte Schriftsteller Christoph Hein mit einem Zitat von Shakespeare:
„Der Intellektuelle hat Paria zu sein in der Gesellschaft. Er hat alles, worauf sie sich gründet, in Frage zu stellen, im Namen des Humanen.“

Darin sieht er auch eine große ethische Verpflichtung, wie er seinerzeit in seiner Dankrede hervorhob:

„Das Wissen um Verlust und beängstigende Schuld kann uns motivieren,
bewegen und voranbringen.
Denn zum Lernen gehört auch das Nicht-Vergessen.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträger 2010

Ralf Rothmann
(*1953)

Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Ralf  Rothmann verortet dort viele seiner Erzählungen. Er zeigt sich als scharf beobachtender Diagnostiker der heutigen Gesellschaft, auch in Sozialschichten, die für viele Leserinnen und Leser oft ein unbekanntes Land bedeuten.
In seiner Dankrede vertraute er den Zuhörenden sein poetologisches Credo an:

„Kunst, bei allem Glück, das sie bereiten kann, ist nichts, das sich ins
Genussmittelregal stellen lässt. Wer sie genießen will, dessen Verfallsdatum rückt bedenklich näher.
Kunst, die den Namen verdient, ist etwas, das in Frage stellt und an dem man wächst. Und das ist ein oftmals schmerzhafter Prozess.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträger 2012

Michael Lentz
(* 1964)

Michael Lentz lässt sich weder auf eine bestimmte literarische Form noch auf den Umgang mit Sprache festlegen, sei es als Erzähler, als Sprachanalyst oder als Sprachexperimentator. Wichtig für ihn ist, dass sich die Kraft der Sprache überträgt, dass sie nicht als etwas Abgeschlossenes gespeichert, sondern im Jetzt erlebt werden soll, mit offenem Ausgang. Der Autor des Romans „Pazifik Exil“ widmete seine Dankrede für den Literaturpreis allein Walter Hasenclever selbst und charakterisierte als hervorragender Kenner treffend die Verkürzung der gattungstypologischen Vielfalt von dessen Werk auf nur zwei Merkmale:

„[Dieses] ist rezeptionsgeschichtlich zwischen
die Stühle von Expressionismus- und Exilforschung geraten.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträger  2014

Michael Köhlmeier                                                           
(* 1949)

Für Michael Köhlmeier ist die Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen um Schuld und um Bewährung, Liebe und Tod oft verbunden mit der Überlieferung aus frühen Zeiten der Menschheitskultur – sowohl von den klassischen Sagen und biblischen Erzählungen als auch von Mythen, Legenden und Klassikern der Literatur.
In seinen Romanen, Lesungen und philosophischen Veranstaltungen spricht er immer auch die Verantwortung des Schriftstellers an – wie in seiner Dankrede:

„Es gibt Zeiten, in denen kann es sich ein Menschenleben nicht bequem machen,
ohne beschmutzt zu werden –
vom Verbrechen des Verrats, vom Verbrechen des Verschweigens, vom Verbrechen des tatenlosen stummen Zusehens.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträgerin  2016

Jenny Erpenbeck                                                                               
(* 1967)

Was die in Berlin lebende Schriftstellerin Jenny Erpenbeck unverwechselbar macht, ist ihre innere Beteiligung an den Schicksalen, die sie in ihren Romanen und Erzählungen schildert, nach sorgfältiger Faktenanalyse und in einer Sprache, die so klar und direkt ist wie ihr Gegenstand kompliziert. Denn sie interessieren vor allem die Bruchstellen, an denen bisher Gültiges aufgegeben werden muss, aber Neues noch in Frage und zur Diskussion steht.
Was mit der Problematik der nach Europa flüchtenden Menschen zu bedenken gilt, spricht sie in Gedanken aus, die einen nicht so schnell wieder loslassen:
„Leider ist es wahrscheinlich so, wie es immer schon war: dass wir diesen so genannten ‚Anderen’ hassen, damit wir uns in ihm nicht wiedererkennen müssen.“

 

 

Walter-Hasenclever-Preisträger  2018

Robert Menasse
(* 1954)

Zu Unrecht wird der in Wien lebende Autor Robert Menasse von Romanen, Essays, kulturtheoretischen und politischen Schriften auf die europaweit diskutierten Publikationen wie „Die Hauptstadt“ reduziert.  Er ist nicht nur ein Visionär Europas.
Sein Romanwerk umfasst sowohl die Beschäftigung mit der Vergangenheit der ideologischen Lager als auch geschichtsphilosophische Auseinandersetzungen und solche mit seinen jüdischen Wurzeln.
Grundtenor seiner schriftstellerischen  Botschaften ist die Forderung, sich mit dem „zerstörerischen Verfall der Scham“ auseinander zu setzen:

„Es wird sich bald entscheiden müssen, ob auf diesem Kontinent in Zukunft Menschenrecht oder wieder Faustrecht herrscht.“

 

Walter-Hasenclever-Preisträgerin 2020

Marica Bodrožić                                                             
(* 1973)

Die in Dalmatien geborene, in Hessen aufgewachsene deutsche Schriftstellerin Marica Bodrožić ist eine anerkannte Frau des Wortes, die sich auf einem geistigen Weg als Europäerin sieht und formuliert:
„Der Europäer ist ein Mensch mit Erinnerungen“, von der Herkunft zu einer Ankunft in der Zukunft.

Sie zeigt eine gattungsübergreifende Vielfalt der Ausdrucksformen, in lyrischen Texten, Essays, Romanen und sprachphilosophischen Betrachtungen.
Die Expressivität der Sprache bringt sie mit dem Leben selbst in direkte Verbindung: „Leben und Sprache sind eins.“
So schloss sie 2014 eine Poetikvorlesung an der Wiesbadener Rhein-Main-Hochschule.

„Für mich gehört zur Tat auch das Wort, das Macht und Handlung in sich trägt.
Das wahre Wort entspringt dem Schweigen, mit dem eine jede „Alexanderschlacht“ ausgelöscht wird – die gute Tat ist das aufrichtige Leben und der aufrichtige, wahrhaftige Text ist seine Fortsetzung.“

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.